Wegen Corona Zahl der Schulabbrecher könnte sich verdoppeln

Die Jugendämter rechnen mit doppelt so viel Schulabbrechern wie sonst. Besonders betroffen sind sozial benachteiligte Jugendliche, aber auch Kinder aus der Mittelschicht könnten einen »früheren Karriereknick« erleben.
Schüler in Hamburg (Symbolbild)

Schüler in Hamburg (Symbolbild)

Foto: Daniel Reinhardt / picture alliance/dpa

Unterricht ist massenhaft ausgefallen, Schulserver waren überlastet, Lehrkräfte konnten nicht alle Kinder und Jugendlichen erreichen. Corona hat das Lehren und Lernen ausgebremst und das könnte schlimme Folgen für Schülerinnen und Schüler haben: Die Jugendämter in Deutschland rechnen mit einer stark steigenden Zahl von Schulabbrechern.

»Mit Blick auf die beiden Abschlussjahrgänge droht sich die Zahl der Schulabbrecher zu verdoppeln«, sagte Lorenz Bahr, der Vorsitzende der Bundesarbeitsgemeinschaft der Landesjugendämter, den Zeitungen der Funke Mediengruppe. Anstatt der zuletzt 104.000 Schulabbrecher rechnen die Landesjugendämter mit 210.000 Schulabbrechern aus dem vergangenen Jahr 2020. Genauso viele Jugendliche könnten auch in diesem Jahr die Schule ohne Abschluss verlassen.

Diese Entwicklung werde sich durch viele Schichten ziehen. Auch Kinder aus der Mittelschicht würden einen »früheren Karriereknick« erleben, warnte Bahr.

Die negativen Folgen der Pandemie auf Kinder und Jugendliche macht sich nach Einschätzung der Jugendamtsmitarbeitenden bereits bemerkbar. Die Bundesarbeitsgemeinschaft und das Institut für Sozialpädagogische Forschung Mainz (ISM) befragten dazu die 559 Jugendämter in Deutschland. Insgesamt beteiligten sich daran 1750 Beschäftigte in 298 Jugendämtern.

Die große Mehrheit der Befragten (88 Prozent) geht demnach davon aus, dass sich vor allem die Situation von Kindern mit Migrationshintergrund, bildungsbenachteiligten Schülern sowie Kindern, die in belasteten Familienverhältnissen leben, weiter verschlechtern wird. Außerdem konnten 84 Prozent der Befragten negative Auswirkungen der Pandemie auf das Leben von Kindern und Jugendlichen insgesamt feststellen, wie die Funke-Zeitungen weiter berichten.

Seit Beginn der Coronakrise haben die Jugendämter der Befragung zufolge vor allem Schwierigkeiten, den Kontakt mit einzelnen Gruppen zu halten. Besonders betroffen sind demnach Jugendliche im Alter von 14 bis 18 Jahren, Familien, die sich in prekären Lebenslagen befinden sowie Kinder, deren Eltern psychisch erkrankt sind oder unter Suchtproblemen leiden.

»Allein diese Gruppen betreffen rund vier Millionen Kinder und Jugendliche und das zieht sich durch alle sozialen Schichten«, sagte ISM-Leiter Heinz Müller den Funke-Zeitungen. »80 Prozent der Kinder und Jugendlichen aus armutsgefährdeten Haushalten drohen den Anschluss zu verlieren – schulisch, aber auch im Umgang mit sozialen Kontakten oder ehrenamtlichem Engagement in Vereinen.«

Die Jugendämter fordern von Bund, Ländern und Kommunen einen Kinder-und-Jugendhilfefonds für die Zeit nach der Coronakrise von 2022 bis 2027. Mit dem Geld sollten neben dem Ausbau von Hilfsangeboten auch bestehende Angebote attraktiver gemacht werden, etwa die Vergütung des Freiwilligen Sozialen oder Ökologischen Jahres, wie Bahr sagte.

»Bisher werden solche Angebote fast ausschließlich von Abiturientinnen und Abiturienten genutzt. Wir müssen aber gerade auch Jugendliche mit anderen Bildungsabschlüssen oder ohne Schulabschluss erreichen, um ihnen eine Perspektive aufzeigen zu können.« Es dürfe nicht passieren, »dass Jugendliche durch das Raster fallen und sich direkt in Hartz IV wiederfinden«.

kha/AFP/dpa