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Hacker Bloße Neugier

Ein junger Mann aus New York ist Held der Computerfreaks: Für seine Leidenschaft saß er sogar im Knast.
aus DER SPIEGEL 4/1995

Keinerlei Plakate hatten das Ereignis angekündigt, trotzdem war die Konzerthalle Irving Plaza im Herzen von Manhattan mit Fans gefüllt. Werbung hatte es nur im Datennetz, online, gegeben, und anstelle von Rockbands, die üblicherweise für volles Haus sorgen, fungierte ein Computerfreak als Attraktion: Phiber Optik, 22, Amerikas berühmtester Hacker.

Von Januar bis Mitte November 1994 saß er für Computerstraftaten im Gefängnis. Mitte des Monats feierte er mit der Cyber-Gemeinde New Yorks seine Freiheit.

Der harmlos aussehende Twen ist Symbolfigur der sogenannten nichtdestruktiven Hacker: Sie wollen bei ihren elektronischen Aktionen in den globalen Datennetzen wie dem Internet nicht Schaden anrichten durch Zerstörung von fremden Programmen oder Dateien, sondern auf Lücken in der Datensicherheit aufmerksam machen.

Phiper Optik war Kopf der Hacker-Gang Masters of Deception (Meister der Täuschung) und Ehrengast auf diversen Computerkonferenzen - ein Held des digitalen Zeitalters.

Leute wie er wurden vor wenigen Jahren von der Öffentlichkeit noch als verschwiegene, gefährliche Gestalten hinter geheimnisvollen Monitoren angesehen. Nun hat sich das Bild gewandelt.

»Autoritäten im Netz bekämpfen, das wird immer mehr zur selbstverständlichen, notwendigen Sache«, so der Hacker-Guru. Große Firmen, die aus der Infostruktur Gewinn schlagen wollten, müßten verstehen, daß sie dort nicht dieselbe Kontrolle ausüben könnten wie in der physischen Welt. Phiber Optik: »Wir sind eine Gegenbewegung.«

Phiber, der mit bürgerlichem Namen Mark Abene heißt und im New Yorker Familien-Stadtteil Queens aufgewachsen ist, hat für seinen Kampf an der digitalen Front bezahlt. Seine Ausflüge in die Großcomputer mehrerer Telefongesellschaften, einer Kreditfirma und der Bank of America ahndete im Herbst 1993 ein Gericht in Manhattan mit einem Jahr und einem Tag Gefängnis.

Wenig Verständnis zeigte Richter Louis Stanton damals in der Urteilsbegründung für Phiber Optiks anti-hierarchisches Wirken im elektronischen Untergrund: »Hacken bedeutet eine reale Bedrohung für die Entstehung des Info-Highways.« Auch beeindruckte es den Richter wenig, daß Phiber Optik, wie er behauptet, bei seinen verbotenen Spaziergängen durch fremde Netze nie etwas beschädigte, sondern nur Schwachstellen austestete.

»Das Problem sind die Kriminellen, die Informationen an sich bringen oder zerstören«, so Anwalt Lance Rose, 38: »Bloße Neugier dagegen ist wertvoll für unsere Gesellschaft, und Phiber war mit Sicherheit eines: neugierig.«

Für die Szene war die harsche Bestrafung des New Yorker Cyberpunks ein wichtiges Signal: Die Phiber-Phreaks sehen sich als Opfer von Justiz und Konzernen. Immer mehr Menschen schließen sich an die Datennetze an, die ihnen eine Flut von Informationen, Unterhaltung und Konsumangeboten direkt auf den Bildschirm zu Hause bringen. Für die neuen Medienstrukturen interessieren sich denn auch zunehmend die großen Konzerne.

Die entstehende Infobahn ist ein Milliardengeschäft, und Hacker sind der Virus im System des digitalen Geldmachens. Phiber Optik: »Wir müssen wachsam bleiben. Große Firmen sollen spüren, daß sie auf fremdem Terrain sind.« Viele Menschen müßten sich jetzt, sagt er, »für die Freiheit im Netz engagieren«.

Tatsächlich ist eine Alternativbewegung von unten im Cyberspace erstarkt, die sich gegen die Kommerzialisierung ihrer Kommunikationsstrukturen wehrt. Die Anhänger wollen Freiräume verteidigen: Im globalen Netz konnten die Bürger bisher weltweit ohne Kontrolle, Grenzen und Staatsreglement miteinander plaudern, Ideen austauschen, forschen oder schlicht Spaß haben.

In dieser bunten virtuellen Welt, die sie selbst mitgeschaffen und belebt haben, sehen sich viele Daten-Freaks nun an den Rand gedrängt. Deshalb gründen sie überall in den Vereinigten Staaten Cyber-Kommunen, sogenannte Bulletin Boards. Diese meist lokal organisierten Zusammenschlüsse bilden ein Gegengewicht zu großen Software-Firmen und kommerziellen Online-Anbietern wie America Online, Compuserve oder Prodigy.

Stacy Horn, 38, Betreiberin des New Yorker Bulletin-Boards Echo: »Das Urteil gegen Phiber hat ökonomische Gründe. Hacken heißt Computersysteme verstehen und demokratisieren - davor fürchten sich die Mächtigen.«

Horn selbst zeigt keine Berührungsängste mit dem verurteilten Info-Vandalen: Sie hat den jugendlichen Helden sogar eingestellt - als Wachhund. Phiber Optik sorgt in dem alternativen Computerverbund für die Datensicherheit der über 3500 Echo-Benutzer und hilft bei der Navigation durch das Internet. »Einen besseren Experten hätte ich nicht finden können«, so Stacy Horn.

Phiber Optik hat nach seiner Haftstrafe erklärt, er werde sich nie wieder unerlaubt in Netze einschalten. Legal für eine Online-Gemeinde zu arbeiten sei, so sagt er nun, ein effektiver Weg, für die Rechte im Cyberspace zu kämpfen.

»So was wie Echo macht Spaß. Leute bauen das Internet von unten auf, veranstalten Partys und geben sich nicht mit der Öde eines kommerzialisierten Info-TV-Super-Shopping-Highways zufrieden«, sagt er und verschwindet mit seiner Freundin Cathy Young (Cybername: »Cafephreak") im Gedränge seines Phiber-Phests.

In einer Echo-Konferenz haben die beiden sich kennengelernt. Online. Y

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