Historiker über Bombenopfer in Dresden "Goebbels war damit erstaunlich erfolgreich"

AfD-Chef Tino Chrupalla behauptet, die Luftangriffe auf Dresden hätten hunderttausend Menschen getötet. Kann das sein? Nein, widerspricht der Militärhistoriker Rolf-Dieter Müller, das ist Propaganda.
Ein Interview von Klaus Wiegrefe
Zerstörtes Dresden: "Es gab keinen Grund für die Engländer, Dresden zu verschonen"

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Foto: dpa

Zwischen dem 13. und dem 15. Februar 1945 zerstörten britische und amerikanische Bomber das barocke Dresden. Über die Zahl der Opfer wurde jahrelang erbittert gestritten. Die Stadt beauftragte schließlich eine Historikerkommission unter Leitung Rolf-Dieter Müllers mit umfangreichen Studien. Müller war damals leitender wissenschaftlicher Direktor des Zentrums für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr in Potsdam. Die Kommission legte 2010 ihren Bericht vor, die Debatte schien damit ein Ende zu finden. Doch die AfD stellt jetzt die Ergebnisse infrage: "Ich gehe von etwa 100.000 Opfern aus", sagt Parteichef Tino Chrupalla im SPIEGEL. "Meine Oma, mein Vater und andere Zeitzeugen haben mir von vollen Straßen vor dem Angriff und Leichenbergen nach der Bombennacht berichtet." Niemand von ihnen glaube an die neuere Zahl von 25.000 Opfern.

SPIEGEL: Herr Professor Müller, der AfD-Parteichef Tino Chrupalla behauptet, bei den britischen und amerikanischen Luftangriffen auf Dresden im Februar 1945 habe es etwa hunderttausend Opfer gegeben. Stimmt das?

Rolf-Dieter Müller: Das sind die alten Gerüchte, die Hitlers Propagandachef Joseph Goebbels noch in die Welt gesetzt hat. Er war damit erstaunlich erfolgreich. Bei Kriegsende war ein beträchtlicher Teil der Öffentlichkeit im Westen und in Deutschland der gleichen Meinung wie heute die AfD.

SPIEGEL: Chrupalla verweist auf das Rote Kreuz: 1948 habe es 275.000 Tote vermeldet.

Müller: Das Rote Kreuz hat damals nicht ermittelt, die Angabe beruhte auf Hörensagen. Wir sind allen Argumenten nachgegangen und haben am Ende überprüfbare Beweise dafür vorgelegt, dass es nicht mehr als 25.000 Opfer gegeben hat. 

SPIEGEL: Was macht Sie so sicher?

Müller: Es gab eine bürokratische Prozedur für den Umgang mit den Toten. Für jede Leiche wurden mehrere Karteikarten angelegt, die größtenteils erhalten sind. Wir haben rekonstruiert, wie die Leichen geborgen, wie sie registriert, auf welchen Friedhöfen sie beigesetzt wurden. Wir haben Straße für Straße recherchiert. Am Ende hatten wir eine Datenbank mit den Namen eines Großteils der Opfer. Die Größenordnung 25.000 taucht übrigens auch in überlieferten offiziellen Dokumenten von 1945 und 1946 auf.

SPIEGEL: Chrupalla verweist auf Familienmitglieder, die Augenzeugen gewesen seien. Sie hätten ihm "von vollen Straßen vor dem Angriff und Leichenbergen nach der Bombennacht" berichtet.

Müller: Das sind die zeitgenössischen Mutmaßungen und Spekulationen, die immer wieder präsentiert werden. Es geht damit los, die Stadt sei überfüllt gewesen mit Flüchtlingen. Wir haben systematisch Überlebende befragt. Nur sehr wenige behaupteten, selbst diese Massen gesehen zu haben. 

SPIEGEL: Zeitzeugen können irren.

Müller: Gut, nehmen wir also an, in Dresden hätten sich tatsächlich einige Hunderttausend Menschen aufgehalten, die vor der Roten Armee geflüchtet waren und dann im Feuersturm starben. Wo sind die Leichen geblieben? Manche behaupteten, die Menschen seien im Feuer derart verbrannt, dass nichts übrig geblieben sei. Oder man habe die Leichen einfach in der Stadt verscharrt, wo die Überreste dann heute noch liegen müssten. Wir haben das mithilfe von Archäologen und Brandexperten untersucht. Alles Gerüchte, mit denen man natürlich jede Zahl anzweifeln kann. Aber in Deutschland verschwinden Menschen nicht einfach so.

SPIEGEL: Wie meinen Sie das?

Müller: Bei so vielen angeblichen Toten hätte es Angehörige gegeben haben müssen, die diese Menschen vermisst hätten. Doch wo immer sie auch nachschauen, etwa bei den kirchlichen Suchdiensten: Eine derart große Gruppe fehlt nicht. 

SPIEGEL: Es werden heute noch über 1,2 Millionen Deutsche aus dem Zweiten Weltkrieg vermisst.

Müller: Aber nicht in Dresden. In Deutschland muss der Tod eines Menschen offiziell beurkundet werden. Da hängen Witwen- und Waisenrenten dran, Erbschaften und vieles mehr. Seit 1938 wurden alle Todeserklärungen zentral beim Standesamt I Berlin gesammelt. Hätte es Hunderttausende Tote in Dresden gegeben, müssten deren Angehörige sich gemeldet haben, um entsprechende Todeserklärungen zu erreichen. Das ist aber nicht geschehen.

SPIEGEL: Was ist denn mit den Aussagen von Beteiligten, etwa Eberhard Matthes, dem Stabschef des Dresdner Festungskommandanten? Er behauptete, Ende April 1945 bei Polizei, Stadtverwaltung und Luftschutzleitung nachgefragt zu haben. Man habe ihm gesagt, es seien 253.000 Tote.

Müller: Matthes hat an eine Zahl aus einem zeitgenössischen Dokument eine Null angehängt. Zeugen dieser Qualität gibt es mehrere, ebenso gefälschte Dokumente, das können Sie alles vergessen.

SPIEGEL: Warum wird über die Opferzahl in Dresden immer diskutiert, nicht aber über die Zahl der Menschen, die durch die Bomben auf Hamburg, Berlin oder Würzburg gestorben sind?

Müller: Da kommt vieles zusammen. In Dresden ist ein traditionell übersteigertes Selbstbewusstsein verbreitet, das geht noch auf August den Starken zurück. Man hat während des Krieges gehofft, dem Bombenkrieg zu entgehen, und als die Stadt doch zerstört wurde, war die Bereitschaft groß, die Deutungen der Goebbels-Propaganda aufzunehmen: das unschuldige Elbflorenz, von den Alliierten sinnlos geopfert. Das hat die verbreitete Selbstgerechtigkeit befördert.

SPIEGEL: Was stimmt an dieser Version nicht?

Müller: Schon das Bild von der Unschuld ist schief. Auch in Dresden gab es ein Gestapo-Gefängnis, Fremdarbeiterlager, KZ-Außenstellen. Die Stadt unterschied sich ja nicht von anderen.

SPIEGEL: Die AfD spricht von "Bombenterror".

Müller: Das ist eine Sprache, die heute die Neonazis benutzen. Dresden war zum Zeitpunkt des Angriffs von erheblicher Bedeutung für Hitlers Kriegsführung, als Rüstungsstandort, Verkehrsknotenpunkt für Truppenverlagerungen, es war eine der letzten intakten Garnisonsstädte, die Berlin im Süden schützte. 

SPIEGEL: Die Rüstungsindustrie wurde nicht angegriffen und die Verkehrsverbindungen wurden nur für wenige Tage unterbrochen.

Müller: Es war Krieg und es gab keinen Grund für die Briten, Dresden zu verschonen. Nach heutigen Maßstäben kann man die Angriffe als Kriegsverbrechen werten, nach den Maßstäben der Zeit waren sie es nicht. Und die DDR-Propaganda hat dann ein Gedenken gepflegt, das die Wunden offen hielt. Da war von den "anglo-amerikanischen Luftgangstern" die Rede in der durchschaubaren Absicht, die Westintegration der Bundesrepublik zu diskreditieren.

SPIEGEL: Welche Rolle spielte die Debatte über die Opferzahlen in diesem Zusammenhang?

Müller: Sie bediente den in Dresden verbreiteten Wunsch nach einem besonderen Status. Eine Art Opferstolz: Die Bombardierung vom Februar 1945 sollte das Schlimmste überhaupt gewesen sein. Diese Haltung habe ich selbst noch erlebt. Als wir in Veranstaltungen unsere Forschungsergebnisse vorgestellt haben und darauf verwiesen, dass in Hamburg in absoluten Zahlen und in Würzburg oder Pforzheim in relativen Zahlen mehr Menschen dem Bombenkrieg zum Opfer gefallen sind, hat das niemanden interessiert.

SPIEGEL: Dann hatten Ihre Aufklärungsbemühungen keinen Erfolg?

Müller: Doch, eine Mehrheit der Besucher hat die Dinge angenommen. Und die lautstarke Minderheit, die versucht hat, an jedem Punkt unsere Forschung infrage zu stellen, wurde zusehends leiser. Dass jetzt wieder versucht wird, das Totengedenken für die politischen Zwecke der Gegenwart zu missbrauchen, finde ich unerträglich.