Brände in Russland Diplomaten flüchten aus verrauchtem Moskau

Der dichte Rauch der Wald- und Torfbrände nimmt den Moskauern die Luft. Die Sichtweite liegt unter 50 Metern, der zulässige Grenzwert für Kohlenstoffmonoxid ist um das Sechsfache überschritten. Jetzt ziehen die ersten Länder diplomatisches Personal aus der russischen Hauptstadt ab.

REUTERS

Moskau - Die Lage in Russland wird immer dramatischer: Verbissen kämpfen Hunderttausende Rettungskräfte gegen die verheerenden Wald- und Torfbrände. Dennoch breiteten sich die Flammen innerhalb eines Tages um 14.000 Hektar auf knapp 200.000 Hektar aus. Zum Vergleich: Das Saarland ist rund 260.000 Hektar groß.

Wegen des giftigen Qualms der Brände rund um die Hauptstadt sind die ersten Diplomaten aus Moskau abgereist. Polen, Österreich und Kanada hätten einige Mitglieder ihres diplomatischen Personals und deren Familien in die Heimat geschickt. Das berichtete der Radiosender Echo Moskwy am Sonntag.

Die russische Hauptstadt ist auch am Sonntag in dichten Rauch gehüllt, teilweise liegt die Sichtweite unter 50 Metern. Dutzende Flüge von und zu Moskauer Flughäfen wurden umgeleitet oder waren verspätet. Die Einwohner der Millionenmetropole klagen über Atembeschwerden. Am Samstag hatte der Anteil von giftigem Kohlenstoffmonoxid in der Luft nach städtischen Angaben den zulässigen Grenzwert um mehr als das Sechsfache überschritten. Das sei in der Hauptstadt noch nie verzeichnet worden.

"Ich halte das nicht mehr aus", sagte die 25-jährige Moskauerin Anna Kosyrewa. "Meine Eltern haben die Stadt verlassen. Ich will nur noch normal atmen, aber wegen meiner Arbeit kann ich nicht weg." Roman Morosow, ein 29-jähriger Architekt, sagte, man könne dem Smog nicht entrinnen: "Der Rauch ist überall - zu Hause, in Einkaufszentren, in der U-Bahn."

Industrie soll Schadstoffausstoß reduzieren

Laut einem Bericht der Nachrichtenagentur Itar-Tass wurde die Industrie in der Hauptstadtregion wegen des Smogs angewiesen, ihren Schadstoffausstoß um 40 Prozent zu verringern. Ärzte empfohlen den Einwohnern, in ihren Wohnungen zu bleiben, öfters zu duschen und nicht zu rauchen. Nach Angaben des Gesundheitsministeriums mussten sich Hunderte Menschen wegen smogbedingter Beschwerden ärztlich behandeln lassen.

Die Bundesregierung hat als Teil der von ihr zugesagten Unterstützung die Entsendung von 100.000 Atemschutzmasken angekündigt. "Die Atemschutzmasken sind ein erster Teil dieser Hilfe. Die Katastrophenschutzbehörde der Russischen Föderation hat heute auch um Bereitstellung von schwerem technischem Gerät für die Brandbekämpfung gebeten", erklärte Innenminister Thomas de Maizière (CDU) am Samstag in Berlin. Die Bereitstellung von Schläuchen, Pumpen und Motoraggregaten sei angelaufen, jetzt müsse der Transport vorbereitet werden.

Hilfe kommt auch aus anderen europäischen Ländern. So schickte Frankreich ein Löschflugzeug nach Russland. Aus Polen waren 155 Feuerwehrleute auf dem Weg nach Russland. Das russische Fernsehen zeigte die Landung von italienischen Spezialmaschinen in der Samara-Region an der Wolga

Die Torfbrände sollten künftig rund um die Uhr bekämpft werden, sagte Vize-Zivilschutzminister Alexander Tschuprijan, bislang seien die Brände nachts lediglich kontrolliert worden. Rund um das atomare Forschungszentrum in Sarow etwa 400 Kilometer östlich von Moskau schlugen Soldaten und Feuerwehrleute eine acht Kilometer lange und 150 Meter breite Brandschneise. Die Lage sei unter Kontrolle, teilte das Zivilschutzministerium mit. Alle in dem Zentrum lagernden explosiven und radioaktiven Stoffe waren nach Angaben der Behörden bereits an andere Standorte gebracht worden.

Spende des Präsidenten

Moskaus Stadtverwaltung erklärte sich bereit, Kinder aus Ferienlagern im Südosten der Hauptstadt mit klimatisierten Bussen in Sicherheit zu bringen. Vor Mittwoch werde sich der Smog nicht verziehen, kündigten Meteorologen an. Die Jahrhunderthitze mit Temperaturen um 40 Grad Celsius dauerte ebenfalls weiter an.

Bislang kamen mindestens 52 Menschen in den Flammen ums Leben, bis zu 2000 Wohnhäuser wurden zerstört. Russische Behörden haben eingeräumt, dass die 10.000 zur Verfügung stehenden Feuerwehrleute nicht für die Brandbekämpfung ausreichten.

Präsident Dmitrij Medwedew spendete aus eigener Tasche 350.000 Rubel (9000 Euro) für die Opfer der Feuersbrünste. Es wurde erwartet, dass weitere Spitzenpolitiker seinem Beispiel folgen, hieß es in einer Mitteilung des Kreml.

abl/dpa/apn

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Seite 1
baschy 08.08.2010
1. Ich hoffe
weiterhin, daß diese bedenkliche Feuersbrunst bald aufhört und finde es gut, daß Hilfe aus dem Ausland geschickt. Von jedem Land einzeln betrachtent mag die Hilfe dürftig erscheinen, aber wie heißt es so schön: "Kleinvieh macht auch Mist". Und das finde ich gut. Ich stelle hier aber erneut die Frage, so wie ich sie in den vergangenen Tager schon einmal gestellt habe: Dieser massive Brand, ist das nur eine Verkettung unglücklier Umstände, oder ist diese Katstrophe absehbare, hausgemachte Umweltpolitik? Ohne an eine ehrliche Beantwortung seitens Russland zu glauben, meine ich das hier eine erhebliche Ursache liegt
Bombenkönig 08.08.2010
2. Russland brennt wie jeden Sommer
Zitat von baschyweiterhin, daß diese bedenkliche Feuersbrunst bald aufhört und finde es gut, daß Hilfe aus dem Ausland geschickt. Von jedem Land einzeln betrachtent mag die Hilfe dürftig erscheinen, aber wie heißt es so schön: "Kleinvieh macht auch Mist". Und das finde ich gut. Ich stelle hier aber erneut die Frage, so wie ich sie in den vergangenen Tager schon einmal gestellt habe: Dieser massive Brand, ist das nur eine Verkettung unglücklier Umstände, oder ist diese Katstrophe absehbare, hausgemachte Umweltpolitik? Ohne an eine ehrliche Beantwortung seitens Russland zu glauben, meine ich das hier eine erhebliche Ursache liegt
Irgendwo in Russland brennt es absolut jeden Sommer. Die Zahlen, was Mütterchen Russland allein an Wald jährlich verliert sind nicht geheim ; ) http://www.wwf.de/fileadmin/fm-wwf/pdf_neu/Waldbrandstudie-Juli_2009.pdf Kap. 4.6 Seite 42 Russland Es interessiert nur keinen. So gut wie keine Nachrichten berichten darüber - denn "Feuer irgendwo in Russland" ist weder in Griechenland, Kalifornien (Malibu) noch Küste Spaniens. Russland selbst hat oft Löschflügzeuge und Helicopter in andere Länder gesendet obwohl es in Russland selbst wesentlich mehr Wald im gleichen Zeitraum weggebrannt ist. (Wesentlich mehr Wald wurde abgeholtzt um hier in Deutschland WerbeProspekte zu drucken und in Briefkästen zu stecken) Die Feuer bei der Rekordhitze von fast 50 Grad überall im Land wären nichts ungewöhnliches - wenn Moskau selbst nicht betroffen währe. Nur wegen dem SMOG + Rauch im teuerem Moskau ist den Russen und dem Ausland Sondermeldungen wert. Wie einst General Kutuzow gesagt haben soll: "Um Mütterchen Russland zu retten muss man Moskau verbrennen" - und das trift viel eher auf heute als auf den Winter 1814 zu.
FSB Beamte, 08.08.2010
3. Bilder
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Kampfbuckler, 08.08.2010
4. Die Oligarchen kümmern sich nicht ums Gemeinwohl
und die von ihnen finanzierten Politiker dann eben auch nicht. Die Haft für den chodoroksi oder so reicht nicht. da müssen noch mehr in lebenslangen Knast, damit es den Russen im allgemeinen besser geht, denke da auch an den Abrahmowski, dem Eigner von chelsea London
faustjucken_de 08.08.2010
5. Diktatur
Die Probleme sind aus der Stalin-Zeit mitgeschleppt worden. Den Machthaber - allen voran Putin - war nie daran gelegen, diese Probleme anzugehen, da dies kurzfristig keiner publikumswirksame Fernsehbilder hervorbringt. Langfristige Probleme können halt nur langfristig gelöst werden. Und da es de facto keine Demokratie und keine Medienfreiheit in Russland gibt, kann euch gestern noch der Sprecher des Moskauer Bürgermeisters, der sich übrigens im Urlaub an unbekannten Ort befindet, weiterhin verbreiten, dass doch gar kein Problem bestünde (O-Ton). Und die mundtot gemachte politische Konkurrenz ist dann auch keine Hilfe. Aber ich tröste mich mit dem Gedanken, dass jedes Volk die Regierung bekommt, die es verdient. Sie wollten Putin&Co, sie haben Putin&Co.
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