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Spiele Blut auf die Kettensäge

Weltweit spielen es Millionen, hierzulande ist es indiziert: Ein blutrünstiges Computerspiel verbreitet sich durch die Datennetze.
aus DER SPIEGEL 32/1994

So schön kann nur die Hölle sein: blutrote Landschaft, verdorrte Baumstümpfe, übellaunige Fratzen an Wänden und Türen, hier und da ein radioaktiver See, und als dekoratives Element ist manchmal eine Torte aus Totenschädeln zu erblicken - komplett mit Kerze.

Bevölkert ist das Idyll von arg garstigen Gesellen: fäkalbraunen Zombies mit Stacheln, akneroten Stieren auf zwei Beinen, fliegenden Schädeln mit Feuerkoronen. Und als Erz-Antagonist darf auch eine mordlüsterne Roboterspinne mitspielen.

Willkommen beim Weltuntergang - live und in Farbe auf dem Personal Computer. Beim Computerspiel Doom, englisch für Jüngstes Gericht, gilt nur eine Regel: Was sich bewegt, muß getötet werden - ob mit Faust, Schrotflinte oder virtueller Kettensäge.

Bösewichte und Gruselambiente erscheinen auf dem Monitor zwar noch kantig gerastert. Aber die Illusion der Bewegung durch einen dreidimensionalen Raum vermittelt das Spiel so perfekt, daß Doom-Fans des öfteren über leichte Schwindelgefühle klagen.

Doom ist derzeit »das Spiel überhaupt«, sagt Volker Weitz, stellvertretender Chefredakteur bei der Zeitschrift Power Play, dem monatlichen Seismographen der Szene. Auch Bruce Ryon, Branchenkenner bei den Marktforschern von Dataquest, sagt: »Doom ist der nächste Schritt bei PC-Spielen.«

Nicht nur wegen der technischen Raffinesse. Das texanische Kleinstunternehmen id Software, das seinen Namen vom Freudschen »Es« ableitet, verteilte den ersten Doom-Fix kostenlos. Über weltweite Datennetze wie Compuserve oder Internet kopierten begeisterte Spieler das Programm - völlig legal - in jede Ecke des Globus.

Das Appetithäppchen bot allerdings nur die erste Episode: »Bis zu den Knien in den Toten.« Wer weiterspielen will, um in den »Ufern der Hölle« oder im »Inferno« seine Gegner zu suchen, muß die vollständige Version des Spiels kaufen - für rund 40 Dollar oder knapp 90 Mark in Deutschland.

Mehr als fünf Millionen PC-Benutzer spielen weltweit für lau. Rund 100 000 Doomer, wie sich die Apostel mit vermehrter Adrenalin-Ausschüttung nennen, haben ihren Obolus entrichtet. Vom Gewinn kauften sich, den Sitten der Branche entsprechend, zwei der Doom-Programmierer, John Romero, 26, und John Carmack, 23, natürlich rote Ferrari Testarossa. Zwischen sechs und zehn Millionen Dollar Umsatz wird id Software dieses Jahr machen.

Die Ballerfreuden erquicken zwar jedes ungezügelte Es, nicht aber die EDV-Leiter großer Unternehmen. Die virtuelle Höllenwelt kann, etwa in einem internen Firmennetz, von mehreren Spielern zugleich erkundet werden - das hat schon manchen Zentralcomputer außer Gefecht gesetzt. Firmen wie der Chiphersteller Intel, aber auch Universitäten haben deshalb hausintern striktes Doom-Verbot erteilt. Und deutsche Jugendschützer, die jedes Schwarzenegger-Killerfest ohne Murren abnehmen, haben in Doom eine Gefährdung für RTL-gestählte Kinderseelen erkannt.

Die Doom-Monster wurden - wie zuvor etwa die Gewalt- und Pornoprogramme Mortal Kombat (SPIEGEL 51/1993), Hot Dreams 2 oder Lethal Enforcers - indiziert. Das Spiel darf also nicht mehr an Jugendliche unter 18 Jahren verkauft werden. »Als Blut auf die Kettensäge spritzte«, sagt Else Monssen-Engberding, 43, Vorsitzende der Bonner Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften, »waren wir uns schnell einig.«

Betreiber von zahlreichen deutschen Mailboxen, aus denen das Horrorprogramm über Telefonleitung abgerufen werden konnte, haben Doom »inzwischen auch gelöscht«, bestätigt Kai Strieder, Vorstand der Arbeitsgemeinschaft freier Mailboxen.

Zusatzprogramme aber, die etwa das Programmieren neuer Episoden ermöglichen, sind im »grauen Bereich«, sagt Monssen-Engberding. Manche deutschen Boxen löschen diese Software, andere stellen sie weiterhin ihren Anrufern zum Kopieren bereit.

Die Aufregung deutscher Jugendwächter ist für die Doom-Designer unverständlich. Jay Willbur, Chef bei id Software, juxt sich, in texanischer Schlichtheit, daß es »immer dieses Gejaule« gibt. »Er will den Verantwortlichen in Deutschland zur Sicherheit schon mal »die Streichhölzer für die Bücherverbrennung« reichen. Das, so Willbur, »ist ja wohl das nächste«.

Deutsche Doom-Fans, sagt Willbur, können sich das Spiel ja weiterhin über internationale Computernetze besorgen. Dort sind sogar spezielle Diskussionsforen eröffnet worden, in denen Doom-Abenteurer über ihre Schlachten berichten.

Beim unvermeidlichen Nachfolger, Doom II, hat Willbur allerdings schon so etwas wie Einsicht gezeigt. Eigentlich sollte das Spiel geheime Räume mit allerlei Nazi-Symbolen enthalten. Doch, sagt Willbur, »das haben wir rausgenommen, wegen all den Heulsusen, die sich darüber aufregen, wie ein paar Bildpunkte auf dem Monitor aussehen«. Y

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