Verdacht auf Gewalt in Kitas Alleingelassen, bloßgestellt, zum Essen gezwungen

Der Personalmangel in Kitas und Krippen wird zunehmend zur Gefahr für Kinder. Eine Umfrage aus Bayern offenbart einen drastischen Anstieg von Gewaltfällen.
Gerade beim Essen kommt es zu grenzüberschreitendem Verhalten

Gerade beim Essen kommt es zu grenzüberschreitendem Verhalten

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Angelika Warmuth/ dpa

Der Personalmangel in deutschen Kindestagesstätten kann verheerende Auswirkungen auf die Sicherheit und das Wohlbefinden der Kinder haben. Das legt eine Umfrage des Bayerischen Rundfunks  unter Kita-Aufsichten im Freistaat nahe. Der Sender hatte dazu 76 Aufsichtsbehörden von Kindertagesstätten und Krippen befragt, 59 gaben Auskunft.

Die Ergebnisse erschrecken: 232 Meldungen über seelische und körperliche Gewalt hatten die teilnehmenden Behörden bis Anfang Dezember dokumentiert – rund hundert Verdachtsfälle mehr als im Jahr zuvor. Dazu zählt etwa, dass Kinder vom Personal zum Essen gezwungen, erniedrigt, bloßgestellt oder grob angefasst werden.

Besonders drastisch haben Verstöße gegen die Aufsichtspflicht zugenommen, sie haben sich im Jahr 2022 mehr als verdoppelt. Weil Personal fehlt, müssen in vielen Einrichtungen immer weniger Erwachsene immer mehr Kinder betreuen.

Personalmangel als Risikofaktor für Gewalt

Die Zahlen bilden nur einen Teil der Realität ab: Zehn Behörden gaben in der Umfrage an, Verdachtsmeldungen gar nicht zu zählen. Gleichzeitig können nur solche Fälle dokumentiert werden, die Kitas an die Aufsichtsbehörden melden. Die Dunkelziffer dürfte deshalb weit höher liegen. Alle befragten Behörden meldeten Personalmangel in ihren Einrichtungen – ein Großteil sah darin einen Risikofaktor für Gewalt.

Das Reporterteam des BR befragte außerdem mehr als 60 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Kitas. Nur zwei von ihnen gaben an, noch keine seelische oder körperliche Gewalt gegen Kinder in ihren Einrichtungen erlebt zu haben.

Kitas und Krippen sind in Deutschland auf kommunaler Ebene organisiert. Bundesweit vergleichbare Daten zu bekommen, ist deshalb schwierig. Die Umfrage des BR bezieht sich auf Einrichtungen in Bayern – doch auch in anderen Bundesländern schlagen Verbände und Gewerkschaften immer wieder Alarm.

Studie: Grenzüberschreitendes Verhalten vor allem beim Essen

Im Sommer 2021 erschien die bundesweite Studie »Beteiligung von Kindern im Kita-Alltag« , die Fachhochschule Potsdam und die Universität Graz hatten sie im Auftrag des Bundesfamilienministeriums erstellt. Ein Team aus Wissenschaftlerinnen hatte Alltagssituationen in 89 Kitas und Krippen offen gefilmt und ausgewertet.

Vor allem beim Essen beobachteten die Forscherinnen immer wieder »grenzüberschreitenden Körperkontakt« und nicht angemessenes Verhalten der pädagogischen Fachkräfte: Sie schoben etwa den Stuhl samt Kind so nah an den Tisch, dass das Kind den Oberkörper kaum bewegen konnte. Andere stellten den Teller auf dem Lätzchen ab, ebenfalls um zu verhindern, dass sich die Kinder beim Essen zu viel bewegen. In rund 30 Prozent der zehnminütigen Essenssequenzen beobachteten die Forscherinnen solche Vorfälle ein- bis viermal. In 16 Prozent der Situationen sogar noch öfter.

Lediglich in einem Fünftel der ausgewerteten Spielsituationen und elf Prozent der Essenssequenzen beobachteten die Forscherinnen überhaupt kein grenzüberschreitendes Verhalten.

olb
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