Bildungspolitik in der Pandemie Samstagsunterricht statt Sitzenbleiben

Hilft freiwilliges Sitzenbleiben gegen coronabedingte Wissenslücken? Das Land Berlin setzt auf diesen Weg. Die Kritik ist groß. Gegenvorschläge reichen von Samstagsunterricht bis zum verlängerten Schuljahr.
»Irgendwelche Schwachsinnsideen«: Schülerinnen und Schüler in Berlin (Archivbild)

»Irgendwelche Schwachsinnsideen«: Schülerinnen und Schüler in Berlin (Archivbild)

Foto: Wolfgang Kumm/ picture alliance/dpa

Dass die rot-rot-grüne Mehrheit im Berliner Abgeordnetenhaus breite Unterstützung auch aus den Reihen der CDU erhält, ist eher die Ausnahme. Aber bei der Frage, wie die Wissenslücken der Schülerinnen und Schüler nach der Pandemie geschlossen werden sollen, herrschte diese Woche dann doch breite Einigkeit: Nach einer Änderung des Schulgesetzes können Kinder an Berliner Schulen bis zur 10. Klasse freiwillig ein Schuljahr wiederholen.

Die Möglichkeit zum selbstbestimmten Sitzenbleiben sorgt allerdings für erheblichen Streit außerhalb des Landesparlaments. »Jetzt kommt jedes einzelne Bundesland wieder auf irgendwelche Schwachsinnsideen«, kommentierte Ralf Treptow, Vorsitzender der Vereinigung der Oberstudiendirektoren in Berlin, die Pläne im Deutschlandfunk .

Der Schulleiter des Rosa-Luxemburg-Gymnasiums im Stadtteil Pankow befürchtet ein »Fiasko« – wegen überquellender erster Klassen in den Grundschulen, aber auch wegen zu ehrgeiziger Eltern: Die könnten sich, ahnt Treptow, in der Hoffnung auf noch bessere Noten auch dann für das freiwillige Sitzenbleiben ihrer Kinder entscheiden, wenn die Schule dafür gar keinen Bedarf sehe. Das könne, so Treptow, dazu führen, »dass möglicherweise die Schule unorganisierbar wird«.

Warnung vor einer »Katastrophe«

Auch Gordon Lemm, Bildungsstadtrat in Marzahn-Hellersdorf und selbst SPD-Mitglied, hält nicht viel von den Ideen seiner Landesregierung. »Jede Besenkammer ist schon jetzt belegt«, sagte Lemm dem »Tagesspiegel« , an den Schulen gebe es keinen Platz mehr für weitere Kinder und Jugendliche, die massenhaft und freiwillig ein Jahr wiederholen. In einem offenen Brief hatten zuvor auch die Schulleiterverbände in der Hauptstadt vor einer »schulorganisatorischen Katastrophe« gewarnt.

Gordon Lemm macht jetzt einen anderen Vorschlag: Er will zusätzliche Lernzeit durch regelmäßigen Samstagsunterricht gewinnen. Neue Räumlichkeiten würden dafür nicht benötigt, das Personal will er bei freien Trägern rekrutieren. Der Samstagsunterricht, so Lemm, sei in den westdeutschen Bundesländern bis in die Siebzigerjahre hinein üblich gewesen, in Ostdeutschland sogar bis zur Wende.

Lehrkräfte reagierten mit Zynismus. Sie sei gerade mit etlichen Stunden Arbeit außerhalb des regulären Unterrichts fertig geworden und »sofort nach dem Abendessen bereit für den Samstagsunterricht«, twitterte eine Berufsschullehrerin.

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Zeugnisse erst im Advent?

Der Bamberger Bildungsforscher Marcel Helbig, Professor am Leibniz-Institut für Bildungsverläufe, wirbt ebenfalls für eine deutliche Verlängerung der Lernzeiten im laufenden Schuljahr. Das sei »in der jetzigen Form nicht mehr zu retten«, sagte Helbig im SPIEGEL-Interview, »wir sollten das Schuljahr bundesweit bis Weihnachten verlängern.«

Eine Idee, der auch der Berliner Schulleiter Ralf Treptow etwas abgewinnen kann. Treptow hatte das vor einem Jahr, im ersten Schul-Shutdown, schon einmal bei der Kultusministerkonferenz (KMK) angeregt, aber kein Gehör gefunden. Er wünsche sich, sagte Treptow dem Deutschlandfunk, »dass es jetzt mal eine konzentrierte Aktion in der KMK gibt und dass es die KMK vielleicht doch mal schafft, ein oder zwei Jahre vorauszudenken und nicht nur auf Sicht durch den Nebel zu fahren«.

him
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