Über "Furzkünstler" und Farbenvielfalt Was sich aus Wikipedia lernen lässt – ein Experiment

Egal ob Shutdown oder Quarantäne drohen: In beiden Fällen müssten Schüler wieder zu Hause lernen. Warum nicht Wikipedia durcharbeiten? Peter Grünlich hat es ausprobiert – und Erstaunliches gelernt.
Interview von Silke Fokken
Die Internet-Enzyklopädie "Wikipedia" hat am 15. Januar 2021 Jubiläum: Sie wird 20 Jahre alt (Symbolbild)

Die Internet-Enzyklopädie "Wikipedia" hat am 15. Januar 2021 Jubiläum: Sie wird 20 Jahre alt (Symbolbild)

Foto: Robert Schlesinger/ picture alliance / dpa

Eine Welt ohne Wikipedia? Für viele Schülerinnen und Schüler undenkbar. Das wissen alle, die schon erlebt haben, wie ein Zehntklässler am Tag vor der Klassenarbeit in der Internet-Enzyklopädie noch schnell die Zusammenfassung von Goethes "Faust" nachschlägt. Aber kann Wikipedia noch mehr? Der Autor Peter Grünlich, 48, hat ein Bildungsexperiment gestartet.

Grünlich war gerade auf Weltreise, als ihm im Frühjahr die Coronakrise dazwischenkam. Er reiste von Bolivien zurück nach Hause, nach München. Schon vorher war er allerdings zu einer virtuellen Reise aufgebrochen, die er ungehindert und umso intensiver fortsetzte: durch die Tiefen von Wikipedia. Über seine Erlebnisse hat Grünlich ein Buch geschrieben: "Der Alleswisser: Wie ich versucht habe, Wikipedia durchzulesen, und was ich daraus gelernt habe".

Angesichts der Sorge vor drohenden Schulschließungen oder Corona-Quarantäne könnte die Idee manchen Eltern wie die Lösung aller Probleme erscheinen: Statt sich erneut mit Homeschooling abzumühen, lesen sich die Kinder durch Wikipedia.

Der SPIEGEL: Herr Grünlich, ist Ihr Experiment schülertauglich?

Peter Grünlich: Wikipedia ist jedenfalls mehr als eigentlich total langweilig sortiertes Wissen. Ich fand faszinierend zu sehen, wie viele spannende kleine Geschichten in dieser gigantischen Wissenssammlung stecken. Vermutlich ist es unter Bildungsgesichtspunkten nicht besonders effektiv, sich da durchzuwühlen, weil es ewig dauert. Es kann sich für Schüler und übrigens auch Lehrer aber trotzdem lohnen.

DER SPIEGEL: In Ihrem Buch schreiben Sie, allein die deutsche Wikipedia durchzulesen, würde ungefähr 4300 Tage, also gut elf Jahre dauern – wenn Sie direkt anfangen und auf Schlaf verzichten. Wie viel Zeit haben Sie investiert?

Grünlich: Ich habe mich ein gutes Jahr lang fast jeden Tag einige Stunden da durch gelesen.

ZUR PERSON

Peter Grünlich, 48, ist Journalist, hat unter anderem schon für den SPIEGEL, die "Zeit" und die "SZ" geschrieben und unter diesem Pseudonym schon mehrere Bücher veröffentlicht, darunter Bestseller wie "Was wir tun, wenn der Aufzug nicht kommt". Nach seinem Wikipedia-Experiment bietet er sich nach eigenen Angaben "für ein kleines Trinkgeld" als Telefonjoker bei "Wer wird Millionär?" an.

DER SPIEGEL: Wikipedia ist nach Themen wie Geschichte, Religion und Sport gegliedert. Haben Sie sich einen Stundenplan zusammengestellt?

Grünlich: Nein, ich bin zuerst alphabetisch vorgegangen, aber sofort bei einem schwierigen Begriff gelandet. Moment, der ist so kompliziert, den muss ich selbst noch mal nachlesen. Hier: Der erste Eintrag widmet sich einem Zeichen. Es steht für den stimmlosen lateralen alveolaren Frikativ.

DER SPIEGEL: Was ist das?

Grünlich: Ein stimmloser Reibelaut, der mit der Zunge an den Alveolen, also am oberen Zahndamm, gebildet wird. Er wird leider nur in Walisisch, Kalaallisut, also Grönländisch, Batsisch und Navajo gebraucht. An diesem Beispiel habe ich schnell gemerkt, dass Wikipedia extrem in die Tiefe geht, und es mit Bertolt Brecht gehalten: "Wer A sagt, muss nicht B sagen." Deshalb bin ich auf "zufällige Artikel" gegangen.

"Ich bin auf richtiges 'Wikipediagold' gestoßen."

Peter Grünlich, Autor

DER SPIEGEL: Was haben Sie entdeckt?

Grünlich: Ich habe wahnsinnig langweilige Drittplatzierte in der Disziplin "Luftgewehr schießen" bei den Olympischen Spielen 1986 gefunden oder kleine polnische Orte, die ein Kohlekraftwerk besitzen, das auch deren Wahrzeichen ist. Aber ich bin auch auf richtiges "Wikipediagold" gestoßen.

DER SPIEGEL: Das müssen Sie erklären.

Grünlich: Ich meine damit Artikel wie die über den Hahn, der monatelang ohne Kopf gelebt hat. Oder über Hühnerhypnose oder Kunstfurzer. Einer der bekanntesten Kunstfurzer der Welt war der Franzose Joseph Pujol, der Ende des 19. Jahrhunderts lebte. Der hatte seinen Darm so unter Kontrolle, dass er etwa die Marseillaise flatulieren konnte. Damit ist er bei Königen und Prominenten aufgetreten.

DER SPIEGEL: Witzig, aber fällt das nicht in die Rubrik "Unnützes Wissen"?

Grünlich: Überhaupt nicht. Es gibt kein unnützes Wissen. Gerade die Informationen, die wir als unnütz bezeichnen, sind besonders lustig und dadurch motivierend zum Lernen. Lehrkräfte stehen dauernd vor der Frage, wie sie Stoff für Schüler aufbereiten sollen, um sie zu motivieren. Wenn sie in die Geschichte des 19. Jahrhunderts mit Pujol einsteigen, ist ihnen Aufmerksamkeit sicher. Wikipedia-Wissen kann auf jeden Fall die Lernfreude steigern. Für Lehrerinnen und Lehrer ist dieses Lexikon eine wertvolle Fundgrube.

DER SPIEGEL: Mit Wikipedia-Anekdoten können Schüler später vielleicht in Quizshows wie "Wer wird Millionär?" punkten. Aber Bildung ist mehr als eine Anhäufung von Detailwissen. Haben Sie selbst Zusammenhänge neu verstanden?

Grünlich: Auf jeden Fall. Das gilt zumindest für die Bereiche Psychologie und Geschichte. Sehr viele Artikel beschäftigen sich mit Figuren bestimmter Epochen. Über diesen Umweg habe ich ein starkes Bild von historischen Zusammenhängen bekommen. Diese Möglichkeit könnten auch Lehrkräfte für ihre Schüler nutzen. Eine echte Bildungsalternative ist Wikipedia natürlich trotzdem nicht.

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Grünlich, Peter

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DER SPIEGEL: In Ihrem Buch beschreiben Sie anfangs große Erwartungen: "Meine Hoffnung ist, dass das gesammelte Wikipedia-Wissen, all diese kleinen Puzzleteilchen, irgendwann ein großes Bild ergibt. Dass sich dem Lesenden zumindest ein anderer Blick auf alles erschließt, wenn er oben auf dem Wissensberg hockt und über die Erde blickt wie ein Adler."

Grünlich: Am Ende ist es nicht so, dass man plötzlich die Welt versteht und der Moment kommt, an dem alles einen großen Sinn ergibt. Wikipedia bleibt ein Puzzle aus bezaubernden Einzelteilen. Vor allem habe ich gelernt, dass Lernen und Wissen sammeln etwas Wunderschönes ist. Dass die Farben tatsächlich bunter werden, wenn man etwas über 50 Rottöne gelesen hat. Man kann sich mit jeder Disziplin so eingängig und intensiv beschäftigen, dass sich immer wieder ein Universum des Wissens auffaltet, egal ob es um Farben oder Motten geht.

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DER SPIEGEL: Schüler lernen im Idealfall, dass Wikipedia keine seriöse Quelle ist, weil hier letztlich jeder Freiwillige Artikel schreiben darf. Wie kritisch waren Sie selbst?

Grünlich: Es gibt diverse Fake-Einträge und Fehler, die von Wikipedia selbst dokumentiert werden. Auch mir sind Fehler aufgefallen. Andere Onlinelexika haben Studien zufolge allerdings auch eine gewisse Fehlerquote. Man muss jede Quelle kritisch hinterfragen.

DER SPIEGEL: Laut Ihrem Buchtitel sind Sie nun "Alleswisser". Sind Sie auch Besserwisser?

Grünlich: Man wird eher demütig. Ich weiß jetzt, dass ich nichts weiß, um es mit Sokrates zu sagen. Vor dem Experiment kannte ich – sehr grob geschätzt – 0,01 Prozent des verfügbaren Wissens. Jetzt weiß ich minimal mehr, und ich gebe zu, dass es in meinem Alltag ständig Situationen gibt, in denen mir ein Detail einfällt, das ich bei Wikipedia gelesen habe und zum Besten gebe.

DER SPIEGEL: Wie reagiert Ihr Umfeld?

Grünlich: Es darf nicht wie Klugscheißer-Wissen daherkommen. Dann freuen sich die Leute, wenn ich die Welt mit Detailwissen ein bisschen bunter mache.