BKA-Beamter als Krimiautor "Der Mensch ist grundsätzlich böse"

Im BKA ermittelt er gegen Terroristen, in seiner Freizeit schreibt er über einen Serienkiller. Hier spricht Andy Neumann über die Natur von Kriminellen und sein Buch, das anders sein soll als ein gewöhnlicher Krimi.
Ein Interview von Lea Hensen
Kriminalist Neumann: "Nahe an der Realität bleiben"

Kriminalist Neumann: "Nahe an der Realität bleiben"

Foto: Axel Hausberg

Es kommt nicht oft vor, dass Polizisten sich freiwillig in Kriminelle hineinversetzen. Vielen Beamten ist die Psyche von Verbrechern ziemlich egal, auch wenn Krimis häufig einen anderen Eindruck erwecken. Umso überraschender erscheint es, dass ein leitender Beamter des Bundeskriminalamts (BKA) nun einen Roman verfasst hat, der auch aus der Perspektive eines Serienkillers erzählt ist. "Zehn" heißt das Buch von Andy Neumann, es schildert die Geschichte eines Mannes, der mordet, nicht weil er muss, sondern weil er glaubt, es zu können.

Andy Neumann arbeitet seit 1995 im Bundeskriminalamt und gehört der Abteilung Staatsschutz an. Er absolvierte ein Masterstudium an der Deutschen Hochschule der Polizei in Münster. Sein Roman "Zehn" erscheint jetzt im Gmeiner-Verlag.

SPIEGEL: Sie sagen von sich, Sie seien Staatsschützer mit Leib und Seele. Nun haben Sie einen Roman über einen Killer verfasst, den keine politische Motivation antreibt, sondern die pure Lust am Töten.

Neumann: Das stimmt, meine Kernkompetenz ist das eigentlich nicht. Ich beschäftige mich beruflich mit staatsfeindlichen Strukturen. Es läge näher, dass Kollegen aus der Mordkommission in die Gedankenwelt eines Serienkillers eintauchten. Aber ich habe eine Herausforderung gesucht. Die Idee ist mit Freunden entstanden. Ich wollte einen Krimi schreiben, der möglichst nahe an der Realität bleibt und ohne die übliche Folklore auskommt. 

SPIEGEL: Was stört Sie an den herkömmlichen Krimis in Literatur, Film, Fernsehen?

Neumann: Zunächst einmal kommen diese Darstellungen oft gut beim Publikum an. Jeder "Tatort" weckt Faszination für meinen Beruf, was ich fantastisch finde. Dennoch hat das Gezeigte wenig mit dem zu tun, wie Polizei eigentlich arbeitet. Ich wollte also etwas schreiben, was Realität spiegelt und trotzdem eine spannende Kriminalgeschichte ist. Das zu verbinden, war die Schwierigkeit.

SPIEGEL: Wenn ein BKA-Ermittler einen Kriminalroman schreibt: Wie viel Berufserfahrung landet in der Geschichte?

Neumann: Ich hoffe doch nicht zu viel. Es gibt Stellen in der Geschichte, an denen ich genau wüsste, wie ich es als Täter machen würde. Aber das habe ich manchmal bewusst offen gelassen. Ich wollte ja keine Handlungsanleitung für Kriminelle erstellen.

SPIEGEL: Wie schwierig ist es für Sie, sich in einen Mörder hineinzuversetzen?

Neumann: Das war erstaunlich leicht. Ich halte mich da an den Philosophen Thomas Hobbes, der den Satz geprägt hat: Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf. Ich glaube, dass der Mensch grundsätzlich böse ist und im Leben lernen muss, gut zu sein. So schwierig ist es also nicht, das Schlechte in uns zu finden und das aufzuschreiben. Im Übrigen sind alle Menschen fasziniert von dem Bösen. Allerdings sind sie das nach meiner Erfahrung immer nur so lange, bis es ihnen persönlich begegnet. Dann haben sie Angst oder sind entsetzt.

SPIEGEL: Verdirbt der Beruf des Polizisten den Blick auf die Welt?

Neumann: Das mag sein, aber in meinem Fall denke ich, dass ich familiär geprägt bin. Es gibt sicher mehr Menschen, die immer erst an das Gute im Menschen glauben. Das ist bei mir nicht der Fall. Womöglich hat das auch mit Selbstschutz zu tun. Ich war im Leben auch immer vorsichtig, was andere Menschen anbelangt. Das hat mir viele Enttäuschungen erspart.

SPIEGEL: Brauchen Sie für Ihre Ermittlungen diesen skeptischen Blick?

Neumann: In meinen Fällen habe ich immer versucht, meinem Gegenüber möglichst unvoreingenommen gegenüberzutreten. Das war in einigen Situationen schwierig, aber möglich.

SPIEGEL: Gab es auch einmal Täter, die Ihnen leidtaten?

Neumann: Höchstens insofern, als dass sie das BKA an den Hacken hatten.

SPIEGEL: Ein Mensch wird ja nicht als Krimineller geboren. Viele haben schlimme Dinge erlebt, ehe sie zu Tätern wurden.

Neumann: Es gibt natürlich Menschen, die nicht viel dafür können, dass sie so sind, wie sie sind. Und man kann Mitleid mit ihnen haben, nur eben nicht als Ermittler. Das wäre unprofessionell. Objektivität ist angebracht. Man muss versuchen, die Geschichte der Täter mitzudenken, ohne in Empathie zu versinken.

SPIEGEL: Wo fällt Ihnen diese Objektivität schwer?

Neumann: Ich habe mich jahrelang mit Rechtsextremismus beschäftigt und den ein oder anderen Fall gehabt, der mich an meine Grenzen brachte. Einmal war ich soweit, dass ich dachte, es reicht, ich muss hier weg. Polizisten sollten neutral bleiben, aber das ist nicht immer leicht. Ich könnte auch nie im Bereich Kinderpornografie ermitteln. Die notwendige Objektivität könnte ich dort nicht aufbringen. Das wäre mir unmöglich. Ich bewundere die Kollegen, die das machen, daher am allermeisten.

SPIEGEL: Haben Sie Fälle nicht lösen können? Wie ist das?

Neumann: Da müsste ich jetzt ins Detail gehen, was ich nicht darf. Ich habe es aber durchaus erlebt, dass man jahrelang an etwas arbeitet und am Ende nichts dabei rauskommt. Schön ist das nicht.

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