Coronafolgen Studierende verschulden sich mit fast zwei Milliarden Euro

Zwei Milliarden Euro Schulden in Form von Studienkrediten und von Oktober an keine Nothilfe mehr: Die Regierung ist mit der Coronabilanz in Sachen Studienfinanzierung zufrieden, die Opposition hält das für zynisch.
Studierendenjob Kellnern: In der Coronakrise kaum noch gefragt

Studierendenjob Kellnern: In der Coronakrise kaum noch gefragt

Foto: Sebastian Gollnow / dpa

Studierende in Deutschland haben sich während der Coronapandemie mit fast zwei Milliarden Euro bei der bundeseigenen KfW-Bank verschuldet. Das geht aus aktuellen Zahlen des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) hervor, die dem SPIEGEL vorliegen.

Für einen sogenannten KfW-Studienkredit sind demnach von Mai 2020 bis August 2021 »insgesamt rund 59.500 Anträge mit einem Gesamtvolumen von etwa 1,85 Mrd. Euro eingegangen«, heißt es in einem Schreiben des Parlamentarischen Staatssekretärs im BMBF, Michael Meister, an den Bundestagsausschuss für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung.

Im Frühjahr 2020 waren die Studienkredite der KfW von Bildungsministerin Anja Karliczek (CDU) zunächst als zinsfreie Darlehen angepriesen worden. Später stellte sich heraus, dass es sich dabei um eine Fehlinformation handelte: Die Zinsfreiheit gilt nur vorübergehend, nicht dauerhaft.

Endgültiges Aus für Corona-Nothilfe

Ab Januar 2022 müssen wieder Zinsen gezahlt werden, aktuell liegt der KfW-Effektivzinssatz mit 3,91 Prozent dabei deutlich über dem ansonsten niedrigen Niveau des Finanzmarkts. Das hatte für scharfe Kritik unter anderem von Verbraucherschützern und Gewerkschaftern gesorgt.

Für das BMBF belegen die aktuellen Antragszahlen jedoch, dass die Kredite für viele Studierende eine echte Hilfe in der Pandemie darstellen. So seien im August 2021 insgesamt rund 1700 Anträge mit einem Gesamtvolumen von rund 64 Millionen Euro gestellt worden, schreibt Michael Meister.

Die zweite Finanzierungssäule für Studierende in coronabedingter Finanznot, die im Sommer 2020 eingeführten Überbrückungshilfen, sollen dagegen endgültig nicht mehr verlängert werden. Das geht aus einer Antwort des BMBF-Staatssekretärs auf eine Frage der Linkenabgeordneten Nicole Gohlke hervor.

Gut 187 Millionen Euro wurden demnach an Studierende als nicht rückzahlbarer Zuschuss verteilt; für Verwaltung und Bearbeitung der Anträge entstanden zusätzlich noch einmal Kosten in Höhe von etwa 16 Millionen Euro.

»Völlige Realitätsferne«

»Zuletzt hat sich der studentische Arbeitsmarkt wieder merklich erholt, parallel dazu gingen die Antragszahlen auf die Überbrückungshilfe als Zuschuss in den vergangenen Monaten stetig zurück«, heißt es im Schreiben von Michael Meister. Daher ende das Zuschussprogramm zum 30. September 2021. Weitere Hilfsprogramme seien nicht nötig, die Studienkredite und das Bafög böten ausreichende Hilfen für Studierende in Finanznot.

Das sieht die Opposition komplett anders. »Dass Frau Karliczek die ohnehin mageren Nothilfen sang- und klanglos auslaufen lässt, obwohl die Pandemie noch längst nicht überstanden ist, zeugt von völliger Realitätsferne«, schimpft Nicole Gohlke, hochschul- und wissenschaftspolitische Sprecherin der Linke im Bundestag. Das Bildungsministerium stelle die Studierenden im Wintersemester erneut vor die Wahl zwischen Kreditverschuldung und unsicheren Nebenjobs.

Viele Studierende seien von drei Corona-Semestern ausgezehrt oder hätten mit Prüfungsrückständen zu kämpfen, sagt Gohlke: »Auf eine angebliche Normalisierung im prekären Minijobsektor hinzuweisen ist zynisch.« Die Kündigungsfrist betrage in der Regel nur einen Monat, und es gebe kein Anrecht auf Kurzarbeitergeld: »Das ist weder normal, noch bringt es finanzielle Sicherheit im Studium.«

him
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