Brasilien Beim Fußball hört der Spaß auf

Vorbei die Zeit des Zauberfußballs: Die Seleção gewinnt zwar, aber begeistern kann sie nicht. In Brasilien haben sich die Fans mit dem Defensiv-Fußball ihres Teams abgefunden. Sie haben akzeptiert, dass der Sport zum beinharten Geschäft geworden ist.

Von , Rio de Janeiro


Rio de Janeiro - Fabio Pintos Trötenbarometer zeigt einen Rückstand für Brasilien an, jedenfalls im Vergleich zur letzten WM. Vor vier Jahren hat der Straßenhändler in Rio während des Achtelfinale über 50 gelbgrüne Tröten verkauft, heute waren es bis eine Stunde nach Spielende nur knapp 30. Aber er ist zuversichtlich: "Am Samstag, wenn es ins Viertelfinale geht, brummt der Verkauf."

Fé, Glaube: Die Seleção wird den Titel schon holen - das hofft zumindest dieser Fan in Rio
AP

Fé, Glaube: Die Seleção wird den Titel schon holen - das hofft zumindest dieser Fan in Rio

Ein kalter Wind bläst in Rio, die Strände von Copacabana und Ipanema sind wie leergefegt, und das liegt nicht am Fußball, sondern an der Kaltfront aus Argentinien, die es ausnahmsweise bis nach Rio geschafft hat. Durchwachsen wie das Wetter ist auch die Stimmung der Fans. Es gibt keine offiziellen Fanmeilen wie in Deutschland, man trifft sich vor Stehkneipen, in Steakhäusern oder zu Hause, um die Seleção gegen Ghana anzufeuern.

In dem Stadtviertel Leblon hat ein Fruchthändler seinen 29-Zoll-Fernseher auf die Pritsche seines Lieferwagens gehievt, die Spieler werfen auf dem flackernden Schirm geisterhafte Schatten, trotzdem hat sich rasch ein Haufen von rund hundert Fans mit gelbgrünen Perücken, Hemden und den obligatorischen ohrenbetäubenden Tröten, Tambourinen und Sambatrommeln vor dem Wagen versammelt.

Nach dem ersten Tor von Ronaldo ist kein Halten, doch dann verstimmt der Jubel. "Robinho fehlt uns", befindet Cleiton Titara, der von Kopf bis Fuß gelb-grün gefärbt ist. "Adriano hat bislang enttäuscht." Und auch die Medien sind unzufrieden: Eine "Rückentwicklung im Vergleich zum Japan-Spiel", klagt "O Globo Online" im Fan-Blog.

Die Brasilianer haben sich abgefunden mit dem Defensiv-Fußball ihres Nationaltrainers Parreira, aber er begeistert sie nicht. "Brasilien geht zur WM um zu gewinnen, nicht um schön zu spielen", schrieb "O Globo" nach den ersten beiden Partien der Seleção - es klang wie eine halbherzige Entschuldigung, dass man die große Kicker-Zauberei bislang schuldig geblieben ist.

Dennoch wächst von Spiel zu Spiel die Zuversicht, dass Parreiras Strategie aufgeht. Nach dem 3:0 versperren jubelnde Fans die Hauptverkehrsstraße von Leblon, wo sich die Schlachtenbummler aus Rios Südzone traditionell versammeln. "Wir wussten, dass Ghana schwierig wird", sagt Cleiton, von Beruf Physiotherapeut. "Aber die Seleção hat unsere Erwartungen übertroffen."

Vielleicht ist dies das eigentliche Problem: Vor allem im Ausland erwartet man von Brasilien immer nur Zauberfußball, und das möglichst in Verbindung mit mindestens fünf Toren. Aber in Brasilien hört beim Fußball der Spaß auf, der Sport ist zu einem ernsten, beinharten Geschäft geworden. Fußballkünstler werden nur geliebt, so lange sie auch siegen. Parreira geht lieber auf Nummer sicher.

Auch die Sache mit Robinho sei ein reiner Marketing-Trick, erklärt Physiotherapeut Cleiton: "Der hätte spielen können, so schlimm ist er nicht verletzt. Aber Parreira kann Adriano nicht so einfach aus der Mannschaft nehmen." Das Auswechseln sehen die Fans als Psycho-Taktik: "So kommt jeder mal dran, das fördert die Harmonie in der Mannschaft."

Parreira hält an unpopulären Entscheidungen fest, das hat er am Beispiel Ronaldo gezeigt. Bei dem rundlichen Superstar ist die Strategie aufgegangen: Er blüht von Spiel zu Spiel mehr auf, seine Kritiker sind verstummt. Ob Parreira auch mit Adriano so viel Geduld zeigt, ist nicht so sicher: Bei den Brasilianern wächst die Überzeugung, dass die Sturmspitze mit Robinho und Ronaldo besser besetzt wäre.

Die Fans in Leblon fiebern jedenfalls dem Einsatz des Wiesels von Real Madrid entgegen. Und wer war der beste Spieler gegen Ghana? "Dida", grölt der Fanchor. Auch das hat sich geändert: Wer hätte gedacht, dass einmal ausgerechnet der Torwart zum Star eines Brasilienspiels wird?



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