Armin Himmelrath

SPIEGEL-Bildungsnewsletter Mit alten Problemen ins neue Schuljahr

Liebe Leserinnen, liebe Leser, guten Morgen,

nach den Sommerferien platzen die Träume: kaum neue Gesichter in den Lehrerzimmern, keine Luftfilter, dunkle Wolken über dem Digitalpakt. Deshalb sagt Lehrer, Blogger und Buchautor Bob Blume: »Wir sollten weniger Stoff wagen.«

Jetzt mal ganz ehrlich: Hatten Sie nicht auch die leise Hoffnung, dass nach den Sommerferien vielleicht ein paar der vielen, vielen Probleme in den Schulen etwas kleiner geworden sein könnten? Dass vielleicht ein halbes Dutzend neuer Kolleginnen und Kollegen – zusätzlich zum bisherigen Team! – das Lehrerzimmer bevölkern und die Kaffeeküche stürmen könnten? Dass sich der Hausmeister darüber beklagen würde, dass die 35 gelieferten Luftfilter erst am letzten Arbeitstag vor Unterrichtsbeginn geliefert wurden und er das ganze Wochenende durcharbeiten musste, um sie in den Räumen zu verteilen und anzuschließen?

Lassen Sie uns gern wissen, wenn es an Ihrer Schule so sein sollte – denn das dürfte absoluten Seltenheitswert haben. Stattdessen zeigt sich: Vom Lehrkräftemangel bis zum Digitalpakt bleibt alles beim Alten. Und das heißt: schlecht (»Das ist los«).

Trotzdem sollte das kein Anlass sein, um nur frustriert die eigenen Stunden abzureißen, sagt Oberstudienrat und Buchautor Bob Blume . Er hält dagegen: Je desaströser die Rahmenbedingungen, desto größer sind die Lücken und Freiräume, die sich auftun und in denen sich eine neue Art des Lernens und Lehrens etablieren lässt. Blume, der als »Netzlehrer« auf Social-Media-Kanälen unterwegs ist, setzt darauf, dass der im Alltag entstehende Druck auch zu Veränderungen der Rahmenbedingungen führen wird (»Debatte der Woche«).

Sollten Sie dagegen zu denjenigen gehören, deren Sommerferien gefühlt gerade eben erst angefangen haben (Sie arbeiten also in Bayern oder Baden-Württemberg), dann genießen Sie die freien Tage! Wenn Sie wieder im Dienst sind, können Sie dann ja immer noch nachlesen, dass es aus Nordrhein-Westfalen eine Kampfansage an das süddeutsche »Wir fangen als Letzte mit den Ferien«-Abo gibt. Aber keine Sorge, der Status quo wird dieses Jahr ganz bestimmt noch nicht geändert.

Wie immer freuen wir uns über Lob, Kritik und Themen-Anregungen per E-Mail an bildung@spiegel.de . Bleiben Sie gesund!

Für das Bildungsteam des SPIEGEL
Armin Himmelrath

In einigen Klassenzimmern wurde es mehr als 40 Grad heiß.

In einigen Klassenzimmern wurde es mehr als 40 Grad heiß.

Foto:

Sebastian Kahnert/ picture alliance / dpa

Das ist los

1. Dicke Bretter: Sommerferien und Lehrermangel

In NRW hat die Schule wieder begonnen – mitten im Hochsommer. Und weil es in einigen Klassenzimmern teils mehr als 40 Grad heiß wurde, gab’s dann auch ruckzuck Hitzefrei – und jede Menge Diskussionen: Elternvertreter fordern Klimaanlagen, und der Bildungspolitiker Jochen Ott setzt sich im Interview mit meiner Kollegin Miriam Olbrisch  für Reformen bei der Planung der Sommerferien ein. Ott beklagt, dass die Debatte an der Realität viel zu oft vorbeigehe: »Viele Lehrkräfte würden sich freuen, wenn sie Fenster öffnen und Waschbecken nutzen könnten. Luftfilter, Klimaanlagen und Gebäudetechnik sind für sie Luxus.«

Zum Luxus vieler Schulen gehört in diesen Zeiten auch ein komplett ausgestattetes Kollegium. NRW kam ja als erstes Bundesland aus den Sommerferien zurück und musste schon nach in den ersten Tagen dem pädagogischen Fachkräftemangel Tribut zollen: Die Behörden reduzierten mancherorts die Stundentafel, appellierten an die Solidarität – und verschoben Personal . Das schließt dann die eine Lücke und macht anderswo eine auf.

Die Leidtragenden sind diejenigen, die noch da sind. Und die ziehen längst Konsequenzen: Während in der deutschen Wirtschaft die Teilzeitquote von Angestellten bei 30 Prozent liegt, ist sie bei Lehrkräften deutlich höher. Neue Interessenten von Grund auf auszubilden, dauert rund sieben Jahre. Wie also lassen sich die Lücken füllen? Durch Quereinsteiger? Sofie Czilwik hat in der »Zeit«  die entsprechenden wissenschaftlichen Erkenntnisse dazu zusammengetragen und kommt zu dem Schluss, dass der Einsatz von Quereinsteigern kein »Verbrechen an den Kindern« ist. Ein lesenswerter Text.

Einen ganz anderen Weg geht Hessen. Dort sollen zukünftig Master-Studierende an den besonders gebeutelten berufsbildenden Schulen aushelfen. Damit das attraktiv wird, sollen vom Wintersemester an unter anderem Studierende der Fächer Informatik und Chemietechnik in Darmstadt sowie der Fachrichtung Gesundheit in Kassel in die Schulen kommen – und dafür sogar Geld erhalten. Den Bericht der »Frankfurter Neuen Presse« finden Sie hier .

2. Ein noch dickeres Brett: die Luftfilter

Über Luftfilter in den Schulen haben wir an dieser Stelle und generell im SPIEGEL schon oft berichtet. Genauer: darüber, warum sich viele Eltern solche Geräte wünschen, warum Fachleute sich über deren Wirkung nicht einig sind und warum sie de facto nur in einer geringen Zahl von Schulklassen wirklich aufgestellt wurden. Jetzt scheint sich das Thema endgültig zu erledigen: Der Bund hat das Förderprogramm für mobile Luftreiniger auslaufen lassen – wohl auch deshalb, weil das Geld kaum abgerufen wurde.

3. Das allerdickste Brett: der Digitalpakt

Haben Sie gerade ein bisschen genervt das Gesicht verzogen? Klar, es geht um den Digitalpakt, da kann man schon mal etwas angefasst sein. Tatsächlich ist die Bilanz mau: Die Gelder wurden nicht nach Bedarf verteilt, die Verwendung war schwer kontrollierbar, der Erfolg nicht messbar. Jetzt hat der Bundesrechnungshof die Reißleine gezogen und sagt: Das kann so nicht weitergehen mit dem 6,5-Milliarden-Euro teuren Bildungspaket, notfalls muss der Haushaltsausschuss des Bundestags dieses gescheiterte Projekt stoppen. Swantje Unterberg hat die ganze Geschichte aufgeschrieben.

4. Und sonst?

Jan-Martin Klinge ist Lehrer. Und er hat sich Gedanken darüber gemacht, wie Veränderungen im Alltag weiterführender Schulen ankommen. Schließlich gehen auch viele Lehrerinnen und Lehrer nach den Sommerferien mit dem Vorsatz in die Klassenzimmer zurück, es in diesem Jahr aber nun wirklich einmal ganz anders zu machen. »Ich habe das Lehrerpult rausgeworfen«  heißt der Text auf seinem Blog, den er dazu verfasst hat.

Erstklässler vor der Einschulung

Erstklässler vor der Einschulung

Foto: Moritz Frankenberg / picture alliance/dpa

Gut zu wissen

Bremen ganz hinten, Sachsen ganz vorn, insgesamt alles ganz dramatisch: So lassen sich die Ergebnisse des Bildungsmonitors der »Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft« zusammenfassen. Die ist arbeitgebernah und macht Lobbyarbeit – was uns aber nicht daran hindern sollte, die Daten der Studie zum Thema Bildungsarmut genauer unter die Lupe zu nehmen. Wie beugen die Bundesländer vor, wo werden Kinder in ihren Schulen gut qualifiziert, wo nicht? Alle Einzelheiten zum Ranking der Bildungsökonomen finden Sie hier.

Zahl der Woche

Die Preise für Schulhefte und Zeichenblöcke sind im Juli im Vergleich zum Vorjahresmonat um 13,6 Prozent gestiegen. Das hat das Statistische Bundesamt mitgeteilt. Für Stifte und Farbkästen sowie für Füller und Füllerpatronen mussten 5,2 Prozent mehr gezahlt werden als noch im vergangenen Juli. Schulranzen waren im Schnitt 4,7 Prozent teurer. Eltern müssen zu Schuljahresbeginn also noch tiefer als sonst in die Tasche greifen, um ihre Kinder mit den nötigen Materialien auszustatten. Welche Kosten fallen bei Ihnen an? Und wofür? Was geben Sie für Hefte, Anspitzer, Sportzeug, dem Beitrag für die Klassenkasse oder Sonstiges aus? Wir interessieren uns für Ihre Erfahrungen. Schreiben Sie an bildung@spiegel.de , gern mit Kopien von Materiallisten, Kassenzetteln und einem Kontakt für Rückfragen.

Debatte der Woche

Oberstudienrat und Buchautor Bob Blume

Oberstudienrat und Buchautor Bob Blume

Foto:

Tomas Clemens

Weniger Stoff wagen!

Das Schuljahr geht wieder los. Zumindest in einigen Bundesländern. Das ist immer so: Wenn es um Schule geht, geht es immer um 16 verschiedene Systeme. Keine Aussage lässt sich auf alle Schulformen in allen Ländern beziehen. Obwohl – das ist nicht ganz richtig. Denn zumindest die Probleme sind fast überall gleich: Eklatanter Lehrermangel, der pandemiebedingt noch zunimmt, fehlende digitale Strukturen und Konzepte, gravierende Lernlücken und soziale Herausforderungen, dazu Tausende Geflüchtete.

Aber wenn es nach den politisch Verantwortlichen geht – wer auch immer das genau sein soll – bleibt alles wie immer: Der gleiche Stoff in der gleichen Zeit mit der gleichen Anzahl der Klassenarbeiten, die den gleichen Stress ausüben. Das geht nur nicht. Und dass das nicht geht, sieht man an immer mehr Teilzeitkräften, Jobwechslern, Burn-out-Patienten und grundsätzlicher Belastung aller Beteiligter.

»Der Anspruch, der an Schule gestellt wird, geht nicht einher mit den Mitteln, die ihr zur Verfügung gestellt werden.«

Worüber könnte man in dieser Situation schreiben? Richtig, dass bloß die Leistung nicht abfällt. Hannah Bethke mahnte jüngst in der »Zeit« an, dass wir es aushalten müssten, »schlechte Leistungen als solche zu benennen«. So kann man die politisch fragwürdige, ja im Grunde hohle Aussage, die Schulen würden offen bleiben, weil die Kinder und Jugendlichen so wichtig seien, natürlich auch interpretieren: Die Schüler sind so wichtig, dass sie schön weiter Leistung bringen sollen. Und die Begründung wird gleich mitgeliefert: »Das Leistungsversprechen ist (...) ein genuin sozialer Gedanke«. Aha.

Ich finde: Wir sollten weniger Stoff wagen.

Und stattdessen vielleicht darüber nachdenken, dass es ein sozialer Gedanke ist, Schule so zu gestalten, dass möglichst alle jene elementaren Fähigkeiten erlernen können, die nötig sind, um in diesen chaotischen Zeiten mündig zu sein, nachhaltig zu leben und einen Beruf auszuüben, von dem man leben kann. Und zwar unabhängig vom Einkommen der Eltern.

Der Anspruch, der an Schule gestellt wird, geht nicht einher mit den Mitteln, die ihr zur Verfügung gestellt werden. Vielleicht lässt sich diese Aussage auf alle Schulformen aller Bundesländer beziehen. Wir sollten das ändern. Das ist ein genuin sozialer Gedanke.

Neues von SPIEGEL Ed

Neue Termine für medienpädagogische Schul-Workshops

SPIEGEL Ed, die Bildungsinitiative des SPIEGEL, bietet in Kooperation mit der Schwarzkopf-Stiftung auch in diesem Jahr wieder »Gute Nachrichten«-Kurse an. Dafür kommen junge Trainerinnen und Trainer der Stiftung sowie ein SPIEGEL-Redaktionsmitglied zu Ihnen in den Unterricht. Infos und Anmeldeoptionen für Lehrkräfte gibt es hier. Weitere Infos finden Sie außerdem hier .

Wir verabschieden uns, bis zum nächsten Mal! Wenn Ihnen unterwegs ein Thema auffällt, dann schreiben Sie uns gern an bildung@spiegel.de  – das Team der »Kleinen Pause« dankt für Ihr Interesse!

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