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RELIGION »Bitte bring Papa nicht um«

Im Kampf der Kulturen ist Donya al-Nahi eine Art Geheimagentin: Viele Jahre lang kidnappte sie im Auftrag britischer Mütter Kinder, die von arabischen Vätern in den Orient verschleppt wurden. Dann verschwindet ihr Mann mit Sohn und Tochter im Kriegschaos von Bagdad. Von Lothar Gorris
aus DER SPIEGEL 4/2004

Es waren die neu gekauften T-Shirts für ihren Sohn, die sie nicht fand. Es war die Frage Mahmouds, ob die Kinder nicht auf die Schuluniform verzichten könnten. Es war die Art, wie er sie anguckte an jenem Morgen.

Es war vor allem dieser Blick.

Donya al-Nahi sitzt in ihrem Wohnzimmer und versucht sich zu erinnern, an jenen Morgen im März, an diesen Blick. Einen kurzen Augenblick lang hat sie geahnt, was Mahmoud plante.

Donya al-Nahi hieß früher Donna Topen. Sie glaubt an Allah, nicht an den lieben Gott. Sie ist in Schottland geboren, in Cambridge aufgewachsen, seit mehr als 20 Jahren konvertiert. Sie lebt in Maida Vale, im Westen Londons. Viktorianische Reihenhäuser, libanesische Restaurants, Immobilienläden, McDonald''s, Afro-Shops; früher gab es in Vierteln wie diesem Straßenschlachten zwischen Immigranten und der Polizei. Jetzt mischt sich hier die neue Mittelschicht, Braune, Schwarze, Weiße. Der Kampf der Kulturen findet heute in den Wohnzimmern statt.

Donya hat vier Kinder. Marlon ist zwölf, Khalid acht und Alla fünf, das sind die Jungs, die Schwester Amira ist sieben Jahre alt. Sie trägt Turnschuhe und hört Popmusik, seit kurzem geht sie nicht mehr ohne Kopftuch aus dem Haus. In der Weihnachtsaufführung an ihrer Schule hat sie einen Engel gespielt. Amira ist die Einzige in Donyas Familie, die täglich mit Allah, dem Allmächtigen, spricht.

Mahmoud, ihr Vater, nahm sie mit an jenem Morgen im März, es war der 25., sie und ihren kleinen Bruder Alla. Vielleicht wollte er sie schützen vor den Zumutungen der westlichen Welt. Vielleicht wollte er nur die Mutter strafen.

Donya hätte es wissen können. Sie hat ein Buch darüber geschrieben. Es heißt »Engel der Wüste« und erzählt, wie sie in geheimen Missionen aus dem Orient Kinder zurückgeholt hat, die von ihren arabischen Vätern dorthin verschleppt worden sind*.

Sie war bei ihrem Verlag an jenem Tag im März, um Interviews zu geben. Marlon, ihr Ältester, rief an, nicht abgeholt wie sonst von seinem Vater. Donya brach ihr Interview ab, holte erst Marlon und dann Khalid, begann die Suche nach den beiden Jüngsten. Sie fand sie nicht, nicht in der Schule, nicht bei Freunden, nirgendwo, das Haus verschlossen, von Mahmoud keine Spur und keine Nachricht.

Die T-Shirts, der Blick, vor allem der Blick, plötzlich war alles klar, Mahmouds ganzer Plan, und sie ahnte schon an diesem Nachmittag das Ziel der Flucht: der Irak, die Heimat, ausgerechnet der Irak.

Der 25. März 2003 war der sechste Tag von »Operation Iraqi Freedom«. Der Tag, an dem im Irak ein Sandsturm den Angriff zu bremsen schien. Ein Tag, an dem trotzdem überall im Land die Bomben niedergingen, Cruise Missiles ihre Ziele suchten.

Donya sitzt in ihrem Wohnzimmer, in der Ecke ein Weihnachtsbaum, die Wände lindgrün gestrichen. Sie ist 38 Jahre alt. Sie trägt ein Kopftuch. Kaum ein Haar ist zu sehen, kein bisschen Hals. Sie hat Lippenstift aufgetragen, sie trägt immer Lippenstift. Ihre Wimpern sind getuscht. Sie hat grüne Augen, sie sind schön, sie strahlen kühl. Über ihrem Sofa hängt ein Gemälde von zwei Arabern auf wilden Pferden. Es schmeckt nach Abenteuer, nach Arabiens Wüste und nach verwegenen Burschen.

Donya erzählt von ihrer Panik und von ihrer Wut an jenem Tag im März. Und von den zwei Monaten, die dann folgten.

»It''s a hell of a story«, sagt Donya, die Frau, die früher Donna hieß.

Donyas Geschichte spielt im Niemandsland der Liebe, irgendwo zwischen Bagdad und London, an der unsichtbaren Front zwischen den Religionen und Kulturen. Sie beginnt im Frühjahr 1995, und sie beginnt damit, dass sie sich beim Geschäftsführer eines libanesischen Restaurants in der Edgware Road beschwert. Sie hatte sich Essen kommen lassen, es schmeckte nicht, es war das Falsche, was auch immer. Wenn Donya wütend ist, wird ihr Englisch spitz und scharf.

Der Geschäftsführer hieß Mahmoud al- Nahi. Er hörte nicht das Keifen Donyas, er hörte keine Flüche, was er hörte, war die schönste Stimme Englands. Er selbst brachte ihr das neue Essen vorbei.

Sie heirateten rasch, irakischer Ehemann, britisches Standesamt, italienisches Restaurant, französischer Champagner. Sie bekamen Kinder, jedes Jahr eins.

Mahmoud ist nicht Donyas erster Mann. Sie war 16 und gerade ausgerissen, da verliebte sie sich in einen Jordanier, sie ging mit in dessen Heimat und kehrte zurück nach 18 Monaten, als Muslimin, aber ohne ihn. Sie verliebte sich in einen Tunesier und flüchtete am Tag der Hochzeit in Tunis im Brautkleid mit einem Taxi. Sie verliebte sich in einen Mann aus Saudi-Arabien, der Lamborghini fuhr und der ihr Kreditkarten und Blankovollmacht gab. Und sie verliebte sich in einen wohlhabenden Mann aus Zypern und heiratete das erste Mal. Sie bekam einen Sohn, Marlon, sie lebten auf Zypern. Eines Tages holte sie ihn ab vom Kindergarten und verschwand zurück nach England. Man kann sagen, dass das Donyas erste Kindesentführung war. Man kann auch sagen, dass sie schon immer ein ziemlich anstrengendes Mädchen war.

Als Mahmoud sie kennen lernt, ist er schon seit fast 14 Jahren weg aus dem Irak. Sein Englisch ist immer noch schlecht, England ihm immer noch fremd.

Er kam 1981 nach London, da war er 18 und der Irak ein prosperierendes Land. Er studierte zum Ingenieur, der Vater, ein wohlhabender Mann im Ölgeschäft, zahlte. Mahmoud stammt aus Basra, seine Familie ist schiitisch. Zu Hause verhüllen sich die Frauen von ihrem zwölften Lebensjahr an, hier in London tragen sie knappe Kleidung, man kann mit ihnen schlafen, ohne dass jemand wütend wird. Es war eine fremde Welt, sie machte ihm große Versprechungen. Er war jung, klug, hübsch, er probierte sich aus.

Mitte der achtziger Jahre, der Krieg gegen Iran machte den Irak arm, verbot Saddam die Ausfuhr von Devisen. Mahmoud hätte zurückkehren können, in einen sinnlosen Krieg. Er blieb in London, hörte mit dem Studium auf und begann zu arbeiten, im »Maroush«, dem libanesischen Restaurant auf der Edgware Road.

Für Mahmoud war eine Frau wie Donya das Beste beider Welten: Sie ist Britin und spricht Arabisch. Sie trägt Kopftuch und Lippenstift. Sie glaubt an die Idee der islamischen Familie und ist doch keine Frau, die sich domestizieren lässt. Sie ist lustig, sie ist sexy, es ist nie langweilig mit ihr, und sie hat Geld gespart aus ihrem früheren Leben. Sie ist Verheißung und Hölle zugleich.

1998 wird Alla, ihr dritter Sohn, geboren. Donyas Gebärmutter wird entfernt. Vielleicht hätte sie sonst weitergemacht, jedes Jahr ein Kind, irgendwann 130 Kilo.

Stattdessen lernt sie an einer Bushaltestelle am Queensway in London Mary kennen. Auch sie ist eine britische Muslimin. Sie erzählt, dass ihr Mann, ein Libyer, die Tochter nach Libyen entführt hat. Und dass die britischen Behörden machtlos sind.

Donya ist längst wieder gesund, ihr Baby abgestillt. Langeweile schleicht sich ein in ihr Leben. Sie sitzen in einem Café in einer Shopping Mall am Queensway, und Donya sagt: »Ich fahr hin und hol sie dir.«

Zu Hause lacht Mahmoud über Donyas Plan. »Ist dir klar, was sie mit dir machen, wenn sie dich kriegen?«, sagt er.

»Sie werden mich nicht kriegen.«

»Sie sperren dich ein und werfen den Schlüssel weg. Und was ist mit unseren Kindern?«

Donya fliegt mit Mary nach Libyen. Zwei Tage lang observieren sie das Haus, gucken sich die Schule und die Schüler an. Am dritten Tag muss es passieren, das Geld geht aus. Sie greifen das Mädchen vor der Schule. Es ist frühmorgens, sie flüchten zum Flughafen. Leila, das Kind, erbricht sich vor lauter Aufregung. Der Flug verzögert sich. Vier Stunden, mindestens. Sie entscheiden sich, mit dem Auto durch die Wüste nach Algerien zu flüchten.

Ihr Taxi braucht 17 Stunden bis zur Grenze. Staub, Fliegen, es riecht nach Schweiß im Auto, auf den Toiletten, in den Tankstellen. Jeder Mensch, dem sie begegnen, könnte ein Gegner sein. Mary hat einen falschen Pass. Sie übernachten am Straßenrand. Sie fahren 1300 Kilometer durch Algerien. Erst in Marokko fühlen sie sich sicher. Donya kauft Tickets für den Heimflug.

In Heathrow, Terminal 4, steht Mahmoud. Er hat einen Strauß roter Rosen in der Hand. Er wird hier oft stehen in den nächsten Jahren.

Donyas Mut spricht sich rum unter britischen Musliminnen. 300 solcher Fälle im Jahr in Großbritannien, fast immer bekommen die Mütter Recht, aber die meisten islamischen Länder halten sich nicht an britisches Recht und interessieren sich auch nicht für internationale Konventionen. Es gibt ehemalige Elite-Soldaten, die in England ihre Hilfe anbieten, sie fordern 10 000 Pfund, als Anzahlung. Sie können schießen und Hubschrauber fliegen. Donya kann nicht mal Auto fahren.

Donyas zweiter Trip führt sie nach Marokko, dort stiehlt sie ein Kind vom Strand. Die erste Entführung war, sagt sie, wie das erste Mal Sex. Die zweite ist schon fast Routine, sie fühlt sich unbesiegbar.

Sie reist nach Kairo, nach Istanbul, nach Amman. Mal fährt sie allein, mal mit den Müttern. Die Mütter zahlen die Kosten für die Reise, manchmal finden sie Sponsoren, aber nie, sagt Donya, nahm sie selbst Geld für ihre Dienste. Sie wird von bewaffneten Gangstern verfolgt, am Telefon bedroht man sie mit Mord, sie färbt arabische Kinder blond, reist mit gefälschten Pässen. 20 Kinder, sagt sie, hat sie in vier Jahren zurückgeholt.

Sie gibt anonym die ersten Interviews, tritt, getarnt, in Talkshows auf. Sie nennt sich Dee, hat Angst vor ihren ersten Auftritten und weiß noch nicht genau, ob sie nun Heldin ist oder Verbrecherin, die anderen die Kinder stiehlt. Der Flirt mit den Medien beginnt. Damals, sagt Donya, hat sie den Zeh ins Schwimmbecken getunkt, das Wasser war erfreulich warm.

Im Frühjahr 2002 reist Donya nach Dubai. Eine unglückliche Geschichte, von Anfang an. Donya mag Sarra nicht, die Frau, um die es diesmal geht. Tariq, Sarras unehelicher Sohn, lebe gegen seinen Willen beim Vater in Dubai. Er besucht die internationale Schule der Vereinigten Arabischen Emirate. Sie gehört der Familie von Tariqs Vater, es ist eine der reichsten und mächtigsten im Emirat, zu mächtig.

Sie holen ihn vom bewachten Schulhof weg und müssen ihn ins Auto zerren. Der Junge scheint sich kaum zu freuen, protestiert, die Mutter kann ihn nicht beruhigen. Donya verliert die Kontrolle.

Sie ändert ihren Fluchtplan, will von Katar aus zurück nach England fliegen. Sie haben keinen Fahrer, Sarra fährt. Aber an der Grenze zu Saudi-Arabien müssen sie umkehren. Frauen dürfen nicht Auto fahren in Saudi-Arabien. Donya hat es vergessen, sie hat komplett den Überblick verloren.

Im Hafen von Dubai werden sie verhaftet. Neun Stunden Verhör, zwischendurch kann Donya ihren Mann in London anrufen. Kümmere dich um die Kinder, sagt sie, zu niemandem ein Wort.

Die Zelle hat kein Licht und keine Luft. Es gibt Etagenpritschen, aber keine Kissen, keine Möbel. Es stinkt nach Männern. Der Generalstaatsanwalt von Dubai droht Donya mit drei Jahren Haft.

In der Heimat hat Sarras Mann die Geschichte an die Presse verkauft. In den Artikeln steht auch, dass Donya eine professionelle Kindesentführerin sei. Großbritanniens Journalisten fallen ein in Dubai, sie liefern große Schlagzeilen. Längst ist auch das Außenministerium engagiert. Nach ein paar Tagen werden Sarra und Donya in ein Hotel umquartiert. Sie haben keine Pässe, sie müssen im Land bleiben.

In Großbritannien melden sich Frauen in den Medien, denen Donya geholfen hat. Sie sagen, dass sie eine moderne Heilige sei. Auch Mahmoud gibt jetzt Interviews. Heroine of the Desert, Wüstenheldin, nennt er sie live im nationalen Fernsehen.

Drei Wochen sitzen sie fest in Dubai. Donya hat eine diplomatische Krise ausgelöst. Sie fühlt sich nicht mehr unbesiegbar, sie ist jetzt ein kleines Mädchen, das sich für alles entschuldigt. Sie versöhnt sich mit dem Vater des entführten Jungen. Sie schreibt an Scheich Maktum, den Emir von Dubai, bettelt um Gnade. Sie versucht alles. Sie hat Glück. Die Familie Tariqs lässt die Anzeigen fallen, der Scheich ist gnädig, der Islam dort ist nicht ganz so streng.

In Heathrow steht Mahmoud mit einem Blumenstrauß.

In London findet sie endlich einen Verlag für das Buch, das sie schon lange schreiben will. Mohammed Al-Fayed, der Besitzer von Harrods, oder Liz Murdoch, die Tochter des Medientycoons, gehören jetzt zu ihren Bekannten. Auf einem Empfang in London spricht Cherie Blair mit ihr.

Ihre Karriere als Kindesentführerin ist eigentlich zu Ende. Sie ist enttarnt, neue Abenteuer könnten zu riskant sein. Donya ist jetzt eine Figur des öffentlichen Lebens, ein Star. Sie schwimmt gern im warmen Swimmingpool des Ruhms.

Produzenten von Channel 4 sprechen sie an. Sie wollen filmen, wie Donya mit einer Mutter nach Bosnien reist und dort die beiden entführten Töchter, zehn und zwölf, zurückholt. Die Mutter hat sie seit mehr als sechs Jahren nicht gesehen.

Natürlich sagt Donya zu.

Sie fliegen nach Sarajevo, sie lauern dem Vater auf, aber sie finden nur den Bruder. Die Mädchen sind längst in Teheran. Sie fliegen nach Iran, unterm Tschador eine kleine Kamera versteckt.

Mahmoud verliert die Geduld mit seiner Frau, vielleicht verliert er auch die Liebe. Sie beginnen sich zu streiten, sie haben früher nie gestritten. Muslimische Männer müssen stark sein, nun hat Mahmoud eine Frau, die stärker ist als er. In den Zeitungen liest er von einem Ehemann, der sich für das Glück seiner Frau opfert. Und er liest von einer Heiligen. Zu Hause in Maida Vale erlebt er eine Egomanin. Es ist jetzt nicht immer Englands schönste Stimme, die zu ihm spricht.

Aus Dubai hat man sie rausholen können. Aber aus Teheran, der Hauptstadt im Gottesstaat Iran? »Was glaubst du, wer du bist? Gott?«, fragt Mahmoud seine Frau, er wird selten laut. »Das Außenministerium kann der Frau nicht helfen, aber du?«

»Mahmoud hatte mich gefragt, ob ich verrückt sei«, sagt sie heute. »Er hatte Recht, ich war verrückt.«

Die Reise, Anfang des Jahres 2003, scheitert. Donya und Alison, die Mutter, finden die Kinder im Schnee von Teheran, aber sie erkennen ihre Mutter nicht, ein Kidnapping ist ausgeschlossen. Donya kehrt zurück, unter ihrem Tschador, zwischen ihren Beinen, hat sie das gefilmte Material. Das kann man Mut nennen - aber auch Naivität.

Keine Blumen mehr bei ihrer Rückkehr.

Donya beantragt die Scheidung.

Im Januar 2003 kümmert sich Mahmoud um Pässe für Amira und Alla. Im März werden Donya und Mahmoud geschieden. Acht Jahre haben sie geschafft.

Am Morgen des 20. März beginnt der Angriff auf Bagdad. Wohl am selben Tag, genau weiß Mahmoud das nicht mehr, kauft er drei Flugtickets London-Beirut, one way.

Am Nachmittag des 25. März beginnt die Fahndung. Einen Tag später haben sie Gewissheit, dass Mahmoud mit seinen Kindern tatsächlich nach Beirut geflogen ist. Er meldet sich bei seinem Bruder. »Donya«, sagt er, »kann mit ihren Kindern einmal im Monat telefonieren, vorausgesetzt, sie ist ein braves Mädchen.« Eine Warnung.

Sie verfolgen seine Anrufe zurück. Er ist inzwischen in Syrien, in Damaskus, sein Ziel: der Irak, natürlich. Er hat, weiß Donya, nur 3000 Pfund. Wird er warten, bis der Krieg vorüber ist?

Am 30. März, am sechsten Tag der Entführung, am elften Tag des Krieges, fliegt sie mit zwei Freundinnen und mit Marlon und Khalid, ihren ältesten Söhnen, nach Beirut. Die beiden nimmt sie mit, weil sie hofft, dass ihr Anblick ihn erweicht. Mahmoud soll glauben, dass es einen Neuanfang geben kann. Als Khalid Damaskus sieht, sagt er: »So viele Lichter, wie sollen wir sie da jemals finden?« In Damaskus nehmen sie sich Zimmer in einem kleinen Hotel. Der Krieg schwappt in die Stadt, Flüchtlinge aus dem Irak haben Unterschlupf gefunden, die Hisbollah sammelt Freiwillige für den Kampf gegen die Amerikaner.

Donya steht auf, wenn es hell wird, und läuft durch die Stadt, meldet ihren Fall bei der irakischen Botschaft, verteilt Zettel mit Fotos ihrer Kinder. Sie sucht in Parks, im Zoo, in Restaurants, in Internet-Cafés, sie fragt wahllos Menschen auf der Straße.

Am 31. März beschießen amerikanische Soldaten in der Nähe von Nadschaf einen Minibus mit Zivilisten. Der Wagen hat an einem Kontrollpunkt nicht angehalten. Sie töten zehn Menschen, Kinder sind auch darunter. Mahmouds Mutter Fatima lebt in Nadschaf. Eine kurze Zeit lang glaubt Donya wirklich, dass Mahmoud und ihre Kinder in diesem Bus saßen.

Er ist in Syrien, sie sind sich sicher, aber sie können ihn nicht finden. Donya weiß: Er will in den Irak. Sie weiß, dass sie ihn dort finden wird. Sie muss warten darauf, dass die Amerikaner endlich siegen. Ausgerechnet die Amerikaner. Sie fliegt erst einmal zurück nach London.

Mahmoud wartet mit seinen Kindern in einem Dorf nördlich von Damaskus, er guckt al-Dschasira und leidet doppelt, weil er sieht, wie sein Land zerstört wird, und weil es ihm nicht schnell genug geht.

Am 9. April stürzt die Saddam-Statue auf dem Platz vor dem »Palestine Hotel«.

Am 10. scheint der Krieg vorbei zu sein.

Am 12. wagt Mahmoud die Fahrt. Er kauft fünf Plätze in einem Bus, der ihn von Damaskus in den Irak bringt.

Donya hat in ihrem Buch geschrieben, dass sie ihm wie ein Racheengel im Nacken sitzen würde, sollte er einmal ihre Kinder entführen. Mahmoud traut ihr viel zu, er traut Donya sogar zu, dass sie vor ihm in Nadschaf bei seiner Mutter ist.

Er entscheidet sich für Bagdad. Er ist das erste Mal seit 22 Jahren in seiner Heimat. London hat er nie gemocht. Sein Englisch ist immer noch dürftig. Die Londoner machen ihm schlechte Laune. Die Menschen in London und das Leben dort, das bringe einen, sagt er, manchmal auf merkwürdige Ideen. London aber ist immer noch besser als das Bagdad, das er jetzt erlebt. Kein Wasser, kein Strom, Plünderungen, Dreck, überall amerikanische Panzer. Manchmal wünscht er sich, dass Donya ihn schnell findet.

Mahmoud und seine Kinder kommen unter im Haus eines Freundes. Es liegt in Adhamija, einer Wohngegend im Norden der Stadt. Die Häuser sehen aus wie Festungen. Eine gute Wohngegend, in den Vorgärten stehen verdorrte Zitronenbäume, Dattelpalmen. Nur eine Kaserne der Militärpolizei in der Nähe ist zerstört.

Mahmoud verhält sich wie ein Tourist, der auf das Ende seines Urlaubs wartet. Zweimal fährt er nach Nadschaf mit den Kindern, um die Oma zu besuchen und den Heiligen Schrein. Seine Mutter weint. »Nicht wegen dir, Mahmoud«, sagt sie, sie schimpft, »sondern wegen Donya, wegen dem, was du ihr antust.«

Alla, der fünfjährige Sohn, spricht Englisch mit den US-Soldaten, er ist auf den Straßen Bagdads eine kleine Sensation, er darf auf Panzern spielen. Amira malt Bilder von dem Park, in dem sie sich in London mit ihren Freundinnen trifft. Sie fragt immer öfter nach ihnen. Sie verliert Gewicht. Wo ist Donya?

Am 1. Mai erklärt George W. Bush in Fliegermontur auf dem Flugzeugträger »Abraham Lincoln« das Ende des Krieges.

Am 10. Mai landet Donya in Beirut. Auf Vermittlung von Liz Murdoch hat sie ihre Geschichte für 16 000 Pfund an die »Sun« verkauft. Wieder hat sie ihre beiden Söhne Marlon und Khalid mitgenommen. Und ihre Schwester Tracy. 15 000 Dollar hat Donya mit. Sie hat sie versteckt in den Schuhen ihrer Kinder, in ihrem BH. Sie wollen über Damaskus in den Irak.

An der Grenze zum Irak werden sie zurückgewiesen. Sie fahren zurück nach Beirut, von dort fliegen sie nach Amman, den Rest im Auto. Morgens um zwei, in der Nacht vom 12. auf den 13. Mai, erreichen sie die Grenze zum Irak. Sie müssen warten, die Grenze öffnet erst um 6.30 Uhr.

Allu, der irakische Fahrer, sagt zu Donya: »Kauf dir eine Pistole, du wirst sie brauchen.« Es ist mitten in der Nacht, es sind Kriegszeiten, sie ist Ausländerin, die Pistole kostet 1000 Dollar. Sie weiß nicht mehr, was für ein Modell, sie weiß nur, dass sie geladen ist.

»Bitte«, sagt Marlon, der älteste Sohn, »bring Papa nicht um!«

Donya versucht, sich Sicherheit zu kaufen, sie verteilt ein paar Dollar an Banditen. In Bagdad wechselt der Fahrer das Auto. Noch mal drei Stunden bis nach Nadschaf. Noch mal drei Stunden Wüste, noch mal drei Stunden Angst. Sie suchen lange, bis sie das Haus der Schwiegermutter finden. Tracy, Donyas Schwester, hat kein Kopftuch, keine weiten Kleider. »Haram«, Schande, rufen die Leute auf den Straßen der heiligen Stadt, wenn sie Tracy sehen. Fatima, die Mutter Mahmouds, sitzt im Wohnzimmer. Im Hof hat Donya eine Sandale ihrer Tochter gesehen.

»Wo sind meine Kinder?«, fragt Donya.

»Sie sind nicht da.«

»Wo sind sie?«

»In Bagdad.«

Sie schreien sich an.

»Du bringst mich da jetzt hin«, sagt Donya, sie hat die Pistole in der Hand, »oder aber ich erschieße erst dich und dann mich.«

Sie fahren nach Bagdad. Donya, ihre Schwester Tracy, die beiden Jungs, der Fahrer, die Schwiegermutter, es ist eng im Auto. Im Dunkeln erreichen sie die Stadt. Fatima zeigt ihnen das Haus in Adhamija, in dem Mahmoud mit den Kindern wohnt. Er ist nicht da. Sie warten. Die Nachbarn kommen aus ihren Häusern, sie geben den müden Gestalten Wasser, sie wundern sich ein wenig. Tracy, Donyas Schwester, sagt, dass sie Hilfe holen geht, und verschwindet in der Nacht.

Nach einer Stunde, 23 Uhr, schätzt Donya, biegt ein Auto um die Ecke. Mahmoud sitzt vorn auf dem Beifahrersitz, auf seinem Schoß Amira, hinten Alla.

Donya öffnet die Tür, sie nimmt Amira, sie nimmt Alla, sie hat Angst vor Mahmoud und seinem Freund. In ihrer Handtasche hat sie die Pistole. Sie sagt Mahmoud, wie sehr sie ihn liebt. Sie bittet um Vergebung für alles, was sie ihm angetan hat. Sie sagt ihm, dass sie von nun an wieder alle zusammen sind. Sie spielt die Rolle ihres Lebens, sie will Zeit gewinnen.

Mahmoud möchte, dass sie ins Haus gehen. Sie sind fast im Vorgarten, da hören sie Motoren und das Rasseln schwerer Panzerketten. Tracy hat Hilfe gefunden. Es sind zwei »Abrams«-Panzer der US-Armee. Um sie aufzuhalten, hat Tracy sich das T-Shirt hochgezogen, erzählt Donya später kichernd, mitten auf der Straße. Natürlich hielten sie.

»Ma''am, how are you?«, sagt jetzt einer der Soldaten zu Donya.

»Mir geht es gut«, antwortet sie.

»Ma''am, do you need help?«

Mahmoud weiß, dass es zu Ende ist. Er bettelt, dass sie noch bleiben.

»Lassen Sie diese Lady mit ihren Kindern gehen«, ruft der Soldat oben auf dem Panzer, »oder ich schieße.«

Donya sitzt, sieben Monate nach der Befreiung, in ihrem Wohnzimmer, auf dem Tisch vor ihr die Reisepässe, voll gestempelt bis zur letzten Seite, und ein Streifen kleiner Fotos. Sie erzählt, wie Mahmoud noch versuchte, hinter dem Auto herzu- laufen. Er weinte, er schrie, sagt sie, sie hat nicht verstanden, was er rief.

»It''s a very good movie«, sagt Donya.

Sie hätte nie gedacht, sagt Donya, dass sie eines Tages, den Amerikanern dankbar sein würde. Dafür, dass sie ein islamisches Land überfallen haben. Und dafür, dass sie den Kampf der Kulturen in Donyas Wohnzimmer gewonnen haben.

Mahmoud bleibt noch ein paar Tage in Bagdad, dann geht er nach Jordanien, er hält es nicht mehr aus in seiner alten Heimat. Er wüsste gern, wo seine neue Heimat ist. Fast zwei Monate lang bleibt er, bis ihn Donya anruft. Sie fragt ihn, ob er zurückkommt, die Kinder brauchen ihn.

Über Amsterdam fliegt er zurück nach London. In Heathrow steht niemand mit einem Strauß Blumen in der Hand.

Sein Gepäck ist nicht mitgekommen. Ratlos wandert er umher. Sicherheitskräfte nehmen ihn fest. Er steht auf der Fahndungsliste. Er wird verhaftet. Mahmoud wird verhört und erzählt alles. Er kommt vor einen Haftrichter. Es drohen sieben Jahre Haft, wenn es schlecht läuft. Er wird verlegt nach Wandsworth, das Gefängnis hat einen üblen Ruf. Nach ein paar Tagen besucht ihn Donya. Sie zieht die Anzeige zurück.

Fünf Monate ist Mahmoud jetzt wieder zurück in London. Er sitzt in einem Pub, dem Falcon auf der Kilburn Lane, und erzählt seine Version der Geschichte. Weihnachtskugeln hängen unter der Decke, freitags werden hier James-Bond-Partys gefeiert, es gibt günstige Martinis.

Seine erste Nacht in Freiheit schlief Mahmoud in seinem Auto. Jetzt wohnt er in einem kleinen Apartment, es gehört ihr. Er hat nicht wieder angefangen in dem libanesischen Restaurant auf der Edgware Road. Die Leute dort halten nicht mehr so viel von ihm. Er ist jetzt Kurierfahrer. Dünn ist er geworden. Er muss ein neues Leben in London beginnen. Er trinkt ziemlich viel Bier für einen Muslim.

Warum, Mahmoud?

»I lost the plot«, sagt er. Den Faden verloren, die Kontrolle, er weiß es nicht besser. »Früher«, sagt er, »haben Donya und

ich uns gefühlt wie Königin und König von Maida Vale.«

Wenn er heute mit seiner Tochter Amira in den Park will, fragt sie erst, ob Mummy auch mitkommt. Er holt noch ein Bier.

Sie haben sich zusammen fotografieren lassen. Sie haben sich angefasst, die Berührungen wollten so tun, als sei alles normal. Nichts ist normal.

»Du zitterst«, hat Mahmoud zu ihr gesagt. Es klang wie ein Vorwurf, dass sie sich nicht zusammenreißen kann. Es klang wie früher. Nichts ist wie früher.

Donya sitzt in ihrem Wohnzimmer in Maida Vale, Arabiens Reiter über ihr. In der Ecke steht ein Flachbildschirm von Sony. Das Lindgrün der Wände passt gut zu ihren grünen Augen. Sie will bald umziehen in eine bessere Gegend. Sie hat einen neuen Verehrer, er arbeitet als Fitnesstrainer. Sie redet von Heirat. Vielleicht will sie Mahmoud nur ärgern. Es ärgert ihn sehr.

Channel 4 hat ihr 60 000 Pfund für die Filmrechte an ihrer Geschichte gezahlt, sagt Donya. Einer der Autoren von »Kick It Like Beckham« soll das Drehbuch schreiben.

Manchmal stellt Donya sich vor, wie sie bei der Premiere den roten Teppich entlangschreitet.

* Donya al-Nahi, Andrew Crofts: »Engel der Wüste«. WunderlichVerlag, Reinbek; 256 Seiten; 17,90 Euro.* Privatfotos von Donya al-Nahi.* Al-Nahi, Alison (o.), Treffen zwischen Alison und ihrenKindern in Teheran.

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