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10. Juni 2004, 07:42 Uhr

Bombenanschlag in Köln

Kriminelle Banden im Visier der Ermittler

Der Verfassungsschutz geht davon aus, dass die Explosion eines mit Nägeln gespickten Sprengsatzes in Köln-Mülheim keinen terroristischen Hintergrund hat. Bei der Detonation wurden gestern Nachmittag 22 Menschen verletzt.

Spurensuche am Tatort: Zehn Zentimeter lange Zimmermannsnägel
AP

Spurensuche am Tatort: Zehn Zentimeter lange Zimmermannsnägel

Köln - "Die Ermittlungen gehen nach wie vor in Richtung Organisierte Kriminalität", sagte ein Sprecher des Bundesamtes für Verfassungsschutz. Einzelheiten zum Stand der Ermittlungen will die Polizei am Mittag bekanntgeben.

In Medienberichten wurde spekuliert, die Tat habe einen rein kriminellen und keinen terroristischen Hintergrund. Meldungen, wonach es sich um einen Racheakt gehandelt habe, seien ebenso Spekulation wie solche über einen Terroranschlag oder eine fremdenfeindliche Tat, hieß es dazu bei der Polizei.

"Die Bombe war bestückt mit zirka zehn Zentimeter langen Zimmermannsnägeln", sagte Polizeisprecher Jürgen Göbel. "Hunderte von diesen Nägeln sind hier durch die Luft geflogen." Die Ermittler gingen von einem Anschlag aus, hieß es bei der Polizei weiter. Es habe aber keine Bekenneranrufe oder Ähnliches gegeben.

Der Sprengsatz war gestern Nachmittag in der Keupstraße in Köln-Mülheim, einem überwiegend von Türken bewohnten Teil der Stadt, explodiert. 22 Menschen wurden dabei verletzt, vier von ihnen schwer. Die Verletzungen rührten vor allem von Splittern und Glasscherben her. Ein mit lebensgefährlichen Verletzungen in ein Krankenhaus eingelieferter Mann ist nach Angaben der Ärzte mittlerweile außer Lebensgefahr.

Der Sprengkörper könne sowohl in dem Gemischtwarenladen, in dem angrenzenden Frisörsalon oder auf der Straße gezündet worden sein, sagte Polizeisprecherin Gudrun Haustetter. Denkbar sei auch, dass jemand die Bombe von außen in eines der Geschäfte geworfen habe. Zunächst war vermutet worden, der Sprengsatz habe sich auf einem Fahrrad befunden.

Ermittlungen in alle Richtungen

Eine Sprecherin des Landesinnenministeriums in Düsseldorf sagte: "Die Hintergründe sind noch völlig offen." Es werde in alle Richtungen ermittelt, auch ein terroristischer Hintergrund sei nicht endgültig auszuschließen.

Blut und Splitter: Polizei ermittelt in alle Richtungen
DPA

Blut und Splitter: Polizei ermittelt in alle Richtungen

Der Tatort bot gestern ein Bild des Grauens. Durch die Wucht der Detonation wurden nicht nur die Nägel, sondern auch die Scherben zerbrochener Schaufensterscheiben in einem Umkreis von hundert Metern durch die Gegend geschleudert.

"Es war ein Bild des Grauens. Alles war voller Blut und Splitter", erzählte der Augenzeuge Mehmet Harmanci. "Ich kann das alles überhaupt nicht glauben. Die Menschen kommen in die Keupstraße, um hier zu essen und einzukaufen - und jetzt müssen wir alle Angst haben. Nichts mehr wird so sein wie vorher", glaubte er. Der 24-Jährige hatte zum Zeitpunkt der Detonation an einem Döner-Grillspieß in einem nahe gelegenen Imbisslokal gestanden. "Plötzlich platzte mit einem lauten Knall die Schaufensterscheibe", berichtete er. Er sei sofort auf die Straße gerannt. So wie auch Kucuc Ziya, der ebenfalls seine grauenhaften Eindrücke schilderte: "Ich sah Menschen auf dem Bürgersteig liegen. Ein Mann hatte einen Arm völlig verrenkt und es gab eine zehn Zentimeter große, offen klaffende Wunde. Es dauerte wirklich lange, bis die Rettungsdienste vor Ort waren."

Der Feuerwehrsprecher beteuerte dagegen, die Sanitäter seien innerhalb von zehn Minuten am Unglücksort angekommen. Es hätten aber noch zahlreiche Krankenwagen nachgerufen werden müssen - "und die mussten sich erst einmal im Berufsverkehr durch die halbe Stadt kämpfen". Noch Stunden nach der Explosion wurden Passanten und Anwohner, die Augenzeugen der Tat geworden waren, von Psychologen betreut.

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