Miriam Olbrisch

SPIEGEL-Bildungsnewsletter Willkommen in Deutschland!

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

ich wünsche Ihnen einen möglichst guten Tag. Mehr als einen Monat ist es nun schon her, dass Russland den Angriffskrieg in der Ukraine begonnen hat. Begriffe wie »Raketenabwehr« und »Aufrüstung« verwenden viele von uns mittlerweile so selbstverständlich wie zuvor »Antigen-Schnelltest«, »Inzidenz« oder »Omikron-Variante«.

Mir gehen dazu Sätze von Olena Selenska im Kopf herum, der Frau des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj. Das Paar hat zwei Kinder, Oleksandra, 17, und Kyrylo, 9. »Es ist schrecklich, mit Kindern nicht über Reisen, TikTok oder Schularbeiten zu sprechen, sondern über Bomben, Raketen und Freiheit«, sagt Selenska in einem Interview mit der »Zeit« . »Es ist entsetzlich, dass Kinder heute gezwungen sind, mit Sirenengeheul aufzuwachen und sich in Bunkern zu verstecken. Es ist aber wichtig, Kindern zu erklären, was passiert.«

Mehr als 20.000 dieser Kinder und Jugendlichen sitzen mittlerweile in deutschen Klassenzimmern (»Zahl der Woche«). Doch wie sie beschult werden sollen, darüber gehen die Meinungen auseinander. In Integrationsklassen mit anderen zugewanderten Kindern? Oder lieber in getrennten Lerngruppen, vielleicht sogar nach ukrainischem Lehrplan (»Das ist los«)?

Mögen die neuen Mitschülerinnen und Mitschüler gut ankommen, die schrecklichen Erfahrungen von Krieg und Flucht zumindest ein bisschen verarbeiten und die hellen Dinge des Alltags sehen, so gut es geht. Olena Selenska formuliert es in dem Interview so: »Ich schätze viele der kleinen Dinge im Leben mehr als je zuvor. Das klingt banal. Aber es erinnert mich an eine Transformation, die Menschen durchmachen, die eine tödliche Krankheit überlebt haben. Sie fangen an, sich zu beeilen, zu leben. Sie sehen bewusst jedes Lächeln ihres Kindes, genießen jeden Anruf der Eltern.«

Was denken Sie zu diesen und den anderen Themen in diesem Newsletter? Wir freuen uns über Anregungen, Kritik und Meinungen per E-Mail an bildung@spiegel.de .

Herzliche Grüße

Miriam Olbrisch
für das Bildungsteam des SPIEGEL

Ukrainische Lehrerin Tetjana Yahodka in einer Vorbereitungsklasse am Louise Weiss Gymnasium in Hamburg-Hamm

Ukrainische Lehrerin Tetjana Yahodka in einer Vorbereitungsklasse am Louise Weiss Gymnasium in Hamburg-Hamm

Foto:

Gesche Jäger / DER SPIEGEL

Das ist los

1. Willkommen in Deutschland

Tausende geflüchtete Kinder aus der Ukraine sitzen mittlerweile in deutschen Klassenzimmern, weitere werden in den kommenden Wochen folgen. Schulleitungen und Lehrkräfte stehen vor einer immensen Herausforderung: Sie müssen Kinder und Jugendlichen, die möglicherweise traumatische Erfahrungen gemacht haben, ins System integrieren – und das nach zwei Jahren Coronapandemie. Wie das in der Praxis funktioniert und warum die Zusammensetzung der Klassen so umstritten ist, beschreibt meine Kollegin Silke Fokken . Mein Kollege Marius Mestermann hat das Thema im Stimmenfang-Podcast aufgegriffen.

2. Wie groß ist die Lehrkräfte-Lücke?

Bis zum Jahr 2035 fehlen möglicherweise noch mehr Lehrkräfte als von der Kultusministerkonferenz vorhergesagt. Zu diesem Schluss kommt der emeritierte Bildungsforscher Klaus Klemm . Demnach müssten in den nächsten 13 Jahren insgesamt 532.000 Lehrerinnen und Lehrer eingestellt werden, die KMK kommt auf 501.400. Gleichzeitig beenden nach Berechnungen des Professors nur 374.300 Lehrkräfte ihre Ausbildung – gut 100.000 weniger als von der KMK angegeben. Beauftragt wurde Klemm vom Lehrer-Lobbyverband VBE.

3. Stundenpläne entrümpeln

Selbst Schulleitungen urteilen harsch über das deutsche Bildungssystem. In einer Umfrage des Berliner Forschungsinstituts für Bildungs- und Sozialökonomie (FIBS) sprachen sich 82 Prozent der Befragten dafür aus, Stundenpläne mit dem althergebrachten Fächerkanon umzukrempeln. Weitere Ergebnisse können Sie hier nachlesen.

Und sonst noch

Pult eines Russischlehrers (Symbolbild)

Pult eines Russischlehrers (Symbolbild)

Foto:

Robert B. Fishman / ddp

Weil es an einigen weiterführenden Schulen, vor allem an Gymnasien und Gesamtschulen, zu wenige Plätze gibt, entscheidet in Köln nun das Los. Eltern laufen Sturm gegen das Verfahren, berichtet der Deutschlandfunk .

Sollen auch die Kleinen schon mit digitalen Medien lernen – und wenn ja, wie? Uta Hauck-Thum, Professorin für Grundschulpädagogik an der LMU München, sieht einen Umbruch in der Lernkultur: Lehrkräfte sollten begleiten statt anleiten, wie der »Tagesspiegel« berichtet .

In der DDR war Russisch noch Pflichtfach, heute lernen immer weniger Schülerinnen und Schüler die Sprache. Sie lernen neben Englisch eher Französisch und Spanisch.

Was brauchen Brennpunktschulen? Die »FAZ« schreibt  über eine neue Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung, die dieser Frage nachgeht. Spoiler: Mit Geld allein ist es nicht getan.

Zahl der Woche

20.205

Geflüchteter Jugendlicher im Deutschunterricht

Geflüchteter Jugendlicher im Deutschunterricht

Foto: Waltraud Grubitzsch / dpa

So viele Kinder und Jugendliche aus der Ukraine sind bis zum Stichtag 25. März an deutschen Schulen angekommen, meldet die Kultusministerkonferenz. Die tatsächliche Zahl dürfte um einiges höher liegen. In der Bundesländer-Abfrage der KMK fehlen noch Daten aus Nordrhein-Westfalen, Thüringen, Sachsen-Anhalt und Hamburg.

Debatte der Woche

Foto:

Sebastian Gollnow / dpa

In der letzten Ausgabe von Kleine Pause stand an dieser Stelle ein Interview mit dem thüringischen Kultusminister Helmut Holter (Die Linke) zur Maskenpflicht an Schulen. Dazu haben uns sehr viele Zuschriften erreicht, worüber wir uns sehr gefreut haben. Hier haben wir einige für Sie zusammengestellt.

Meiner Meinung nach schaden die ganzen Maßnahmen den Kindern mehr als die Krankheit selbst, vor allem seit Omikron. Ich wohne direkt an der niederländischen Grenze und unsere Nachbarn schauen peinlich berührt auf unseren Umgang mit Kindern. In den skandinavischen Ländern ist es dasselbe. Ich sehe nicht, dass dort mehr Kinder ernsthaft erkrankt sind. Mein größter Wunsch ist einfach, dass meine Kinder normal zur Schule gehen können.
Nele Flüchter

Die Maskenpflicht ist an Schulen beizubehalten. Sie ermöglicht die Teilhabe und reduziert die Zirkulation in die Familien. Schule sollte dabei aber nur ein Teil einer umfangreichen Maskenpflicht in allen Innenräumen sein. LongCovid wird einfach zu wenig berücksichtigt. Durch den Unterrichtsausfall durch kranke Lehrer ist die Qualität zudem sehr eingeschränkt. 
Phillip Bittner

Zahlreiche Statistiken belegen und volle psychiatrische Praxen zeigen, wie sehr unsere Kinder und Jugendlichen in den letzten zwei Jahren gelitten haben. Und ja, mit Blick auf die Ukraine erscheint die Maske fast unwichtig. Aber das ist falsch! Nur weil ein neues Problem auftaucht, ist das alte mit seinen Auswirkungen und Kollateralschäden nicht verschwunden.
Catarina Budenberg

Das Tragen von Masken im Unterricht ist keine Lappalie. Es hindert beim Sprechen, es verdeckt einen großen Teil der Mimik. Für mich als Lehrerin im Übergang zum Rentenalter kommt hinzu: Sie haben einen größeren Austrocknungseffekt, sie strengen mich an. In Anerkennung dieser Widrigkeiten dennoch: Lasst uns noch etwas durchhalten und die Inzidenzen runterkriegen! Es trifft zu viele Menschen, die sich einer Ansteckung nicht erwehren können.
Jaqueline van Wijk

Ich habe hierzu eine klare Haltung: Wer eine Maske auch ohne Pflicht trägt, verhält sich klug, sinnvoll und solidarisch. Wer dies nicht tut, verhält sich unklug, egoistisch und unsolidarisch!
Christian Geier

Sie haben auch eine Meinung zur Maskenpflicht an Schulen? Der Schalter ist noch geöffnet! Schreiben Sie gern an bildung@spiegel.de .

In eigener Sache

Nach zwei Jahren Pandemie zeichnet sich immer deutlicher ab, welche Folgen der Ausnahmezustand für Kinder und Jugendliche haben könnte. Die Redakteurin Silke Fokken aus dem Bildungsteam des SPIEGEL hat darüber ein Buch geschrieben. Auf 416 Seiten analysiert sie, warum die Politik ihre Haltung zu Kindern grundsätzlich überdenken muss – und liefert Familien einen Wegweiser aus dem Coronamodus.

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Silke Fokken

Krisenkinder: Wie die Pandemie Kinder und Jugendliche verändert hat und was sie jetzt brauchen

Verlag: DVA Verlag
Seitenzahl: 416
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Die schlechte Nachricht zum Schluss

Foto: Ahmad Sahel Arman / AFP

Vor zwei Wochen hatten wir berichtet, dass die Taliban Mädchen in Afghanistan den Besuch höherer Schulen wieder erlauben wollten. Doch schon wenige Stunden nach der Öffnung mussten Lehrkräfte die Schülerinnen wieder nach Hause schicken, die Taliban-Führung hatte es sich offenbar anders überlegt.

Das war’s für dieses Mal. Haben Sie ein Thema auf dem Herzen, das wir uns einmal genauer anschauen sollten? Dann schreiben Sie gern an bildung@spiegel.de  – das Team der »Kleinen Pause« dankt für Ihr Interesse!