Unterricht nach Corona "Ein Schulsystem aus dem 19. Jahrhundert"

Die Schulen öffnen wieder, Familien und Lehrer planen die Zeit bis zu den Sommerferien. Bildungsexperten sagen: Der Blick muss viel weiter reichen.
Leeres Klassenzimmer: Wie wird sich Schule durch die Coronakrise verändern?

Leeres Klassenzimmer: Wie wird sich Schule durch die Coronakrise verändern?

Foto: Klaus-Dietmar Gabbert/ dpa

Ratlos und überfordert, jedenfalls manchmal, fühlte Inken Pauli sich schon nach der zweiten Woche der Schulschließungen. Und die Ratlosigkeit hat bei der Mutter zweier Schulkinder in München seither noch zugenommen: "Eltern müssen neben dem eigenen Homeoffice noch Lehrkraft spielen, ein einheitliches Konzept für den Unterricht auf Distanz kann ich nirgendwo erkennen", sagt Pauli.

Letztlich sei es eine "Lotterie", wie stark sich die jeweilige Schule, die Schulleitung und die Lehrkraft für digital gestützte Unterrichtsformate engagieren: In vielen Fällen müssten Eltern "das Arbeitsmaterial der Lehrer mit den Kindern gemeinsam erarbeiten und teilweise korrigieren" - und die Qualität der Materialien sei "sehr unterschiedlich". Außerdem würden die Aufgaben an die Kinder über ganz verschiedene Kanäle verteilt, sodass es wiederum Aufgabe der Eltern sei, alles im Blick zu behalten. "Korrekturen und Feedback zu gelösten Aufgaben bleiben oft aus, Selbstkorrektur, -motivation und -reflektion wird erwartet", ärgert sich Inken Pauli.

Zusammen mit anderen Eltern hat Pauli deshalb eine Petition  gestartet, in der sie sich für gemeinsame Pläne der Bundesländer einsetzt. Die Eltern fordern von den Kultusministerien der Länder unter anderem die Entwicklung eines einheitlichen Konzepts für digitalen Unterricht in den einzelnen Jahrgangsstufen und eine schnelle Ausstattung aller Schülerinnen und Schüler mit zuverlässigem Internet, digitalen Endgeräten und Druckern. "Die große Herausforderung besteht darin, Präsenz- und Onlineunterricht zusammenzubringen - und zwar nicht nur bis zu den Sommerferien, sondern weit darüber hinaus", sagt Inken Pauli.

"Schulsystem aus dem 19. Jahrhundert"

Die Forderung der Münchner Mutter wird auch auf ganz anderer Ebene erhoben. In den deutschen Schulen gebe es noch viel zu tun, bestätigt Andreas Schleicher, der als Bildungsforscher bei der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) die Pisa-Studien verantwortet. Ähnlich wie der Schulleistungstest zeige auch die Coronakrise die Schwächen des deutschen Schulsystems auf, sagt Schleicher: "Es gibt die Technik des 21. Jahrhunderts, es gibt pädagogische Konzepte aus dem 20. Jahrhundert und ein Schulsystem aus dem 19. Jahrhundert." Um diese Einzelkomponenten zu einem funktionierenden, zukunftsfähigen System zu machen, müsse man "noch sehr, sehr viel arbeiten". Vor allem die Aus- und Weiterbildung der Lehrkräfte sei da ein entscheidender Hebel, so Schleicher.

Vor genau dieser Herausforderung steht Myrle Dziak-Mahler, Geschäftsführerin des Zentrums für LehrerInnenbildung (ZfL) an der Universität zu Köln. "Ich beobachte bei vielen Lehrkräften das Missverständnis, dass es irgendwann wieder ein Zurück in die alte Normalität vor Corona gibt", sagt Dziak-Mahler. In der Coronakrise sieht sie die Chance, das Schulsystem von alten Verkrustungen zu befreien und auf eine digitale Zukunft einzustellen.

"Wir brauchen jetzt dringend eine flächendeckende, technisch ausreichende Ausstattung der Schulen", sagt die Bildungsexpertin, "und zwar nicht mit Whiteboards oder W-LAN, sondern mit Tools für Videokonferenzen, damit echter Fernunterricht möglich ist." Die Chance zu einer Eigenentwicklung eines solchen Tools habe Deutschland in den vergangenen zehn Jahren verschlafen, jetzt müsse man nehmen, was auf dem Markt sei - "damit einerseits die Kinder und Jugendlichen erreicht werden, andererseits aber auch die Lehrkräfte eingebunden werden können, die nicht in die Schule kommen dürfen, weil sie selbst einer Risikogruppe angehören."

Das aktuelle Schuljahr? "Ist gelaufen"

Es gebe, sagt Myrle Dziak-Mahler, "einen riesengroßen Fehler, den wir jetzt nicht machen dürfen: dass wir uns nicht oder erst später mit dem neuen Schuljahr beschäftigen." An das noch laufende Unterrichtsjahr brauche man keinen Gedanken mehr verschwenden. "Das ist gelaufen", sagt die Kölner Bildungsexpertin. Stattdessen müsse sich der Fokus in den Schulen und in der Bildungspolitik jetzt sofort auf die Zeit nach den Sommerferien richten. Dass die Kultusministerkonferenz am Mittwoch verkündete, jetzt eine Arbeitsgruppe einzusetzen, um auf das nächste Schuljahr zu schauen, findet Dziak-Mahler "so absurd, dass es fast schon wieder zum Lachen ist" - wären da nicht die Schülerinnen und Schüler.

Sie denke an die Kinder, "die derzeit zu Hause regelrecht abgeschnitten sind, weil sie sich zu dritt einen Laptop teilen müssen oder weil sie die Arbeitsblätter auf dem Smartphone mit dem begrenzten Datenvolumen bearbeiten", sagt die ZfL-Leiterin. Auch für OECD-Bildungsfachmann Andreas Schleicher ist das eine der größten Herausforderungen in der aktuellen Situation: Einerseits gebe es die Schüler mit Zugang zur Technik und der - auch vom Elternhaus gestützten - Lust am Lernen. Und andererseits diejenigen, denen diese Unterstützung fehlt. "Wir sehen sehr klar, dass Zugang, Nutzung und Qualität von Onlineangeboten sich sehr stark auswirken auf Chancenungerechtigkeiten", so Schleicher.

Eine Sonderauswertung der Bildungsstudie ICILS hatte am Freitag verdeutlicht, wie groß das Problem ist: Demnach fehlt Jugendlichen aus ärmeren Familien deutlich öfter die technische Ausstattung für eine erfolgreiche Teilnahme am Fernunterricht. 36 Prozent der Kinder mit niedrigerem finanziellem Status gaben dabei an, dass es in ihrer Familie höchstens eines der benötigten digitalen Geräte gebe. Bei Jugendlichen aus besser gestellten Familien war das nur bei rund 15 Prozent der Fall.

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