Borer-Affäre Die Schlammschlacht geht weiter

In der Affäre um die vermeintliche Liaison des Ex-Diplomaten Thomas Borer mit einer Berliner Visagistin läuft für ihn weiter alles nach Plan. Nachdem Borer am Wochenende vom Schweizer Ringier-Verlag ein millionenschweres Schmerzensgeld kassiert hat, geht nun die angebliche Borer-Geliebte Djamila Rowe gegen das Verlagshaus vor.

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Mit fast einer ganzen Seite entschuldigte sich der Verleger Michael Ringier bei seinen Lesern
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Mit fast einer ganzen Seite entschuldigte sich der Verleger Michael Ringier bei seinen Lesern

Berlin - Dass am Dienstagmorgen im Berliner Landgericht über wichtige Leute verhandelt werden würde, war schon von Weitem durch die langen, grau-gelblich getünchten Gänge des historischen Gebäudes zu sehen. Ein ganzes Heer von Kameraleuten und Fotografen überfüllte den kleinen Saal 154 im ersten Stock, in dem es vor dem Richterpult noch nicht mal genügend Sitzplätze für die Prozessparteien, dafür aber reichlich Zuschauerbänke gibt.

Die Prozessbeteiligten genossen einmal mehr den Medienrummel, vor allem der erfolgreiche Schadenersatzeintreiber und Borer-Anwalt Andreas Schulz und auf der anderen Seite die arbeitslose Kosmetikerin und angebliche Borer-Gespielin Djamila Rowe. Beide ließen sich wie Film- oder Popstars von jeweils zwei breitschultrigen Bodyguards abschirmen, die sie eigens für den großen Auftritt engagiert hatten.

Doch der als letzter Showdown in der Affäre erhoffte Auftritt vor Gericht fiel kurz aus. Kein Wunder, denn die seit Monaten schwelende Meinungsverschiedenheit zwischen Frau Rowe und Herrn Borer über die Art und die Details ihrer Beziehung ist längst mehr als gütlich beigelegt. Beide haben seit Anfang Juli - ob abgesprochen oder nicht - eine gemeinsame Sprachregelung gefunden. Die besagt, dass sich die beiden zwar kennen, es aber zwischen ihnen niemals zu sexuellen Handlungen gekommen ist. Frau Rowe hat das mittlerweile in einer eidesstattlichen Versicherung niedergelegt, Herr Borer hatte sich schon vorher so erinnert.

Der Gerichtstermin am Dienstag war folglich vollkommen obsolet. Denn die Richterin sollte klären, ob Frau Rowe weiterhin öffentlich behaupten darf, sie habe Sex mit Borer gehabt. Da sie das nicht mehr will, konnten alle nach einer knappen Minute wieder gehen.

Gezielter Auftritt

Trotzdem war der Termin für die Beteiligten offenbar wichtig. Ein Indiz dafür war, dass Frau Rowe in einem schwarzen Kostüm und mit Sonnenbrille im Haar überhaupt vor die Richterin und die Journalisten trat. Nach geltender Prozessordnung hätte die Präsenz ihres Krefelder Anwalts Stephan Jellacic vollkommen genügt. Aber die Affäre ist mit dem millionenschweren Schmerzensgeld von "Blick"-Herausgeber Michael Ringier an den Ex-Botschafter und der Entlassung zweier verantwortlicher Redakteure in seinem Schweizer Verlag noch nicht zu Ende: Am Dienstag nämlich übernahm der Rowe-Anwalt Jellacic die Rolle des Angreifers gegen Ringier. Jellacic kündigte neue rechtliche Schritte gegen den Verlag der Boulevardzeitungen "Blick" und "SonntagsBlick" an, seine Mandantin Djamila schwieg wie immer.

Seit kurzem wieder voll auf Borers Seite: Die angebliche Geliebte Djamila Rowe
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Seit kurzem wieder voll auf Borers Seite: Die angebliche Geliebte Djamila Rowe

"Wir werden weiter fragen und schauen, ob da noch strafbewehrte falsche Aussagen des Verlags im Raum stehen", drohte Jellacic. Der Verlag hatte der Visagistin ihre Anfang Juli in einer eidesstattlichen Versicherung niedergelegten Behauptungen zur Arbeitsweise der Ringier-Zeitungen per einstweiliger Verfügung untersagen lassen. Rowe hatte erklärt, sie sei von der "Blick"-Reporterin Alexandra Würzbach unter psychischen Druck gesetzt worden und habe letztlich von ihr viel Geld für ihre frei erfundene Sex-Beichte erhalten. Aus diesem Grund hat sich nun Jellacic die eidesstattlichen Erklärungen des Ringier-Verlags und der ehemaligen "SonntagsBlick"-Reporterin Alexandra Würzbach vorgenommen und hat auch in diesen angebliche Lügen entdeckt. "Es gibt noch einige Widersprüche", so der Anwalt. Abschließend setzte er noch pathetisch dazu, dass es ihm nur um die Wahrheit gehe.

Rache ohne Ende

Ex-Botschafter Borer wird es freuen, denn sein mit Anwalt Schulz ausgeheckter Plan, "Operation Crossreturn", ist bisher perfekt aufgegangen. Zuerst gelang es ihm, dass Rowe Anfang Juli alle ihre Behauptungen über die angebliche Affäre mit ihm zurückzog. Kurz darauf kassierte er bei dem Verlag mit der Drohung, die Klage wegen der Verletzung seiner Privatsphäre in die USA zu ziehen, kräftig Schmerzensgeld für sich und seine Frau und verlangte dem Verlag eine öffentliche Entschuldigung ab.

Seit Dienstag ist nun klar, dass Djamila Rowe, die immer mehr als willenloser Spielball größerer Interessen erscheint, Borers Kampf gegen Ringier und die Reporterin Alexandra Würzbach fortsetzen will. Michael Ringier könnte so in erhebliche finanzielle Schwierigkeiten geraten, denn sein Verlag erlitt durch die Affäre schon bis jetzt einen enormen Schaden durch die Stornierung von Anzeigenaufträgen.

So gehen bisher alle Pläne Borers auf. Selbst sein Vorhaben, sich zukünftig als Talkmaster zu verdingen, nimmt konkrete Züge an. Am kommenden Montag wird Borer gemeinsam mit dem Ex-"Bild"-Chef Hans-Hermann Tiedje im Norddeutschen Rundfunk (NDR) den "Talk vor Mitternacht" moderieren. Sein erster Gast wird Hans-Olaf Henkel sein, der ehemalige Chef des Bundesverbands der deutschen Industrie (BDI). Die Besetzung mit dem TV-Novizen Borer als Moderator hatte der NDR bereits vor der Sex-Affäre als "Special" für den Sommer beschlossen. Borer kenne sich "gut in der Politik" aus, rede aber "nicht so steif" daher, hieß es zur Begründung in der Redaktion. Aufgrund der aktuellen Lage freut man sich nun auf hohe Einschaltquoten. Über das Honorar für den Ex-Diplomaten wurde indes Stillschweigen vereinbart.



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