Brasilien Flugzeugunglück in São Paulo - Piloten warnten vor Landung am City-Airport

Es ist die größte Katastrophe in der Geschichte der brasilianischen Luftfahrt: Am City-Airport von São Paulo ist ein Airbus mitten in ein Wohngebiet gerast - wie ein gigantischer Torpedo. Über Funk hatten sich Piloten gegenseitig gewarnt: "Die Piste ist so rutschig, als wäre Seife drauf geschmiert."

Von , Rio de Janeiro


Rio de Janeiro - Der Taxifahrer Paulo Carol fühlte sich wie in einem Katastrophenfilm made in Hollywood: Vor seinem Auto kreuzte ein Flugzeug die sechs Spuren der Avenida Washington Luis, die zum Flughafen Congonhas in der Südzone von São Paulo führt, dem City-Airport der Millionenmetropole. Carol würgte vor Schreck den Motor ab und flüchtete mit seinen beiden Fahrgästen zu Fuß.

Der Pilot hatte offenbar versucht durchzustarten, aber die Piste war zu kurz für den Airbus A-320 der brasilianischen Fluggesellschaft TAM. Er kollidierte mit mehreren Autos, raste durch eine Tankstelle, krachte schließlich in ein Gebäude der TAM auf der anderen Straßenseite und ging in Flammen auf. Mindestens 191 Menschen kamen in dem Feuerball ums Leben: 176 waren an Bord des Airbus, 15 Passanten und Arbeiter vor und in dem TAM-Gebäude sollen auch unter den Toten sein.

Luiz Santos, 36, der mit seinem Firmen-Volkswagen einen Lkw eskortierte, entging dem Tod um Haaresbreite: "Das Flugzeug kam direkt auf mich zu, ich hörte den Lärm der Turbinen, dann explodierte es." Die Scheiben seines VW zerplatzten, der hintere Teil des Autos wurde von der Explosion zerstört, aber Santos und sein Beifahrer entkamen dem Flammeninferno: "Ich fühle mich wie neugeboren."

Der traurige Höhepunkt einer Serie von Unfällen

Um 17.16 Uhr hatte Flug Nummer JJ 3054 im südbrasilianischen Porto Alegre abgehoben, rund zwei Stunden später setzte er planmäßig in Congonhas auf - offenbar zu nah am Ende der Piste. Der Pilot versuchte, das Flugzeug am Boden in eine steile Linkskurve zu zwingen und durchzustarten, aber dafür war es zu spät. Es regnete zum Zeitpunkt des Unglücks.

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Der Crash von São Paulo ist wahrscheinlich die größte Katastrophe in der Geschichte der brasilianischen Luftfahrt – und zugleich der traurige Höhepunkt einer Serie von Unfällen, Pannen und Skandalen, die das Fliegen im größten Land Südamerikas zu einem Abenteuer mit ungewissem Ausgang gemacht haben.

Im September vergangenen Jahres stieß eine Boeing 737 der Fluglinie Gol über dem Amazonasgebiet mit einem Privatjet zusammen, bei dem Absturz der Boeing kamen 154 Menschen ums Leben. Die Untersuchung des Unglücks ist noch nicht abgeschlossen, aber nach und nach sickerten zahlreiche haarsträubende Details an die Öffentlichkeit. Sie gaben einen kleinen Einblick in das Chaos am brasilianischen Himmel: Fluglotsen sind schlecht ausgebildet, überfordert, unterbezahlt, viele sprechen kaum Englisch. Die Radartechnik im Amazonasgebiet ist oft veraltet und defekt.

Mängel bei Ausrüstung der Flughäfen und Lotsenausbildung

Die Infrastruktur des Luftverkehrs hält mit dem rasanten Wirtschaftswachstum des Schwellenlandes nicht Schritt: In den vergangenen Jahren wuchs der Flugverkehr in Brasilien jährlich um über 10 Prozent, doch die Investitionen in Ausbildung und Ausrüstung der Flughäfen und Fluglotsen wurde vernachlässigt. Die meisten Fluglotsen gehören der Luftwaffe an, die mit der Kontrolle des Flugverkehrs offenbar total überfordert ist. Mit Bummelstreiks und Sabotage wehrten sich die Fluglotsen nach dem Absturz der Gol-Boeing gegen Disziplinarmaßnahmen; sie wollen einer zivilen Luftaufsichtsbehörde unterstellt werden und fordern bessere Bezahlung. So kam es in den vergangenen Monaten immer wieder zum Kollaps des brasilianischen Luftverkehrs, stundenlange Verspätungen sind an der Tagesordnung.

Der Niedergang des einstigen brasilianischen Flag-Carriers Varig trug zusätzlich zu dem Chaos bei. Durch die Pleite der Varig, die inzwischen von der Konkurrenzairline Gol gekauft wurde und nur noch wenige Strecken bedient, fielen zahlreiche Flüge aus. TAM und Gol sind dem Ansturm der Passagiere offenbar nicht gewachsen, bei der TAM kam es im Dezember zum Zusammenbruch des Flugnetzes.

Auch die Regierung von Präsident Luiz Inacio Lula da Silva erwies sich angesichts des Chaos am Himmel als inkompetent. "Entspann’ Dich und genieß den Orgasmus", empfahl Tourismusministerin Marta Suplicy kürzlich protestierenden Passagieren, die zum Teil tagelang auf den Abflug gewartet hatten. Auch Verteidigungsminister Waldir Pires, ein freundlicher älterer Herr, der für die Luftwaffe und damit auch für die zivile Luftfahrt zuständig ist, erwies sich als Fehlbesetzung: Er war nicht über das Chaos informiert, das in Congonhas herrscht, Brasiliens wichtigstem und meistangeflogenen Flughafen.

Flugzeuge starten und landen im Minutentakt

Der Stadtflughafen von São Paulo gilt unter Experten seit Jahren als Sicherheitsproblem. Der meistbeflogene Airport Südamerikas liegt mitten in einem dichtbesiedelten Wohngebiet; seine Piste ist extrem kurz. Wegen der Nähe zum Finanzzentrum der Millionenmetropole ist er vor allem bei Geschäftsleuten beliebt, Flugzeuge starten und landen im Minutentakt. Beim Anflug über die Wolkenkratzer und Wohnhäuser bekommen selbst hartgesottene Vielflieger ein mulmiges Gefühl, so dicht schwebt man über den Dächern ein.

Vor einigen Monaten sperrte die Staatsfirma Infraero, die für die Verwaltung der Flughäfen zuständig ist, die Hauptpiste von Congonhas, um sie neu zu asphaltieren. Das führte zu zahlreichen Verspätungen, die Fluggesellschaften drängten deshalb auf ein rasches Ende der Bauarbeiten. Das hat jetzt womöglich zu der Katastrophe beigetragen: Infraero hatte die Piste freigegeben, obwohl sie noch nicht gefräst worden war. Das Fräsen von Rillen im Asphalt ist nötig, um die Flugzeuge bei Landungen im Regen gegen Aquaplaning zu schützen.

Ende vergangenen Jahres war eine Boeing der Fluggesellschaft BRA bei Regen über die Piste hinausgeschossen, am Montag dieser Woche rutschte ein großes Propellerflugzeug bei Regen über die Piste hinaus und blieb im Schlamm stecken.

Gestern nacht veröffentlichte der Fernsehsender TV Globo Mitschnitte aus dem Cockpit mehrerer Jets. Die Piloten hatten Angst, bei Regen in Congonhas zu landen, sie warnten sich über Funk vor den Wasserpfützen auf dem Asphalt. "Die Piste ist so rutschig, als wäre Seife drauf geschmiert", klagte einer. Seit drei Tagen regnet es in São Paulo, dennoch hatte Infraero die Landebahn nicht gesperrt.

Das ist dem Piloten des TAM-Flugs JJ 3054 womöglich zum Verhängnis geworden. Trotz starken Regens lodert immer noch das Feuer am Unglücksort, über 1000 Grad herrschen in der Flammenhölle. Vom Flugzeug ist nur die Heckflosse zu sehen, die wie ein Mahnmal aus der Lagerhalle ragt. Das Gebäude droht einzustürzen; niemand weiß, ob und wann es gelingt, alle Opfer zu bergen.

Präsident Lula hat drei Tage Staatstrauer verordnet.



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