Schulen in der Coronakrise Auf, zu – ja was denn jetzt?

Schüler verweigern den Unterricht, mit Unterstützung der Lehrer. Eine Ministerin zofft sich mit einer Direktorin öffentlich bei Twitter. Wie geht es mit den Schulen weiter? Ministerin Karlizcek hat einen Plan.
Kein Schüler, nirgends: Was Virologinnen dringend empfehlen, wollen viele Bildungspolitikerinnen möglichst bald ändern

Kein Schüler, nirgends: Was Virologinnen dringend empfehlen, wollen viele Bildungspolitikerinnen möglichst bald ändern

Foto: Fabian Strauch / dpa

Montagmittag stellt Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) eine neue Leitlinie vor. Es geht um konkrete Maßnahmen, wie Covid-Infektionen an Schulen verhindert werden sollen. Der Inhalt hat Brisanz: Die Leitlinie fasst zusammen, welche Anforderungen Schulen erfüllen müssten, um »einen möglichst sicheren, geregelten und kontinuierlichen Schulbetrieb in Pandemiezeiten zu ermöglichen«.

Das Papier, das dem SPIEGEL vorliegt, gibt Empfehlungen, wie – nicht aber wann – der Schulbetrieb wieder aufgenommen werden sollte. Forscherinnen und Forscher verschiedener Fachrichtungen, vor allem aus Medizin und Epidemiologie, hatten dafür 40 wissenschaftliche Studien ausgewertet, um aus den empirischen Erfahrungen der vergangenen Monate konkrete Konzepte abzuleiten.

Die Fachleute betonen, dass die Handlungsempfehlungen als Gesamtpaket zu verstehen sind: Setzen die Länder nur einzelne Maßnahmen um, schränke das die Wirksamkeit massiv ein. Viele der Empfehlungen sind aus den Diskussionen der vergangenen Monate bereits bekannt:

  • So dürfte der Appell zum Tragen einer Maske auf dem Schulweg und in den Schulen kaum überraschen. Lediglich an Grundschulen wollen die Fachleute bei niedrigem Infektionsgeschehen zeitlich und örtlich begrenzte Ausnahmen zulassen.

  • Lehrkräfte sollen die Klassenzimmer regelmäßig lüften – entsprechende Anweisungen gelten an allen Schulen bereits seit Herbst. Ergänzend könnten mobile Luftfilter eingesetzt werden, heißt es in der Leitlinie. Mehrere Bundesländer haben bereits Förderprogramme für die Anschaffung von Luftreinigern ins Leben gerufen. In Klassenzimmern, in denen nicht gelüftet werden könne, dürfe auch kein Unterricht stattfinden.

  • Auch der Ratschlag, den Präsenzunterricht abhängig vom allgemeinen Infektionsgeschehen zu reduzieren, ist nicht neu: Schüler und Schülerinnen sollen in möglichst kleine Lerngruppen aufgeteilt werden, die bei hohem Infektionsgeschehen abwechselnd zu Hause bleiben.

  • Schülerinnen und Schüler mit einer möglichen Erkrankung sollen 48 Stunden bis zum Abklingen der Symptome nicht am Präsenzunterricht teilnehmen. Nach einem Risikokontakt müssen Betroffene zwei Wochen in Quarantäne. Haben Sie keine Symptome, soll ein Test durchgeführt werden, um die Quarantäne gegebenenfalls zu verkürzen.

Spezifischer wird der Leitfaden beim Musik- und Sportunterricht. Beide sollen weiterhin stattfinden. In Innenräumen solle beim Musikunterricht allerdings auf »aerosolgenerierende Aktivitäten« wie Singen verzichtet werden. Das sei nur draußen oder im Einzelunterricht möglich. Ähnlich fallen die Ratschläge für den Sportunterricht aus: Auch der soll, falls möglich, draußen stattfinden. Dort könnten verkleinerte, aber konstante Lerngruppen auch die Masken abnehmen.

Die Veröffentlichung der Leitlinie ist aus Sicht der Bildungsministerin ausdrücklich kein Plädoyer gegen Schulschließungen – dürfte aber, zwei Tage vor dem Treffen der Länderchefs mit Kanzlerin Angela Merkel, von etlichen Bildungsakteuren genau so gelesen werden. Denn Eltern und Lehrkräfte, Landesministerinnen und Schülervertreter versuchen im Vorfeld des Corona-Gipfels, Stimmung zu machen: mal für, mal gegen eine weitere Schließung der Schulen.

KMK will Kurswechsel

So plädierte Britta Ernst, Präsidentin der Kultusministerkonferenz (KMK), nachdrücklich für einen Kurswechsel bei der Schulstrategie. »Wir wünschen uns Lockerungen für den Schulbetrieb«, sagte die SPD-Politikerin im Deutschlandfunk, räumte aber ein: »Ob das der 14. Februar, eine oder zwei Wochen später sein wird, ist im Moment ja noch nicht zu sagen.«

Die Virologin Melanie Brinkmann hatte zuvor im SPIEGEL-Interview  dafür geworben, einen harten Schnitt zu wagen: »Kurzfristig müssen wir die Schulen geschlossen halten, sonst kriegen wir sie wegen der ansteckenderen Varianten sehr, sehr lange nicht mehr richtig geöffnet«, so die Forscherin.

Ernst betonte dagegen, ein harter Shutdown sei mit manchen Lernangeboten nicht vereinbar. Eine systematische Unterstützung der Schüler sei aber dringend notwendig. Insbesondere für Grundschüler sehe sie die lange Dauer der Schließung als problematisch an.

In eine ähnliche Richtung argumentiert ein am Sonntag publizierter offener Brief  von mehr als 170 Kinder- und Jugendpsychotherapeuten und -therapeutinnen. »Die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen muss geschützt werden«, fordern sie und verweisen auf die psychischen Folgen der Krise für die Jugendlichen.

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»Sichere Öffnung von Kitas und Schulen«

»Wir beobachten vermehrt Trennungsängste und Verhaltensauffälligkeiten, Aggressionen oder Schlafstörungen, bei Kleinkindern eine Zunahme von Schulängsten durch fehlende Kontinuität«, sagt Klaus Riedel, einer der Unterzeichner. Die Therapeuten fordern unter anderem eine stärkere Berücksichtigung der Situation von Kindern und Jugendlichen bei den politischen Beratungen und »die sichere Öffnung von Kitas und Schulen« nach aktuellen Hygienekonzepten.

Schleswig-Holsteins Bildungsministerin Karin Prien (CDU) schrieb am Sonntagabend auf Twitter von »Dilemma-Entscheidungen«, vor denen sie und ihre Kollegen in der Schulpolitik stünden. Die Abwägung zwischen Gesundheitsschutz und dem Recht auf Bildung falle schwer, so Prien, denn das Meinungsbild in der Wissenschaft sei »denkbar divers« – eine Aussage, die massiven Widerspruch hervorrief.

So schrieb eine Schulleiterin aus Baden-Württemberg: »Mit Verlaub, ich bin Rektorin und kämpfe für beste Bildung und Bildungsgerechtigkeit. Jeden Tag. Aber: Gesundheit steht ganz klar vor Bildung.« Priens Antwort: Dieser Satz sei »zu Ende gedacht ein rigider Satz, den ich nicht teile«.

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CSU-Landesgruppenchef Alexander Dobrindt denkt unterdessen laut darüber nach, den angekündigten Vorrang von Bildungseinrichtungen bei möglichen Lockerungen wieder zu kassieren. »Wenn man über die Reihenfolge von Lockerungsmechanismen diskutiert, muss nicht zwingend die Schule zu Beginn stehen«, sagte Dobrindt dem »Münchner Merkur«. Er wisse, dass die Forderungen danach besonders stark seien und es dafür auch gute Gründe gebe, »aber ein mögliches Infektionsgeschehen in den Schulen stellt aus meiner Sicht kein unwesentliches Risiko dar«.

Lehrkräfte und Jugendliche als »Versuchskaninchen«?

Auch der Deutsche Lehrerverband warnt vor einer schnellen Rückkehr zum Präsenzunterricht. Eine Öffnung sei nur »sehr behutsam und vorsichtig« und »auf keinen Fall flächendeckend in allen Regionen möglich«, sagte Präsident Hans-Peter Meidinger der »Welt«. In Städten und Landkreisen mit geringem Infektionsgeschehen sollten Bildungseinrichtungen nur stufenweise in den Wechselbetrieb zwischen Präsenz- und Fernunterricht zurückkehren und in halbierten Gruppen mit Mindestabstand unterrichten, forderte er.

In Nürnberg hatten in der vergangenen Woche Abiturientinnen und Abiturienten an sieben Schulen den Präsenzunterricht verweigert. Mit der neuen ansteckenden Corona-Mutation sei es nicht zu verantworten, dass man sich zwischen Bildung und Gesundheit entscheiden müsse, sagte Ioana Atanasoaie, Abiturientin am Nürnberger Hans-Sachs-Gymnasium, in einem Interview mit dem BR.

Unterstützung gab es dafür von unerwarteter Seite – vom Bayerischen Philologenverband. Die Vertretung der Gymnasiallehrer erklärte: »Die Politik warnt vor den Mutationen und appelliert an die Verantwortung, Homeoffice wird dringend empfohlen, und es herrschen ein strenger Lockdown mit Ausgangssperre. Aber die Abiturklassen und ihre Lehrkräfte sollen in den Wechselunterricht.« Viele Lehrkräfte sowie Schülerinnen und Schüler fühlten sich momentan wie »Versuchskaninchen«.

mit Material von dpa und AFP
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