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ZEITGEIST Böser Onkel, lieber Onkel

»Uneingeschränkte Solidarität« hat der Kanzler verordnet, aber seit Afghanistan bombardiert wird, zerfällt das Land in zwei Gesinnungslager. Warum die einen für Amerika sind und die anderen dagegen - Erkundungsreise durch eine gespaltene Republik. Von Dirk Kurbjuweit
aus DER SPIEGEL 43/2001

Von Anti-Iranismus kann nun wirklich keine Rede sein. Es spricht Ataollah Mohadscherani, ein persischer Politikberater, und sein Publikum in Berlin ist durchaus angetan. Das Einzige, was stört, ist des Iraners umständliche Art sich auszudrücken. Für verbale Angriffe gegen Amerika findet er dagegen Sympathien.

»Wer hat die Taliban an die Macht gebracht?«, fragt Mohadscherani und muss die Antwort nicht selbst geben. »Amerika«, flüstert ein älterer Herr. »Wer hat Saddam Hussein immer unterstützt?«, fragt Mohadscherani und wieder kann er sich auf sein Publikum verlassen: »Amerika.«

So könnte es ewig weitergehen, nach Art einer Erweckungspredigt, wenn nicht eine Frau aus der Exil-Opposition plötzlich über Menschenrechte in Iran reden wollte. Das nervt ein bisschen, wo man sich doch gerade so nett verbrüdern wollte mit dem Vertreter eines Staates, der sich seit langer Zeit als Gegner Amerikas versteht.

Mohadscherani redet nicht vor der Friedensbewegung oder der PDS, sondern in der Europäischen Akademie, vor einem akademischen Publikum, meist ältere Herrschaften in Anzug oder Kostüm. Der Mann, der zweimal eilfertig mit »Amerika« zur Stelle war, arbeitet im Bundesministerium des Inneren.

Anti-Amerikanismus überall? Verwandelt sich das Mitleid der ersten Tage nach den Attentaten in Zorn? Derzeit sieht es so aus, denn je mehr Bomben in Afghanistan fallen, desto lauter wird hier zu Lande die Kritik an den Vereinigten Staaten.

Ulrich Wickert von den »Tagesthemen« hat George W. Bush mit Osama Bin Laden verglichen. Der Modedesigner Wolfgang Joop sagte, er »bedaure nicht, dass das Symbol der Twin Towers nicht mehr steht, weil es kapitalistische Arroganz symbolisiert«. Der Schriftsteller Günter Grass zürnte, die USA hätten »aus ihrer Ich-Bezogenheit heraus wenig Ahnung vom Rest der Welt«.

Gleichzeitig ringt Pro-Amerikanismus um Gehör. Bundeskanzler Gerhard Schröder beteuert bei jeder Gelegenheit die »uneingeschränkte Solidarität« der Bundesregierung mit den Vereinigten Staaten. Der Schriftsteller Ralph Giordano schreibt, die Deutschen hätten »durchaus Grund, Amerika gegenüber ein schlechtes Gewissen zu haben«, weil die Bundesrepublik zum »bequemsten Aufenthaltsort« für islamische Terroristen geworden sei.

So scheint das Land, mal wieder, gespalten: hier die Freunde, dort die Gegner Amerikas. Jetzt soll jeder seine Gesinnung zeigen, und wer sich offenbart, bekommt gleich Prügel aus dem anderen Lager.

In der Defensive sind dabei jene, die als Anti-Amerikaner gelten. Ihnen wird vorgeworfen, weichlich und unsolidarisch zu sein. Ihr Lager ist traditionell das kleinere, aber die Gegner amerikanischer Politik sind hartnäckig und gut organisiert, weil zu großen Teilen fest mit anderen Bewegungen der Linken verknüpft.

Jens-Peter Riechmann zum Beispiel gilt als Anti-Amerikaner, weil er Pazifist ist. Am Samstag vorletzter Woche demonstrierte er in Berlin gegen die Luftschläge der Amerikaner und Briten. Mit ihm zogen mindestens 15 000 Gleichgesinnte vom Roten Rathaus zum Gendarmenmarkt. Sie trugen die gleichen Plakate, die gleichen Luftballons, die gleiche Kleidung, die gleichen Gesichter wie vor 20 Jahren, als es im Bonner Hofgarten gegen die Nachrüstung der Nato mit amerikanischen Raketen ging.

Zu den Amerikanern fiel Riechmann sofort ein, dass sie nichts getan hätten, um den Ersten und Zweiten Weltkrieg zu verhindern, so dass sie sich hinterher schön als Retter aufspielen konnten. Es folgte eine längere Liste von Kriegen, für die amerikanische Politiker verantwortlich seien.

Wenig später kam Riechmann auf einen Traum zu sprechen. Er würde so gern mal

nach New York. Er hat zu Hause eine ganze Reihe von Bildbänden, durch die er hin und wieder sehnsüchtig blättert. Seine Stimme wird weich, als er davon erzählt, die großen Häuser, der Hafen, das bunte Gemisch der Menschen. Leider hat Riechmann Angst vor dem Fliegen, und die Schiffspassage kann er sich nicht leisten.

So demonstriert er mit New York im Herzen gegen Amerika. Ein Junge gibt ihm ein Flugblatt, in dem die »Imperialisten« zu den »schlimmsten Terroristen« erklärt werden. Riechmann steckt es achtlos weg, weil er gerade nicht ganz bei der Sache ist. »Vielleicht schaff ich''s ja doch noch mal übern Teich«, sagt er.

Hans-Christian Ströbele, 62, gilt als Anti-Amerikaner, weil er stets für die Armen und Unterdrückten der Welt ist. Er hat früher Geld gespendet, damit sich die Rebellen von El Salvador Waffen kaufen können, um eine von den USA gestützte Regierung zu bekämpfen. »Ich halte das heute noch für richtig«, sagt er. Ströbele sitzt für die Grünen im Bundestag.

Wie zu erwarten war, ist er gegen diesen Krieg und wünscht sich von seinen Kollegen in der Regierung mehr zu sein als »ein verlängerter Arm Amerikas«. Auf seinem Tisch liegt ein Buch über Osama Bin Laden.

Als Junge las Ströbele vor allem Bücher über den Wilden Westen, Winnetou und Lederstrumpf. Als John F. Kennedy erschossen wurde, eilte Ströbele zum Rathaus Schöneberg, wo Kennedy seine Berliner Rede gehalten hatte, und verbrachte die Nacht dort in Trauer. In Ströbeles Zimmer hing ein Poster von Elvis Presley.

Heute mag Ströbele an den Amerikanern diese »Mentalität, die immer offen ist für neue Entwicklungen, nicht nur in der Ökonomie«. Er mag den »lockeren Umgang mit Minderheiten, mit Sexualität, Homosexualität«. Dass in New York Chinesen einen eigenen Stadtteil haben können, kommt ihm »märchenhaft« vor.

Ströbele ist ein harter Knochen und gilt als Gefahr für die Koalition. Er zieht eine Menge Hass auf sich, weil er so stur bei Meinungen bleibt, die aus einer anderen Zeit kommen. Aber wer ihn einmal schwärmerisch und so richtig nett lächelnd erleben möchte, der sollte Ströbele nach dem Schmelztiegel New York fragen.

Roland Claus, 46, gilt als Anti-Amerikaner, weil er Sozialist ist. Er ist Vorsitzender der PDS-Fraktion im Bundestag, und seine Partei hat als einzige gegen eine Solidaritätsadresse für die USA gestimmt.

Amerikanische Politik beurteilt Claus schon auf Grund »eigener Erfahrungen« skeptisch. Aufgewachsen in der DDR, sah er das Land, dessen Weg er für richtig hielt, vom »Imperialismus« bedrängt. »Dass die USA ihre Weltmachtrolle so dominant ausgespielt haben, war nicht nur ein Segen«, sagt Claus und lächelt fein, um die ironische Untertreibung deutlich zu machen.

Auf die Frage, ob auch etwas Gutes aus Amerika kam, sagt Claus: »Woodstock«. Aber er gerät nicht ins Schwärmen, er ist bald wieder bei den politischen Themen, und da kann er Amerika kaum etwas abgewinnen. Schmelztiegel, ja, aber »nur um den Eintrittspreis der Akzeptanz westlicher Kulturformen und politischer Grundregeln.« Freiheit, schön und gut, aber Claus ist Kettenraucher und hat gehört, dass die in den USA kaum Freiheiten genießen. Er selbst war noch nicht dort. Von uneingeschränkter Solidarität hält Claus nichts. Er spricht von »kritischer Solidarität«, was nicht gerade feindlich klingt. Seine Reden im Bundestag sind so, als wolle da einer auf keinen Fall Anti-Amerikanismus schüren, auch wenn die Kritik vielleicht manchmal größer ist als die Solidarität. Deshalb kriegt Claus eine Menge Post von Leuten, die ihm schreiben, er solle doch endlich mal »draufhauen«.

Das wird er nicht machen, aber er fragt sich doch, ob er »in einer Debatte, die zwischen uneingeschränkter Solidarität und Anti-Amerikanismus polarisiert«, Chancen hat für einen »Mittelweg«.

Heinz Bude gilt als Pro-Amerikaner, weil er ein positives Verhältnis zu dieser Welt hat, die zu einem großen Teil von Amerika geprägt ist. Bude ist Soziologe und sagt gleich, dass er »nicht den geringsten anti-amerikanischen Reflex« in sich trage. Er sei »ein Bewunderer des amerikanischen Aktivismus, der Idee, dass man in der Welt etwas werden kann«.

Bude ist jemand, der die tieferen Ursachen des deutschen Missmutes gegen Amerika gut erklären kann. Die Deutschen, sagt Bude, seien »mit der Botschaft aufgewachsen, dass irgendetwas nicht in Ordnung ist«. Dass es irgendwie nicht richtig sein kann, so viel zu konsumieren, statt die Umwelt zu schützen, so viele Filme zu gucken, statt ein gutes Buch zur Hand zu nehmen, so viel oberflächliches Zeug zu reden, statt über den Sinn des Lebens nachzudenken.

Dieses Unbehagen an sich selbst braucht einen Schuldigen: die Vereinigten Staaten von Amerika, die, so der Verdacht, das alles in die Welt gebracht haben. So werden die Attentäter von New York und Washington zu klammheimlichen Verbündeten. Sie haben das Symbol des Schlechten in der Welt in Staub verwandelt.

Bude sagt übrigens über sich selbst, er sei »ganz tief Europäer«, die »amerikanische Kultur ist eine europäische Sekundärkultur«, und aus den USA komme »viel Quatsch, auf den ich nicht reinfalle«.

So wirkt der Pro-Amerikaner Bude ein paar Sätze lang anti-amerikanischer als der Anti-Amerikaner Ströbele und legt damit ganz nebenbei eine weitere Wurzel von Anti-Amerikanismus frei: Überheblichkeit, das Gefühl, Teil einer besseren Kultur zu sein. Während Pazifismus oder Solidarität mit den Armen Sache der Linken ist, findet sich die Arroganz in Kulturfragen eher bei Konservativen. Es wäre allerdings albern, Heinz Bude einen Anti-Amerikaner zu nennen. Kaum jemand in diesem Land ist mit ganzem Herzen gegen Amerika, und kaum jemand ist mit ganzem Herzen dafür, auch Gerhard Schröder nicht, dessen »uneingeschränkte Solidarität« im Moment für einen Bundeskanzler opportun erscheint. In seiner Biografie, in seiner tatsächlichen Haltung, gibt es Elemente von beidem.

Wer als Anti-Amerikaner wahrgenommen wird, ist fast immer jemand, der seine pro-amerikanische Seite im Moment nicht zeigt. Und umgekehrt. Wodurch die Begriffe sinnlos werden. Dass man sie ständig verwendet, zeigt vor allem, wie besessen dieses Land von Amerika ist.

Als der Suhrkamp-Verlag im Rahmen der Frankfurter Buchmesse eine Party gab, lasen Albert Ostermaier, 34, und Thomas Meinecke, 46, aus ihren neuen Büchern. Ostermaier trug das Gedicht »Neuer Markt« vor, das die von den USA dominierte Globalisierung bloßstellt. Alles wird zur Ware. Viel Applaus für Ostermaier. Meinecke las über Hedy Lamarr, eine gebürtige Wienerin, die in den vierziger Jahren zu einem Geschöpf Hollywoods wurde, zur Queen of Glamour. Viel Applaus für Meinecke.

Unsere Ängste, unsere Träume, alles made in the United States of America. Ostermaiers neuer Gedichtband »Autokino« und Meineckes neuer Roman »Hellblau« setzen sich nicht nur thematisch mit den USA auseinander, sie sind auch zu Teilen in englischer Sprache geschrieben.

Einer wie Ostermaier hat die USA wie alle westdeutschen Generationen vor ihm ambivalent erlebt. Den Alten hat Amerika erst Bomben aufs Dach geschmissen, dann hat es ihnen die Bundesrepublik aufgebaut. Die 68er liebten Kennedy für seine demokratischen Visionen und hassten Johnson und Nixon für den Krieg in Vietnam. Ostermaiers Generation erfreut sich an der Popkultur und leidet an der Globalisierung. Allen gemeinsam ist: Sie waren und sind von Amerika besessen.

Der Unterschied zwischen den Generationen ist die Distanz. Während einer wie Ströbele die USA immer aus der Ferne geliebt oder gehasst hat, ist Ostermaier dem Land ziemlich nahe gerückt.

Er war häufig in Amerika, zuletzt ein Vierteljahr an der New York University, er hat viel von der amerikanischen Kultur geschluckt, sogar seine Sprache amerikanisiert, das Wichtigste für einen Dichter. Doch das Amerikanische in sich empfindet Ostermaier manchmal als das Fremde. Er hat Abstoßungsreaktionen, wenn er lange mit einem Broker der Wall Street redet, ein Mann »der keine Sensibilität für die Außenwelt hat, seine eigene Erfolgsgeschichte schreibt und dabei die Folgen nicht berücksichtigt«.

Er kriegt jetzt einen kleinen Hassanfall, spricht von »unerträglicher Selbstsicherheit, Überheblichkeit, Militanz der Amerikaner«. Aber dem muss die Frage folgen: Wie viel davon hat er selbst schon aufgesaugt? »Hassliebe«, sagt Ostermaier, verbinde ihn mit Amerika.

Von den Schülern des Grundkurses Geschichte an der Ulrich-von-Hutten-Oberschule in Berlin ist niemand zur Friedensdemo gegangen. Sie sind 18, 19 Jahre alt und stehen kurz vor dem Abitur. Die Markensymbole, die auf ihrer Kleidung zu sehen sind, kommen von Nike, von Carharrt, zwei amerikanischen Firmen. Vier Getränkedosen stehen auf den Tischen, drei mit Pepsi, eine mit Coca-Cola.

Robert sagt, er und seine Mitschüler seien »sehr beeinflusst von Amerika, das bringt uns großen Nutzen, und wir sind zufrieden damit«. Das hält ihn nicht davon ab, die amerikanische Kriegspolitik zu kritisieren, in aller Ruhe, ohne das kleinste Zeichen von Hass.

Er sagt auch, dass es nicht gerecht sei, wenn Nike eine Milliarde Dollar für Werbung ausgebe, eine Frau, die auf den Philippinen Sportkleidung näht, aber nur 13 Pfennig pro Stunde bekomme. Auch Robert trägt diese Kleidung.

Robert sieht Nike nicht als amerikanische Firma, sondern als Firma, die für ihn gute Kleidung macht. Amerika ist nicht das andere, fremde, sondern das eigene. Selbstverständlich findet sich in dieser Klasse jemand, der vor wenigen Wochen auf der Aussichtsplattform des World Trade Center stand. Es ist ihre Welt, ihre zweite Heimat. Da können sie nicht Anti-Amerikaner sein. Auch nicht Pro-Amerikaner, weil es keinen Sinn macht, ein Wort dafür zu haben, dass man im Grundsatz für sich selbst ist. Nicht, dass es keine Unterschiede gibt, aber die gibt es auch zu Bayern oder Italienern, nichts Großes, nichts Dramatisches.

Gelassen diskutieren die Schüler anderthalb Stunden lang über amerikanische Politik. Sie sind sich nicht in allem einig, aber weil niemand gleich ein Wort abschießt wie »Anti-Amerikaner«, bleibt die Stimmung gut, und jeder traut sich zu sagen, was er wirklich denkt.

Damit werden die anderthalb Stunden im Klassenzimmer fast zum Modell für die Debatten in der Politik und in den Feuilletons. Denn dort ist eine offene, freundliche Diskussion über Sinn und Unsinn dieses Krieges nicht mehr möglich.

Weil alle so fixiert sind auf Amerika wie das Kind auf den schrecklichen, wunderbaren Vater, sind auch alle leicht hysterisch. Äußerte Schröder ein bisschen von den kleinen Zweifeln, die er vielleicht manchmal an der uneingeschränkten Solidarität hat, würde gleich einer von der CDU ans Mikrofon laufen und verkünden, man habe ja gleich gewusst, dass ein alter Juso wie Schröder immer Anti-Amerikaner bleibe. So kann ein sinnloses Wort eine Menge kaputtmachen.

Um die Verkrampfung zu lösen, empfiehlt der Soziologe Heinz Bude: ein stärkeres europäisches Selbstbewusstsein.

* Drei Tage nach den Anschlägen in den USA.* Am 13. Oktober.

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