Zur Ausgabe
Artikel 35 / 110
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Bildungs-Burger

Ortstermin: Arbeitgeber und McDonald's schmieden in Berlin eine Allianz für ein besseres Deutschland.
aus DER SPIEGEL 18/2004

Roman Wolf, ein Herr in einem dunklen Westenanzug und mit ein paar grauen Haaren, hat an diesem Morgen schon über dicke Kinder und Franz Müntefering gesprochen, jetzt ist er bei Jim Cantalupo angekommen. Cantalupo war bis vor ein paar Tagen Chef von McDonald's und hatte immer behauptet, in seinen Adern fließe Ketchup. Jetzt ist er tot. Herzattacke. Mit 60.

»Das ist schon tragisch«, sagt Roman Wolf. Wolf nennt sich »Senior Director Human Resources« bei McDonald's Deutschland, man könnte auch sagen: Er ist Personalchef. Er sitzt ganz hinten in einem gelben Omnibus, vor ihm liegt ein Tütchen, in das Apfelstücke und Weintrauben eingeschweißt worden sind. Auch so was gibt es bei McDonald's, sagt Herr Wolf. Nicht nur Ketchup.

Vorn im Bus läuft eine DVD. Ein paar Jugendliche stehen vor einem Bildschirm und kauen Weingummi. Sie hätten jetzt eigentlich Unterricht in der 8. Klasse einer Hauptschule in Berlin-Spandau, aber Herr Wolf hat sie eingeladen, damit sie etwas über Zukunftschancen lernen. Der Klassenlehrer ist auch dabei. Die DVD handelt von McDonald's.

»... saftige Burger und goldgelbe Pommes frites«, sagt gerade eine Stimme von der DVD.

Der Bus steht in Berlin-Mitte, vor dem »Haus der Deutschen Wirtschaft«, wo die Arbeitgeberverbände untergebracht sind. Es ist Mittwochvormittag, die Chefs sind gerade zu Franz Müntefering gefahren, wegen der Ausbildungsplatzabgabe, die Dienstwagen sind weg, nur der Bus steht noch da. Er ist mit dem McDonald's-Zeichen beklebt und hat die Aufschrift »Ausbildung mit Zukunft«. Er ist die Antwort der deutschen Wirtschaft an die SPD.

Am frühen Morgen hatten ein paar Angestellte von McDonald's Nahrung in das Gebäude geschafft, Fruchtjoghurts, Muffins und Croissants mit Schinken und Käse, es gab Frühstück für die Presse, eine Gemeinschaftsveranstaltung der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) und McDonald's.

Roman Wolf sagte dabei, dass der Bus durch 30 deutsche Städte fährt und für den Ausbildungsgang »Fachmann/Fachfrau für Systemgastronomie« werben wird. Es sei ein anspruchsvoller Beruf, »es ist ein People-Business, wir arbeiten für Menschen und mit Menschen«, es gehe nicht nur darum, Fritten heiß zu machen, und es gebe noch freie Plätze.

Er hätte auch sagen können, dass der Umsatz stagniert, dass die Jugend nicht zu McDonald's will, jedenfalls nicht für immer, aber das sagte er nicht. Er sprach von »internationalen Perspektiven«. Adriaan Hendrikx, Deutschland-Chef von McDonald's, hat auch mal an der Fritteuse angefangen.

Neben Roman Wolf saß Reinhard Göhner, der Hauptgeschäftsführer der BDA. Göhner hält die Ausbildungsplatzabgabe für Teufelszeug und den Systemgastronomen bei McDonald's für eine Chance. Göhner hätte auch sagen können, dass McDonald's ganz allgemein eine Chance für Deutschland ist, wegen der niedrigen Löhne, weil es kaum Betriebsräte gibt, weil so wenig bei der Gewerkschaft sind, weil alles zack, zack geht, aber das sagte er nicht.

Er sprach auch nicht über dicke Kinder. Er musste nach dem Frühstück schnell weg.

»... gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen gehört seit Anfang an zur Firmenphilosophie«, sagt die Stimme von der DVD. Die Jugendlichen von der Hauptschule sagen nichts.

Roman Wolf redet jetzt nicht mehr über den verstorbenen Firmenchef, sondern über die Ausbildungsplatzabgabe. McDonald's hat 47 000 Mitarbeiter und 920 Azubis. Viel zu wenig. Wenn Müntefering gewinnt, hieße das: Abgabe zahlen. Es könnte Millionen kosten. Allein die Bustour kostet schon 20 000. »Die Abgabe würde Aktionen wie diese hier bremsen«, sagt Herr Wolf. Gegenüber sitzt ein Mann von der PR-Agentur, er löffelt einen Fruchtjoghurt und nickt.

»... legt großen Wert auf Umweltschutz. Alle Lkw fahren mit Bio-Raps-Diesel«, sagt die Stimme von der DVD.

Ein Mitarbeiter läuft durch den Bus und fragt eine Kollegin, was er mit den übrig gebliebenen Getränken machen soll. Die Kollegin sagt: »Kipp's in den Gully, würd ich sagen.«

»... die McDonald's-Kinderhilfe hilft schwer kranken Kindern und deren Eltern«, sagt die Stimme von der DVD.

McDonald's hat kein Imageproblem, sagt Herr Wolf. »McDonald's ist nicht das Problem, sondern Teil der Lösung«, sagt er.

Dann ist der Film zu Ende. Die Hauptschüler steigen aus dem Bus und schweigen.

»Sascha, komm mal«, sagt der Klassenlehrer. Sascha ist Klassensprecher. »Sascha, habt ihr jetzt was über den Beruf gelernt?« Sascha schüttelt den Kopf.

»Der Film war eher eine Firmenpräsentation«, sagt der Klassenlehrer. »Aber von so etwas haben die Kinder mehr, als wenn sie einen Tag in der Schule sitzen.«

Herr Wolf guckt der Hauptschulklasse vergnügt hinterher. Deutschland sieht nicht mehr so trübe aus heute, man muss McDonald's dankbar sein. McDonald's hilft der Not in Schulen, McDonald's schließt die Ausbildungsplatzlücke, und Hoffnung für dicke Kinder gibt es auch. Herr Wolf nimmt das Tütchen mit den Apfelstücken und den Weintrauben zwischen die Finger, das Tütchen raschelt durch die Luft.

Langsam werden die Apfelstücke braun.

MATTHIAS GEYER

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 35 / 110
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.