Miriam Olbrisch

SPIEGEL-Bildungsnewsletter Die notwendige neue Normalität?

Liebe Leserinnen, liebe Leser, guten Tag,

vor einigen Tagen sorgte eine Meldung für Diskussionen in der Bildungscommunity, auch in den Themenkonferenzen des SPIEGEL debattierten wir darüber: Karl Lauterbach, SPD-Gesundheitsminister und in Coronabelangen lange Zeit Kapitän des »Team Vorsicht«, hatte in einer Pressekonferenz einen folgenschweren Satz gesagt. »Das Schließen von Kitas ist definitiv medizinisch nicht angemessen und wäre auch in dem Umfang, wie wir es damals gemacht haben, nach heutigem Wissen nicht nötig gewesen«, formulierte der Minister.

Anlass für diese Kehrtwende bot eine umfangreiche Studie , in der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die Lage der Kitas seit Beginn der Pandemie aus verschiedenen Blickwinkeln ausgewertet haben. Was für Kitas gilt, gilt natürlich nicht zwangsläufig für Schulen – aber es regt zum Nachdenken an, wie wir wohl die Coronapolitik in der Rückschau bewerten könnten (»Debatte der Woche«).

Außerdem schauen wir in dieser Ausgabe unseres Newsletters in die Schulkantinen, Willkommensklassen, Lehrerzimmer und Elterntaxis dieses Landes (»Das ist los«) – und klären die Frage, welchen Effekt die Umstellung auf das achtjährige Gymnasium hatte (»Gut zu wissen«).

Das Team der Kleinen Pause wünscht viel Vergnügen bei der Lektüre und eine gute Schulwoche.

Herzliche Grüße

Miriam Olbrisch

für das Bildungsteam des SPIEGEL

Feedback & Anregungen? 

Das ist los

1. Kostenlos auf dem Tisch

Essen in einer Schulmensa

Essen in einer Schulmensa

Foto: WavebreakmediaMicro / Panthermedia / IMAGO

Soll Schulessen in Deutschland kostenlos sein? Dazu hat das Deutsche Netzwerk Schulverpflegung (DNSV) eine Petition  auf der Onlineplattform change.org gestartet. Mehr als 25.000 Menschen haben bislang unterschrieben. Wie gutes Schulessen aussehen kann, hat der Ex-Sternekoch Stefan Gerhardt meiner Kollegin Swantje Unterberg verraten . Gerhardt arbeitete in fünf Sterneküchen und betreibt nun zwei Schulmensen für mehr als 1400 Kinder in Braunschweig und Umgebung.

2. Willkommen in Deutschland

Grundschulkinder, die aus dem Ausland nach Deutschland zuwandern und in einer Willkommensklasse auf den deutschen Schulalltag vorbereitet werden, lernen weniger als Kinder, die gleich in eine Regelklasse kommen. Das berichtet unter anderem Deutschlandfunk Kultur  und beruft sich dabei auf eine Untersuchung des RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung in Essen. Sollte man die Willkommensklassen also lieber abschaffen? Dieser Schluss wäre voreilig, argumentiert die Zeit (€) , es gebe dabei zu viele Unwägbarkeiten. Unklar sei etwa, »wie sich die Anzahl an Kindern ohne Deutschkenntnisse auf das Gesamtniveau einer Klasse auswirkt«.

3. Beschimpft, bedroht, belästigt

Schüler im Unterricht (Symbolbild)

Schüler im Unterricht (Symbolbild)

Foto: Martin Schutt / dpa

Feindseligkeiten gegen Lehrerinnen und Lehrer stellen an vielen Schulen ein großes Problem dar – und tragen zur Unzufriedenheit in den Kollegien bei. Das hat eine repräsentative Umfrage des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE) ergeben. Demnach berichteten inzwischen zwei Drittel der befragten Schulleitungen von direkter psychischer Gewalt – etwa Beleidigungen, Bedrohungen oder Belästigungen – in den vergangenen fünf Jahren.

4. Und sonst noch?

Laurent Simons im Juli 2021 in Amsterdam

Laurent Simons im Juli 2021 in Amsterdam

Foto: Robin Van Lonkhuijsen / dpa

Gut zu wissen

Abiturprüfung im bayerischen Straubing 2011

Abiturprüfung im bayerischen Straubing 2011

Foto: Armin Weigel/ picture alliance/dpa

Sollen Schülerinnen und Schüler acht oder neun Jahre lang das Gymnasium besuchen? Über diese Frage wurde in den vergangenen 20 Jahren viel gestritten. Einige Bundesländer stellten ihr Schulsystem um und verkürzten die Lernzeit, manche leiteten einige Jahre später eine Rolle rückwärts ein. Was hat’s gebracht? Die Ökonomin Friederike Hertweck vom Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung in Essen hat die weiteren Bildungswege der G8- und G9-Abschlussjahrgänge untersucht und fand heraus: Wer ein G8-Abi ablegte, begann früher mit dem Studium (das ist noch keine Überraschung), brauchte häufig aber ein Semester länger als die Absolventinnen und Absolventen des neunjährigen Gymnasiums. Mein Kollege Armin Himmelrath schreibt hier , woran das liegen könnte.

Debatte der Woche

SPD-Gesundheitsexperte Lauterbach

SPD-Gesundheitsexperte Lauterbach

Foto: Kay Nietfeld / dpa

Später ist man immer schlauer

Der Gesundheitsminister hat die Seiten gewechselt. Mahnte Karl Lauterbach in Sachen Corona einst zur Vorsicht, warnte vor Präsenzunterricht und vollen Klassenzimmern, hat er sich mit Blick auf Kitas nun gänzlich anders geäußert.

Anlass für die Kehrtwende gab die Veröffentlichung der Corona-Kita-Studie, einer breit angelegten Untersuchung der Situation von Kitas in der Pandemie, beauftragt vom Deutschen Jugendinstitut (DJI). Interessant ist: Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die die Studie anfertigten, ziehen dieses Fazit nicht. Genauer gesagt: Sie ziehen überhaupt kein Fazit. Sie beschreiben, wägen ab. Wie verbreitetet sich das Virus in den Einrichtungen? Hat das Tragen von Masken zu weniger Ansteckungen geführt? Aber auch: Welche physischen und psychischen Folgen ließen sich bei den Kindern beobachten? Die abschließende Bewertung überlassen sie anderen – etwa Minister Lauterbach.

Ist das schlimm? Ein Verrat an seiner bisherigen Linie, wie manche Twitter-Nutzerinnen und -Nutzer kommentierten? Das Gegenteil ist der Fall. Wie wir einen Sachverhalt bewerten, hängt immer auch vom Zeitpunkt der Betrachtung ab – und vom Informationsstand. Es ist legitim und sogar notwendig, den eigenen Standpunkt immer wieder infrage zu stellen.

Was bedeutet das für die Lage an Schulen? Wie werden wir im Nachhinein auf die unzähligen Diskussionen um Masken, Tests, Luftfiltergeräte und offene Fenster schauen? Möglicherweise bewerten wir heute schon den Schutz vor einer Ansteckung im Vergleich zu schlechteren Ergebnissen bei Schulleistungstests wie dem IQB-Bildungstrend  oder Pisa ganz anders als noch vor ein paar Monaten, im Vergleich zu steigenden Zahlen bei psychischen Erkrankungen, bei Übergewicht und Unbeweglichkeit? Im Vergleich zu eingeschlafenen Freundschaften und sozialen Ängsten?

Vielleicht ist es noch zu früh, um ein abschließendes Fazit zu ziehen. Aber mit ein wenig zeitlichem Abstand werden wir uns diese Fragen immer wieder stellen müssen – und möglicherweise ähnlich wie Lauterbach unsere bisherige Haltung revidieren.

Wie denken Sie darüber? Wir freuen uns über Zuschriften an bildung@spiegel.de .

Neues von SPIEGEL Ed

Schülerinnen und Schüler ab der neunten Klasse bekommen in unseren »Gute Nachrichten«-Workshops in Kooperation mit der Schwarzkopf-Stiftung eine Einführung in den Journalismus. Die Jugendlichen reflektieren ihr eigenes Medienverhalten und diskutieren in offener Runde über die Verantwortung der Medien in der Demokratie. Die eintägigen Workshops können in Präsenz oder digital per Zoom stattfinden. Mehr Infos gibt es hier.

In eigener Sache

Foto: Nürnberg-Fürther Stadtkanalverein e.V.

In regelmäßigen Abständen verleiht der SPIEGEL den Social Design Award. In diesem Jahr stand der Wettbewerb unter dem Motto »Wir für unser Klima«. Auf der Shortlist der besten zehn Einsendungen steht auch eine Schule: die Schweizerhof-Grundschule in Berlin. Als eine von bundesweit zwölf Pilotschulen startete sie vor zwei Jahren ein Projekt namens »Freiday«: In vier zusammenhängenden Unterrichtsstunden arbeiten die Kinder jahrgangsübergreifend an selbst gewählten, nachhaltigen Projekten. Sie legen Hochbeete an, pflanzen Bäume, sammeln alte Handys oder veranstalten eine Kleidertauschbörse. Eine Zusammenfassung aller ausgezeichneten Projekte lesen Sie hier.

Die gute Nachricht zum Schluss

Die Grundschulen in Elsdorf in Nordrhein-Westfalen haben ein Modellprojekt gestartet, das »Elterntaxis« überflüssig machen soll, wie der WDR berichtet . Die Kinder sollen nicht mehr von Mama und Papa mit dem Auto zur Schule gefahren werden, sondern gemeinsam zu Fuß gehen. Sogar eine Schulleiterin läuft mit.

Das war's für dieses Mal. Haben Sie ein Thema auf dem Herzen, das wir uns genauer anschauen sollten? Dann schreiben Sie gerne an bildung@spiegel.de  – das Team der »Kleinen Pause« dankt für Ihr Interesse!

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.