"Bitte keine Araber": Wie Rassismus jungen Jobsuchenden den Berufseinstieg erschwert

Und was die Regierung bisher (nicht) dagegen unternimmt.

Dieser Beitrag wurde am 25.01.2020 auf bento.de veröffentlicht.

Nach vier Dutzend Absagen hat sich Samir gefragt, ob es nicht doch Rassismus ist. Der gebürtige Ägypter hat in Freiburg im Breisgau "Environmental Governance" studiert, ein spezieller Studiengang, der Nachhaltigkeit und Wirtschaft verbindet – einer, der aktuell gefragt ist. Doch während seine Kommilitonen mit deutsch klingenden Namen Jobangebot nach Jobangebot erhalten, bekommt Samir Absage für Absage.

"Oft vergehen keine zehn Minuten bis zur Antwortmail", sagt Samir. Leider, leider sei die Stelle schon vergeben, heiße es dann oft. "Wenn ich nach ein, zwei Wochen wieder auf die Firmenhomepage schaue, ist die Ausschreibung aber immer noch online." 

Mehr als 50 Bewerbungen habe er seit Oktober vergangenen Jahres geschrieben, sagt der 31-Jährige. Sein Zeugnis sei nicht besser oder schlechter als das deutscher Studierender. Bei mehr als der Hälfte seiner Versuche seien die Absagen direkt gekommen, bei den anderen habe es gar keine Rückmeldung gegeben. "Zum Gespräch eingeladen wurde ich nur in zwei Fällen, und das auch nur durch eine persönliche Empfehlung." Um sich Chancen bei weiteren Bewerbungen nicht zu verbauen, will er hier seinen echten Namen nicht lesen.

Was Samir erlebt, geht in Deutschland vielen Jobsuchenden mit nicht Deutsch klingenden Namen ähnlich: Sie sammeln Absagen und fragen sich, ob es an ihnen und ihrem Lebenslauf liegt, oder doch an der Einstellung der Personaler.

Für viele fühlt es sich so an, als gäbe es einen Grund für die Absagen, der nichts mit Qualifikation zu tun hat – sondern mit Rassismus.

Ein aktueller Fall hat dieses Gefühl nun bestärkt. Ein großes Architekturbüro hatte auf eine Bewerbung den internen Vermerk "Bitte keine Araber" verschickt – allerdings aus Versehen auch an den Bewerber. Dieser machte die rassistische Absage auf Facebook öffentlich und schrieb dazu: 

Das schlimmste Ablehnungsschreiben, das man nur bekommen kann.

Screenshots des Posts verbreiteten sich auf Twitter weiter, viele schilderten, dass es ihnen bei Bewerbungen ähnlich geht.

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Auch wenn sich das Unternehmen später entschuldigte und den Betroffenen auf ein Praktikum einlud (SPIEGEL), zeigt die Mail doch ein grundsätzliches Problem: Jobeinsteiger mit nichtdeutschen Namen haben anscheinend größere Hürden zu überwinden als ähnlich gut qualifizierte Deutsche. Was für Betroffene nur ein Gefühl ist, hat das Forschungsinstitut zur Zukunft der Arbeit bereits 2016 in einer Studie  untersucht. Das Ergebnis:

Wer Ahmad, Leila oder Ruslan heißt, wird seltener auf ein Bewerbungsgespräch eingeladen als Anna, Sebastian oder Claudia – bei gleicher Qualifikation.

In der Studie wurden drei in der Ausbildung gleiche Lebensläufe verschickt, unterschiedlich waren nur Namen und Bewerberinnenfoto: Die gleiche fiktive Bewerberin hieß einmal "Sandra Bauer", zwei Mal "Meryem Öztürk", auf einem Foto zum türkischen Namen trug sie zudem ein Kopftuch.

Über ein Jahr lang bewarb sie sich auf insgesamt 1474 Stellen in mehreren deutschen Großstädten. Als Deutsche erhielt sie auf jede fünfte Bewerbung eine Antwort, als Türkischstämmige nur auf etwas mehr als jede zehnte. Am miesesten sah die Rückmelderate beim Foto mit Kopftuch aus: Nur auf jede 20. Bewerbung folgte eine Rückmeldung.

Der Bund weiß um diese Probleme. Die Antidiskriminierungsstelle der Regierung hatte bereits 2012 einen Modellversuch  gestartet: Mehrere staatliche Stellen wie auch private Firmen hatten ein Jahr lang anonymisierte Bewerbungen angenommen. Name, Foto, Alter, Adresse und Geburtsort? Alles nicht zu finden. Was blieb, waren Lebensläufe mit Informationen über Berufserfahrung, Ausbildung und Motivation. 

Im Ergebnis wurden Menschen zu Jobgesprächen eingeladen, die sonst wohl durchs Raster gefallen wären. Die Antidiskrimierungsstelle zog ein positives Fazit und ist sich sicher: 

Die Anonymisierung in der Bewerbung hilft nachweislich dabei, Diskriminierung abzubauen.

Zum Gesetz sollte die geschwärzte Bewerbung aber nicht werden, die Stelle empfahl, dass Firmen das auf freiwilliger Basis regeln sollen. 

Was gilt bei Bewerbungen?

Im Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz  sind Kriterien festgelegt, wegen derer Arbeitnehmer nicht benachteiligt werden dürfen. Dazu zählen ethnische Herkunft, Geschlecht, Religion und Weltanschauung, Alter, Behinderung sowie sexuelle Identität. Lehnt ein Arbeitgeber aus einem dieser Gründe einen Bewerber ab, ist das grundsätzlich nicht erlaubt. 

Das Problem: Gesetzliche Vorschriften, wie Bewerbungen aussehen müssen, gibt es nicht. Jobsuchende können also kaum nachweisen, ob sie eventuell aufgrund ihrer Herkunft abgelehnt wurden.

Allein Nordrhein-Westfalen hatte 2013 für einige Stellen im öffentlichen Dienst die anonyme Bewerbung eingeführt – und nach kurzer Zeit wieder aufgehoben. Begründung: Wenn Personaler rassistische Denkmuster haben, dann würden Bewerberinnen und Bewerber spätestens beim Vorstellungsgespräch an ihnen scheitern. Die anonymisierte Bewerbung vertage das Problem also nur in die zweite Runde, löse es aber nicht. (Deutschlandfunk )

Allerdings: Wenn Jobsuchende mit nichtdeutschen Namen oder Biografien im Lebenslauf nun wieder an der ersten Runde scheitern, löst es das Rassismusproblem in deutschen Firmen auch nicht.

Was machen die gehäuften unbegründeten Absagen mit den Bewerberinnen und Bewerbern? In Ahmads Fall führten sie bis zur Psychiaterin. 

Ahmad ist Architekt und heißt eigentlich anders. 2011 kam er für ein Aufbaustudium nach Frankfurt – es war ein internationaler Studiengang, Ahmad lernte gemeinsam mit Deutschen, Italienern, Indern. Damals war er 27 und hatte gerade einen wichtigen Nachwuchspreis gewonnen. Er fühlte sich "am Beginn einer großen Karriere", so sagt es Ahmad heute am Telefon.

Von 2011 bis 2016 war er in Deutschland. In der Zeit habe er knapp 1000 Bewerbungen für Praktika und Jobs geschrieben, "es waren wirklich so viele, ich übertreibe nicht." Bei der Hälfte habe es keine Rückmeldung gegeben, bei den anderen Absagen. Einladungen zum Gespräch: eine einzige. Er weiß nicht, ob es wirklich an seiner Herkunft lag, aber er glaubt fest daran. Die europäischen Kommilitonen seines Studienganges hatten keine solchen Probleme – "und als ich mich dann auf eine Stelle in den Niederlanden bewarb, hatte ich sie sofort".

Heute lebt er wieder im Libanon und verarbeitet mithilfe einer Therapeutin die Erfahrungen. Er erzählt ihr vom Kellner, der ihn absichtlich mit Bier überschüttet, vom Prof, der ihn im vollen Hörsaal gefragt habe, was "so einer wie er" hier in Deutschland wolle. Wahrscheinlich war mit "so einer" Muslim gemeint, glaubt Ahmad.

Ich liebe Deutschland und hätte mir dort gerne eine Zukunft aufgebaut – aber es war wohl eine sehr einseitige Liebe.

Lange habe er niemandem von den Vorfällen erzählt, sagt Ahmad heute. Die Beleidigungen des Professors und die Jobabsagen hätten ihn an sich und seiner Arbeit zweifeln lassen – "du kommst ja nicht drauf, dass das Problem auch bei den anderen liegen könnte". Erst die Therapeutin habe ihn zum Umdenken bewegt. 

Heute arbeitet er im Libanon tatsächlich für ein deutsches Unternehmen, "da geht das dann, da sind sie lockerer."

Auch Samir aus Freiburg sagt, die vielen Absagen hätten ihn an sich zweifeln lassen: "Ich habe meinen Lebenslauf innerhalb weniger Wochen drei-, viermal umgestellt." Da es nie Feedback auf seine Bewerbungen gab, suchte er akribisch nach Fehlern – vom Tipper im Anschreiben bis zur Auflistung der Qualifikationen. 

Anders als Ahmad will Samir weiter nach einem Job in Deutschland suchen. Und er hat eine Idee, wie es doch noch gelingen könnte:

Vielleicht sollte ich mich auf dem nächsten Lebenslauf einfach Moritz nennen, um diesen Spuk zu beenden.

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