Jörg Dräger

Wenig Kontakte, keine Lernmotivation Warum die Coronakrise manchen Kindern besonders schadet

Jörg Dräger
Ein Gastbeitrag von Jörg Dräger
Ein Gastbeitrag von Jörg Dräger
Wie können wir leistungsschwache Kinder unterstützen? Auf Noten zu verzichten oder das Schuljahr zu verlängern, nutzt nichts. Was stattdessen helfen könnte.
Leeres Klassenzimmer (Symbolfoto)

Leeres Klassenzimmer (Symbolfoto)

Foto: Hauke-Christian Dittrich / dpa

Öffnen oder wieder schließen, Distanz- oder Präsenzunterricht – das aktuelle Coronageschehen lässt eine verlässliche Planung des Schulbetriebs nicht zu. Was aber planbar ist: Spätestens nach den Sommerferien werden Deutschlands Schüler:innen bundesweit in die Schulen zurückkehren.

Während für manche der Distanzunterricht dank eigener Disziplin und elterlicher Unterstützung gut funktionierte, werden andere Kinder erhebliche Lernrückstände aufweisen. Insbesondere für diejenigen, die schon vor Corona mit Schwierigkeiten zu kämpfen hatten und denen das selbstständige Lernen große Mühe bereitet, ist diese Situation dramatisch.

Untersuchungen aus der Zeit des ersten Lockdowns in Deutschland ergaben, dass sich die tägliche Lernzeit im Vergleich zum normalen Schulbetrieb mehr als halbiert hatte. Besonders stark fiel der Rückgang bei leistungsschwächeren Schüler:innen aus, die ihre Homeschooling-Zeit häufiger mit Fernsehen, Smartphone oder Videospielen verbrachten als ihre Mitschüler:innen. Kinder mit schwächeren Schulleistungen stammen in Deutschland oft aus sozial benachteiligten Familien.

Sie zu erreichen, fällt im Distanzunterricht besonders schwer. So berichteten einzelne Brennpunktschulen, dass sie zu knapp der Hälfte ihrer Schüler:innen in der ersten Lockdown-Phase überhaupt keinen Kontakt hatten. Auch eine Auswertung der Abschlusstests in den Niederlanden im Sommer 2020 zeigte, dass die Lerndefizite infolge der Schulschließungen bei Kindern aus sozial benachteiligten Familien am höchsten lagen.

Neu ist das Phänomen nicht: US-amerikanische Bildungsforscher haben bereits Mitte der Neunzigerjahre nachgewiesen, dass sich die dortigen längeren Sommerferien besonders negativ auf die Leistungen von Kindern aus einem bildungsfernen Umfeld auswirken.

Kinder wieder motivieren

Corona wird die Schere zwischen den leistungsstärkeren und -schwächeren Schüler:innen weiter auseinandertreiben. Für die Zukunft dieser jungen Menschen, aber auch für unsere Gesellschaft als Ganzes ist diese Entwicklung verheerend. Schon vor Corona hatte sich der Anteil der Jugendlichen ohne Ausbildung in den vergangenen Jahren kontinuierlich erhöht: Fast jeder Siebte in Deutschland steht mittlerweile ohne jeden beruflichen Abschluss da und hat es damit schwer, am Arbeitsleben teilzunehmen. Ohne die nötige schulische Bildung blieben künftig noch mehr von ihnen auf der Strecke.

Wie bei einem Zug, der einmal einer Verspätung hinterherfährt, wird es kaum noch möglich sein, bis zum Sommer die verlorene Schulzeit aufzuholen. Wichtiger ist es, die abgehängten Kinder überhaupt wieder in Lernprozesse zu integrieren. Oder, um im Bild zu bleiben, sie überhaupt in irgendeinen Zug in die richtige Richtung zu setzen.

Leider weisen die aktuellen Signale aus der Politik – von einer Verkürzung der Sommerferien über Samstagsunterricht bis hin zur Wiederholung des Schuljahrs oder einem Verzicht auf Noten – in die falsche Richtung. Solche schematischen Maßnahmen zielen am Kern des Problems vorbei. Denn es geht nicht nur um das Nachholen des versäumten Unterrichtsstoffes, sondern vor allem darum, die leistungsschwächeren Schüler:innen überhaupt wieder für das Lernen zu motivieren. Diese zentrale Aufgabe können wir, gerade auch angesichts Zehntausender fehlender Lehrkräfte, nicht ausschließlich in den bestehenden Strukturen der Schulen und durch eine Ausweitung der schulischen Betreuung bewältigen.

30 Nachhilfestunden für jeden

Die Politik ist jetzt gefordert, pragmatische und differenzierte Lösungen für die Zeit der Sommerferien und den Beginn des neuen Schuljahrs zu finden. Dabei sollten Maßnahmen zur individuellen Unterstützung und Nachhilfe das wichtigste Instrument sein. Dies wird nur mithilfe von Institutionen außerhalb der Schule gelingen. Beispiele und Angebote gibt es genug.

In Großbritannien etwa hilft das »National Tutoring«-Programm seit dem vergangenen Jahr den Schulen dabei, mit staatlichem Geld private Tutor:innen anstellen zu können. Mecklenburg-Vorpommern hat Mittel für die Schulen bereitgestellt, um Lehramtsstudierende für das Nachholen des Lernstoffs zu gewinnen. Zusätzlich finanziert die dortige Regierung bis zu 30 Nachhilfestunden, die jeder Schüler und jede Schülerin bei einem privaten Anbieter seiner oder ihrer Wahl nehmen kann.

Bundesweit sind im Zuge der Coronakrise zahlreiche neue Plattformen entstanden, auf denen Schüler:innen mit Lerndefiziten persönliche Mentor:innen finden können. Sie treten an die Seite von bereits etablierten und erprobten Angeboten, wie der 2007 gegründeten Bildungsinitiative Teach First, die sich auf Lernhilfe für Schüler:innen aus benachteiligtem Umfeld spezialisiert hat. Solche Mentoringprogramme, die Jugendlichen aus benachteiligten Verhältnissen jeweils Studierende zur Seite stellen, haben sich laut einer aktuellen Studie des ifo-Instituts  als wirksam erwiesen.

Es ist entscheidend, dass diese Maßnahmen jetzt zügig umgesetzt werden und zielgenau die Kinder erreichen, die sie am nötigsten haben. Wie schwierig das bisher war, hat die Bertelsmann Stiftung in einer Studie nachgewiesen. Ein großer Teil der Schüler:innen, die vor Corona Nachhilfe in Anspruch nahmen, war nicht der mit dem größten Bedarf: Diese Schüler:innen entstammten meist der bürgerlichen Mittelschicht und hatten bereits solide Noten, während die Kinder aus prekären Verhältnissen die Angebote kaum nutzen konnten.

Eine der größten Bildungskrisen unseres Landes

Schnelltests, Impfungen, Soforthilfen für Betriebe, Ausgleichszahlungen für Krankenhäuser: Für viele Coronamaßnahmen setzt die Politik Steuermittel ein. Eine zielgerichtete staatliche Unterstützung haben auch alle Kinder und Jugendlichen verdient, die wieder in den Lernprozess integriert werden müssen. Wenn die Schulen dafür aktuell nicht die Kapazitäten haben, kann und muss der Staat sich zivilgesellschaftlicher und privater Initiativen bedienen. Das ist keine Bankrotterklärung des staatlichen Bildungssystems, sondern eine pragmatische Lösung in einer der größten Bildungskrisen unseres Landes.

Im vergangenen Jahr hat die Pandemie das deutsche Schulsystem kalt erwischt. Auch wenn wir uns über die verschlafene Digitalisierung zu Recht ärgern: Auf eine Ausnahmesituation dieses Ausmaßes konnte man sich nicht vorbereiten – auf die Rückkehr zum Regelbetrieb an den Schulen hingegen schon. Wenn es die Bildungspolitik jetzt versäumt, die Weichen so zu stellen, dass Hunderttausende Schüler:innen wieder zum Lernen zurückfinden, wäre das unverzeihbar.

Corona darf nicht zum dauerhaften Abstellgleis für sie werden.