Bischof Bode im Interview "Wir nehmen uns Menschen nicht demütig genug an"

Kein Bischof demonstrierte so deutlich die eigene Scham und Demut angesichts des Missbrauchsskandals in der katholischen Kirche: Franz-Josef Bode, Leiter des Bistums Osnabrück, spricht im Interview über den Moment, als er sich bäuchlings vor den Altar legte und erklärt, warum er Demut für zeitgemäß hält.

DPA

Es war vor eineinhalb Jahren, die Messe zum ersten Advent, eigentlich ein Fest der Freude, doch Franz-Josef Bode war nicht danach. Er hatte mit Menschen gesprochen, die von Mitgliedern seiner Kirche missbraucht worden sind. Sie hätten ihn tief bewegt, sagt er später.

Bode, Bischof von Osnabrück, sprach in seiner Predigt von der "Scham und Erschütterung über die schweren Verfehlungen", doch es waren weniger die Worte, mit denen er ein Schuldbekenntnis zum Ausdruck brachte, was vor ihm keinem Kirchenvertreter so recht gelungen war.

Bode legte sich bäuchlings vor das Kreuz, vollzog die sogenannte Prostration, demonstrierte Demut und Buße angesichts des Missbrauchsskandals in seiner Kirche. Überhaupt ist Bode bekannt als ein liberaler Vertreter seiner Zunft, der Wiederverheirateten die Kommunion nicht verwehren will, der sich erlaubt, in seinem Bistum Dinge etwas anders anzugehen, als es die Prinzipien seiner Kirche vorsehen.

SPIEGEL ONLINE: Wann haben Sie zuletzt Demut empfunden?

Franz-Josef Bode: Im Dom von Osnabrück, während des Gottesdienstes am ersten Advent: Ich habe mich vor den Altar niedergeworfen, um deutlich zu machen, dass die Kirche mit den Missbrauchsfällen und ihrem Umgang mit ihnen Schuld auf sich geladen hat. In diesem Akt liegt das Bewusstsein, dass wir ganz mit dem Boden verbunden und klein sind vor Gott und auch vor den Menschen, gegenüber denen wir verantwortlich sind.

SPIEGEL ONLINE: Ist das der Inbegriff von Demut?

Bode: Ja, ich würde sagen der Geschöpflichkeit: dass Gott mich geschaffen hat, dass ich jemand bin, der sich einem anderen verdankt und daraus seine Demut gewinnt und weiß, wie klein er ist. Der aber daraus auch seine Größe gewinnt, denn wer von Gott geschaffen ist, ist ja nicht einfach ein Erniedrigter. Wenn man das lateinische Wort Humilitas nimmt, das mit humus zusammenhängt, dann ist man sich bewusst: Ich bin aus Erde - aber belebt durch den Geist Gottes. Es steckt eine realistische Einschätzung seiner selbst darin.

SPIEGEL ONLINE: Ist Demut zeitgemäß?

Bode: Ja. Weil heute ein Hang zum Egoismus und zur egomanischen Selbstverwirklichung besteht. Gegen den Drang, etwas aus sich und den Talenten zu machen, ist nichts zu sagen, wenn er aus dem Bewusstsein kommt, dass sie mir gegeben sind. Unser Egoismus, alles selbst machen zu wollen, erfordert eigentlich eine solche Haltung, weil Demut mit sich bringt, dass der Mensch ein verantwortungsvolles Wesen ist, dass er Verantwortung hat vor der Natur, den Mitmenschen, den künftigen Generationen.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt nach dem Grundfesten der Ökobewegung. Glauben Sie, dass sie zum Bedeutungsverlust der katholischen Kirche beigetragen hat, weil sie eben diese demütige Haltung gegenüber der Natur und der Menschheit mittlerweile mehr besetzt als die Kirche?

Bode: Wir haben in der Geschichte viele dieser Ideen mit angestoßen und viele sind ohne die christlichen Grundlagen kaum zu verstehen. Dass Menschen sie ohne die Rückbindung an den christlichen Glauben verfolgen, kann ich bedauern. Auf der anderen Seite kann ich aber auch dankbar dafür sein, dass sich solche Haltungen wieder einfinden. Wir dürfen deswegen nicht schmollen, sondern müssen mit den Menschen im Dialog bleiben.

SPIEGEL ONLINE: Die haben aber immer weniger Lust dazu: Die Austritte nehmen zu, immer weniger Menschen besuchen den Gottesdienst.

Bode: Viele nehmen nicht wahr, dass unsere Botschaft mit dem Leben der Menschen zu tun hat. Das liegt wohl auch daran, dass wir uns der Brüche und all der Lebenssituationen von Menschen nicht demütig genug annehmen. Dass wir nicht bis an die Abgründe der Menschen gehen, um sie auch in ihrer Tiefe zu verstehen. Ich denke etwa an das Zerbrechen von Beziehungen in der Ehe.

SPIEGEL ONLINE: Geht Demut nicht automatisch verloren, wenn man sich in einem Machtgefüge wie der katholischen Kirche hocharbeitet?

Bode: Ich würde zunächst Macht als neutralen Begriff verstehen: als Vermögen, etwas zu gestalten. Ich denke, dass in der Kirche Macht, Leitung und Verantwortung immer mit Demut verbunden sein müssen. Das ist ja das Vorbild Christi. Und nehmen Sie das Wort Autorität, das kommt von augere, vermehren. Das heißt also nicht: Ich bin größer, weil du kleiner bist, sondern ich trage dazu bei, dass du wachsen, dich entfalten kannst, dass sich etwas vermehrt. Und ich bin davon überzeugt, dass ich als Bischof den Menschen etwas davon vorleben kann. Und ich lade dazu ein, diesen Weg mitzugehen.

SPIEGEL ONLINE: Was die Kirche in jüngster Zeit vorgelebt hat, war eher keine Einladung zum Mitgehen.

Bode: Ich bin sehr erschüttert über die Missbrauchsfälle und unser Fehlverhalten. Aber wir haben eine neue Sensibilität für das Thema entwickelt. Das heißt auch, dass die Kirche die Abgründigkeit des Menschen annimmt und sie auch die betrifft, die sich auf die Sache Christi einlassen wollen. Ich glaube, dass in jedem Menschen, auch in dem, der hohe Verantwortung in der Kirche hat, immer eine Versuchung steckt, über andere verfügen zu wollen. Die Erschütterungen, so schlimm sie sind, bringen die Herausforderung mit sich, noch einmal tiefer zu erkennen, was eigentlich Demut bedeutet.

SPIEGEL ONLINE: Zumindest wird ihr offenbar noch eine hohe Bedeutung zugemessen: Wenn öffentliche Personen mit dem Rücken zur Wand stehen, sprechen sie gern von Demut, als könnten sie damit das Rampenlicht dimmen, in dem sie stehen. Schmerzt Sie die Instrumentalisierung der Demut?

Bode: Auf der einen Seite dünnt sich der Begriff aus. Andererseits birgt die häufige Bezugnahme darauf die Chance, deutlich zu machen, dass dem Menschen Grenzen gesetzt sind, dass er nicht alles darf, was er kann. Wir sollten eine Dimension wie die Demut, wenn sie inflationär unter die Räder zu kommen droht, mit Tiefe füllen, statt jemandem vorzuwerfen: Du benutzt den Begriff nicht richtig. Wir sollten alles tun, Demut in unserer Gesellschaft zu einer echten Haltung zu machen.

Das Interview führte Birger Menke

In dieser Gesprächsreihe bereits erschienen:
Wolfgang Thierse: "Wer demütig ist, spricht nicht darüber"
Konstantin Wecker: "Für einen Rebellen ist Demut angebracht"
Matthias Sammer: "Die Verletzung hat mich demütiger gemacht"
Wertewandel: Die Wiederkehr der Demut



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