Brände in Brandenburg »Ich war heilfroh, dass ich wieder nach Hause kann«

Wegen der Brände mussten Hunderte Menschen in Brandenburg ihre Häuser verlassen. Nun kehren sie zurück – und hoffen, dass sich das Feuer nicht wieder entfacht.
Aus Treuenbrietzen berichtet Levin Kubeth
Rauchwolke über Treuenbrietzen unweit des Ortsteils Frohnsdorf

Rauchwolke über Treuenbrietzen unweit des Ortsteils Frohnsdorf

Foto: Paul Zinken / dpa

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Brigitte Zahn biegt mit ihrem silbernen VW Polo in die Einfahrt ein. Sie hat die Nacht bei ihrem Sohn in Michendorf verbracht. 40 Kilometer nördlich, in Sicherheit.

Als sie am Sonntag ihr Haus verlassen musste, habe sie ihre Katze nicht finden können, erzählt die 81-Jährige. Ihre Unterlagen habe sie mitgenommen, Klamotten, Bettzeug, die Scheidungspapiere und zwei Becher Quark. Aber die Katze fehlte. Wenn Brigitte Zahn davon erzählt, ist sie den Tränen nahe, dabei sind die beiden schon wieder vereint.

Niemandem ist etwas zugestoßen, weder Mensch noch Tier.

620 Menschen wurden evakuiert

Brigitte Zahn steht vor ihrer Haustür, die Rollläden sind noch unten, wie an vielen Häusern im Ortsteil Frohnsdorf. Insgesamt 620 Menschen mussten evakuiert werden, da ihre Häuser zu nah am Wald lagen, wie eine Pressesprecherin des Landkreises sagt.

Brigitte Zahn vor ihrem Haus: Glücklich vereint mit ihrer Katze

Brigitte Zahn vor ihrem Haus: Glücklich vereint mit ihrer Katze

Foto: Levin Kubeth / DER SPIEGEL

Übers Wochenende kämpften Feuerwehr und Bundeswehr in Treuenbrietzen, 50 Kilometer südlich von Potsdam, gegen die Flammen. Am Boden mit Schlauch und Löschfahrzeugen, in der Luft mit Hubschraubern. Wechselnde Winde fachten das Feuer bei großer Hitze und Trockenheit immer wieder an.

»Ich musste erst mal lüften«

Auch Elfriede Kuring war betroffen. Sie wohne seit 1939 in Frohnsdorf, sagt sie, und habe alles so ähnlich schon einmal erlebt. Beim Brand im Jahr 2018 sei sie in Treuenbrietzen in der Sporthalle gewesen. 400 Hektar Wald brannten damals, dieses Mal sind es weniger als die Hälfte.

»Dass ich das noch mal erleben muss, hätte ich nicht gedacht.« Diesmal ist sie zur Familie gegangen. »Man hat ein komisches Gefühl, wenn man das Haus verlässt«, sagt sie und klammert sich mit beiden Händen am Türgriff fest. Sie sei ängstlich, wenn sie das Haus verlasse. »Ich war heilfroh, dass ich wieder nach Hause kann.« Die Wohnung habe nach Rauch gestunken. »Ich musste erst mal lüften.«

Nicht weit entfernt quält sich ein Löschfahrzeug durch den Schlamm im Wald bei Treuenbrietzen. Die Reifen drehen durch, der Wagen rutscht zur Seite, aber er bleibt nicht stecken. Am Wegrand liegen Hunderte Meter Schlauch – schlaff, ohne Wasser. Alles wirkt ruhig, nicht hektisch; der Regen am Montag hat der Feuerwehr eine Verschnaufpause verschafft, die Zahl der Einsatzkräfte sich halbiert.

Olaf Fetz: Am Waldrand hat es diesmal angefangen

Olaf Fetz: Am Waldrand hat es diesmal angefangen

Foto: Levin Kubeth / DER SPIEGEL

»Wir stehen an der Stelle, wo 2018 der Brand angefangen hat«, sagt Olaf Fetz. Er ist der Stadtwehrführer von Treuenbrietzen. Vor ihm liegt eine Lichtung, nur einzelne Bäume stehen darauf, der Rest liegt abgebrannt auf dem Waldboden. Es riecht verkohlt. »Da hinten«, sagt Fetz und zeigt zum Waldrand, »hat es diesmal angefangen.« Keine 800 Meter liegen zwischen den beiden Punkten.

Immer wieder fahren kleine Trupps in den Wald und lösen die Kolleginnen und Kollegen ab. Sie fahren an Landschaftsschutzgebiet-Schildern vorbei, an Dixi-Klos und provisorisch errichteten Raststationen. Bierbänke stehen herum, Cola, Einweggeschirr, volle Müllsäcke.

Im Boden steckt Munition

Etwas weiter steht ein Löschwagen, auf dem Dach drei Männer. Der Generator brummt, das Wasser zischt in den Wald. Näher an das Brandgut kommen sie nicht, denn das Gebiet ist ein ehemaliger Spreng- und Übungsplatz. Im Boden steckt Munition – und die könnte hochgehen.

Wege der Munition liegen auch überall noch umgefallene Bäume. Teils vom letzten Brand, teils vom letzten Sturm. Sie sind Nahrung für das Feuer. »Sturmschäden kann man nur beraumen auf dem Gebiet, das man betreten kann«, sagt Michael Knape, Bürgermeister von Treuenbrietzen. »Die Munition sollte in bestimmten Bereichen geräumt werden«, fordert er, räumt aber gleich ein: »Es bleibt eine Generationenaufgabe.«

Zwar sind die Flammen gebannt, doch Glutnester bereiten der Feuerwehr Sorgen. »In 20 bis 30 Zentimeter Tiefe haben wir noch 200 bis 300 Grad«, sagt ein junger Mann der Freiwilligen Feuerwehr Lindenberg. »Da ist es wichtig, dass wir regelmäßig wässern.« Sonst könne sich das Feuer in den kommenden Tagen neu entfachen.

Jürgen Stoppa: Mit den Überwachungskameras die Lage kontrolliert

Jürgen Stoppa: Mit den Überwachungskameras die Lage kontrolliert

Foto: Levin Kubeth / DER SPIEGEL

Auch Jürgen Stoppa wollte den Brand beobachten – aber aus sicherer Entfernung. Am ersten Tag habe er seine Drohne steigen lassen, sagt er. Am dritten habe er dann von der Wohnung seiner Tochter aus über die Überwachungskameras die Lage vor seinem Haus kontrolliert. Rauch habe er aber keinen gesehen.

Zwar können alle Bewohnerinnen und Bewohner von Treuenbrietzen wieder in ihre Häuser. Doch Bürgermeister Knape warnt: »Gelöscht wird dieser Brand erst in einigen Wochen richtig sein.«

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