Gefahr in den Sommerferien Lehrkräfte fordern mehr Hilfe gegen Zwangsehen

In den Sommerferien steigt die Zahl der Kinder, die von Zwangsheirat bedroht sind. Eine Hilfsorganisation hat in einer aktuellen Umfrage fast 1900 Verdachtsfälle ermittelt – und viele hilflose Lehrer.
Junge Muslimin (Symbolbild)

Junge Muslimin (Symbolbild)

Foto: Wolfram Steinberg/ dpa

Was tun, wenn in der Klasse der Verdacht aufkommt, eine Schülerin oder ein Schüler könnte in den bevorstehenden Sommerferien zwangsverheiratet werden? Viele Lehrkräfte fühlen sich von solchen Situationen überfordert. Sie wünschen sich daher mehr Unterstützung zur Verhinderung von Frühehen und Zwangsverheiratungen.

Das ist das Ergebnis einer bundesweiten Umfrage der Frauenrechtsorganisation Terre des Femmes . Die Organisation habe die Umfrage gestartet, weil Lehrerinnen und Lehrer oft der einzige Anlaufpunkt seien für betroffene Kinder und Jugendliche, sagt Myria Böhmecke von Terre des Femmes: »Wir haben dort einen großen Bedarf festgestellt. Lehrkräfte möchten geschult werden, um zu wissen, was sie tun können, um zu helfen, ohne das Mädchen oder den Jungen zu gefährden«, sagt Böhmecke.

Bei der anonymen Onlinebefragung seien 188 Fälle angegeben worden, bei denen Lehrer oder Sozialarbeiterin sich sicher gewesen seien, dass eine Frühehe vorliege oder konkret geplant sei. In weiteren 191 Fällen galt dies für eine Zwangsverheiratung. Zudem nannten die Befragten 682 Verdachtsfälle von Frühehen und 786 von Zwangsverheiratung. »Alles zusammen genommen ergibt das 1847 Fälle von angedrohten oder vollzogenen Früh- und Zwangsverheiratungen an deutschen Schulen«, so Böhmecke.

Mit Hilfsprojekten gegensteuern

Zwar handele es sich bei der Umfrage nicht um eine repräsentative Erhebung. Die Zahl der genannten Fälle sei jedoch aufschlussreich. »Wir fordern seit Jahren eine bundesweite Studie«, sagt die Expertin. Die jüngsten Angaben vom Bundesfamilienministerium stammen nach Angaben der Organisation aus dem Jahr 2008. Damals seien 3443 Fälle von Frühehen oder Zwangsverheiratungen registriert worden. »Wir gehen davon aus, dass das Ausmaß deutlich größer ist als erwartet.«

In Berlin versucht Terre des Femmes etwa mit einem Theaterprojekt an Schulen aufzuklären und auf Hilfsangebote aufmerksam zu machen, Motto: »Mein Herz gehört mir« . Mit dem Beginn der Sommerferien gewinnt das Thema an Brisanz: Nach Einschätzung der Organisation ist der Heimaturlaub für Familien aus streng patriarchalischen Ländern auch Anlass, Töchter an vorher ausgesuchte Männer zu verheiraten.

In den Tagen vor den Sommerferien verstärkt Terre des Femmes darum die Präventionsarbeit, zunächst in Berlin: An fünf Schulen in den Bezirken Marzahn-Hellersdorf, Mitte und Neukölln soll es während der »weißen Woche« – in Anlehnung an ein weißes Hochzeitskleid – Workshops und die Gelegenheit für Gespräche geben. »Diese Aktionen wollen wir künftig bundesweit vor den Sommerferien anbieten«, sagt Böhmecke.

him/dpa
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