Miriam Olbrisch

SPIEGEL-Bildungsnewsletter Lernen auf der Baustelle

Liebe Leserinnen, liebe Leser, guten Morgen,

rissige Wände, schmutzige Toiletten, undichte Fenster und Dächer: Viele Schulen in Deutschland befinden sich in einem erbärmlichen Zustand. 45 Milliarden Euro wären nötig, um die Gebäude zu sanieren, haben Analysten der staatlichen Förderbank KfW ausgerechnet.

Eine Grundschule in Berlin-Wedding hat ihre Schülerinnen und Schüler neulich mal wieder ins Homeschooling schicken müssen.

Eingangsbereich der Anna-Lindh-Schule in Berlin-Wedding: Wegen Schimmels ist das komplette Hauptgebäude gesperrt

Eingangsbereich der Anna-Lindh-Schule in Berlin-Wedding: Wegen Schimmels ist das komplette Hauptgebäude gesperrt

Foto:

Jürgen Ritter / imago images/Jürgen Ritter

Nicht wegen eines akuten Coronaausbruchs, sondern weil das Gebäude so verschimmelt war, dass man es den Kindern nicht weiter zumuten konnte. Inzwischen wird der Unterricht nach und nach in die ehemalige Firmenzentrale von Air Berlin verlagert.

»Man hat sich – besonders in Berlin, aber nicht nur dort – daran gewöhnt, dass bei Kindern zuerst gekürzt wird«, kommentiert SPIEGEL-Kolumnistin Sabine Rennefanz (»Debatte der Woche«).

Weil der Zustand der Schulgebäude oft von der Finanzkraft der Kommune abhängt, auf deren Boden das Gebäude errichtet wurde, sind die Unterschiede regional immens. Wie sieht es an Ihrer Schule, in Ihrem Klassenzimmer, auf dem Schulhof oder im Lehrerzimmer aus? Lassen Sie uns gern teilhaben, wir freuen uns über Einblicke in die Schulgebäude der Republik. Schicken Sie uns ein Foto an bildung@spiegel.de . Wäre die Lage nicht so ernst, würden wir glatt ein Gewinnspiel daraus machen.

Ansonsten blicken wir in diesem Newsletter auf die neuesten Entwicklungen in der Pandemiepolitik (»Das ist los«) und berichten, warum Hamburgs Schulsenator Ties Rabe Lehrkräfte wachküssen möchte (»Zitat der Woche«).

Das Team der Kleinen Pause wünscht allen eine gute Schulwoche.

Herzliche Grüße

Miriam Olbrisch
für das Bildungsteam des SPIEGEL

Das ist los

1. Corona vs. Gasknappheit

Maskenpflicht an Schulen (Symbolbild)

Maskenpflicht an Schulen (Symbolbild)

Foto:

Sebastian Gollnow / dpa

Was wiegt schwerer – die Pandemie bekämpfen oder Energie sparen? In Berlin hat eine Ankündigung des Senats Aufregung ausgelöst: Wie der »Tagesspiegel« berichtet , sollen die rund 23.000 teuer angeschafften Luftfiltergeräte im Winter möglicherweise ausgeschaltet bleiben, um Energie zu sparen.

Die Vorsitzende der Jungen Liberalen, Franziska Brandmann, fordert in einem Interview im aktuellen SPIEGEL, Schulen sollten der letzte Ort sein, an dem gespart werden sollte. Stattdessen hätten die Länder bessere Vorkehrungen für einen weiteren Pandemieherbst treffen sollen.

Unterdessen hat die Bundesregierung in ihrer Neufassung des Infektionsschutzgesetzes eine wichtige Korrektur vorgenommen: Eigentlich hätten Kinder, bei denen ein Coronaverdacht besteht, Schulen oder Kitas nur mit ärztlichem Attest oder negativem, offiziellem Test betreten dürfen. Damit wären Kinder schlechter gestellt gewesen als Erwachsene, wie KMK-Präsidentin Karin Prien (CDU) im NDR argumentierte . Erwachsene könnten sich bei einer Infektion nach fünf Tagen wieder frei bewegen – Schülerinnen und Schüler hätten sich freitesten müssen. Dieser Passus wurde nun abgeändert.

2. Zu wenig Platz, Teil eins

Es wird eng in Deutschlands Klassenzimmern, vielerorts mittlerweile sogar zu eng. Durch die Zuwanderung geflüchteter Kinder und Jugendlicher aus der Ukraine stoßen Schulen in manchen Regionen nun an ihre Kapazitätsgrenzen. In Nordrhein-Westfalen etwa haben mehr als 3800 ukrainische Kinder bislang noch keinen Platz an einer Schule erhalten, wie der WDR berichtet . Meine Kollegin Swantje Unterberg hat ein Lagebild zusammengetragen.

Grundschüler aus der Ukraine sitzen in einem Klassenzimmer

Grundschüler aus der Ukraine sitzen in einem Klassenzimmer

Foto: Robert Michael / picture alliance/dpa

3. Zu wenig Platz, Teil zwei

Wie kann es sein, dass ein Notendurchschnitt von 1,1 nicht ausreicht, um einen Platz an einem Gymnasium in der Nähe des Wohnortes zu bekommen? Meine Kollegin Silke Fokken beschreibt im SPIEGEL , warum in Berlin das Gerangel beim Wechsel auf die weiterführende Schule besonders dramatisch ist. Auch in Köln fehlen Gymnasialplätze. Dort brauchen Viertklässlerinnen und Viertklässler Losglück, um ihr Wunschgymnasium besuchen zu dürfen, wie der »Kölner Stadt-Anzeiger« schreibt .

4. Und sonst noch?

Warum interessieren sich Mädchen eher für Kunst und Sprachen, während Jungen tendenziell Mathe und Naturwissenschaften bevorzugen? Ein Team von Forscherinnen und Forschern der Technischen Universität München hat untersucht, woran das liegen könnte – und wie Lehrkräfte hier gegensteuern können. Darüber berichtet der Deutschlandfunk .

Auch in der Schweiz herrscht Lehrkräftemangel. Einige Kantone werben deshalb mittlerweile gezielt Bewerberinnen und Bewerber aus Deutschland an, wie die »Süddeutsche Zeitung« schreibt .

Fast 90 Prozent der Grundschullehrkräfte sind weiblich. Die Hamburger Schulbehörde und die »Zeit«-Stiftung  starten ein gemeinsames Modellprojekt, um den »Gender Gap« an Grundschulen zu verkleinern.

Zitat der Woche

»Um die Digitalisierung in Deutschland voranzubringen, müssen wir 800.000 Lehrkräfte wachküssen.«

Ties Rabe, SPD, Schulsenator in Hamburg

Ties Rabe, SPD, Schulsenator in Hamburg

Foto: Daniel Reinhardt / dpa

Die Ständige Wissenschaftliche Kommission (SWK), eine Art wissenschaftlicher Beirat der Kultusministerkonferenz (KMK), hat ein Gutachten vorgelegt, wie Digitalisierung in Deutschland gelingen soll. 14 konkrete Punkte, die den Damen und Herren an den politischen Schalthebeln arbeitsreiche Monate (und wahrscheinlich sogar Jahre) bescheren könnten. Der Hamburger Schulsenator machte denn auch gleich klar, dass die Politik diese Mammutaufgabe niemals allein werde stemmen können. Eine Analyse des SWK-Gutachtens lesen Sie hier .

Debatte der Woche

Warum sind unsere Schulen so marode? SPIEGEL-Kolumnistin Sabine Rennefanz kann das überhaupt nicht nachvollziehen – und macht ihrem Ärger Luft. Den ganzen Beitrag können Sie hier nachlesen.

»18 Euro mehr Kindergeld, das ist eine der wenigen konkreten Summen aus dem großen Entlastungspaket der Bundesregierung. Und es ist symptomatisch für die Art und Weise, wie Politik für Kinder gemacht wird. Bisschen Geld zum Ruhigstellen im Gießkannenprinzip verteilen. (…) Die Institutionen, die sich um Kinder kümmern und sie betreuen, verfallen unterdessen immer mehr und werden weiter ausgezehrt.

(…) In Berlin platzen die Schulen aus allen Nähten, weil 20.000 Schulplätze fehlen, die Kinder und Jugendlichen aber trotzdem untergebracht werden müssen. Weil – Überraschung – Kinder, die geboren worden sind, später auch einen Schulplatz brauchen. In Deutschland hat ein Kind zwei Wochen nach der Geburt eine Steuernummer, aber sechs Jahre danach ist man überrascht, wenn das Baby plötzlich vor der Schultür steht.«

Welche Erfahrungen haben Sie gemacht? Wie sieht es an Ihrer Schule aus? Wir freuen uns über Zuschriften, gerne mit Bild, an bildung@spiegel.de .

Eine kuriose Meldung zum Schluss

Gruppenfoto mit Waffe: Die Polizei machte ein Erinnerungsbild für die Kinder

Gruppenfoto mit Waffe: Die Polizei machte ein Erinnerungsbild für die Kinder

Foto: Polizei Amsterdam

»Wow, ein Gewehr«: Grundschulkinder aus Amsterdam haben bei einem »Aufräumtag« in der Nähe ihres Schulgeländes eine Maschinenpistole gefunden. Herbeigerufene Polizisten nahmen die Waffe entgegen – nicht ohne mit den Kindern und ihrem Fund noch ein Erinnerungsfoto zu machen.

Das war’s für dieses Mal. Haben Sie ein Thema auf dem Herzen, das wir uns einmal genauer anschauen sollten? Dann schreiben Sie gerne an bildung@spiegel.de  – das Team der »Kleinen Pause« dankt für Ihr Interesse!

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.