Brasilien Flutopfer stürmen Supermärkte

Südbrasilien wird von der schwersten Umweltkatastrophe in der Geschichte des Landes heimgesucht. In zwei Tagen regnete es dort so viel wie sonst in vier Monaten, rund hundert Menschen sind umgekommen, Zehntausende Häuser zerstört. Jetzt weicht das Wasser langsam - zurück bleiben Chaos und Hunger.


Rio de Janeiro - Die Stromversorgung ist zusammengebrochen, unzählige Straßen sind zerstört, 80.000 Menschen haben ihr Dach über dem Kopf verloren: Im brasilianischen Bundesstaat Santa Catarina herrscht Chaos. Unwetter und Überschwemmungen haben seit dem Wochenende im Süden Brasiliens 97 Menschen das Leben gekostet. Das teilte der Zivilschutz in Santa Catarina am späten Mittwochabend (Ortszeit) mit. Allein am Mittwoch seien 13 Leichen geborgen worden. Mindestens 19 Menschen würden vermisst.

Weite Teile des Bundesstaates sind noch immer von der Versorgung abgeschnitten. Angesichts der Not plündern Flutopfer Geschäfte und Supermärkte. Brasilianische Zeitungen berichten, in der Küstenstadt Itajai seien mindestens 20 Menschen wegen Plünderns verhaftet worden.

Nahrungsmittel und Medikamente seien gestohlen worden, aber auch Schnaps und Zigaretten, sagte ein Feuerwehrsprecher. In der nahegelegenen Stadt Blumenau brachen Flutopfer nach Behördenangaben in Häuser ein, deren Bewohner vor den Unwettern geflohen waren. In acht komplett von der Außenwelt abgeschnittenen Orten trafen erste Hilfsgüter per Hubschrauber ein.

Die schlimmste Katastrophe in der Geschichte des Landes

Nach amtlichen Angaben waren in der Nacht zum Donnerstag im ganzen Bundesland noch 80.000 Häuser und Wohngebäude ohne Stromversorgung. Medien sprechen von einer der schlimmsten Unwetter-Katastrophen der vergangenen Jahrzehnte in Brasilien. Präsident Luiz Inacio Lula da Silva spricht sogar von der schlimmsten Katastrophe in der Geschichte des Landes.

Die Zentralregierung in Brasilia gab die Einrichtung eines Hilfsfonds in Höhe von 1,6 Milliarden Real (560 Millionen Euro) bekannt. Diese Mittel sollen aber auch Überschwemmungsopfern in anderen Bundesstaaten zu Gute kommen. Staatspräsident Silva überflog im Hubschrauber die von der Tragödie am schwersten betroffene Region des Itajai-Tals. Dort fiel am vergangenen Wochenende die Regenmenge von normalerweise vier Monaten. Der Gouverneur des Staates, Luiz Henrique da Silveira, sagte vor Journalisten, Silva habe sich "schockiert von dem dantesken Schauspiel unter ihm" gezeigt.

Ein Mitarbeiter des Katastrophenschutzes, Gilvan Muniz, sagte der brasilianischen Nachrichtenagentur Agencia Estado, die Einwohner der an einem Fluss gelegenen Stadt Navegantes hätten das Ausmaß der Zerstörung erst nach dem Zurückweichen der Fluten gesehen. "Wir haben zwei Augenblicke des Schreckens erlitten: Als wir das Wasser kommen sahen und dann, als es zurückging und wir die Zerstörung sahen."

Tonnenweise Nahrung, Medikamente, Trinkwasser

Im gesamten Bundesland waren am Mittwoch noch acht Gemeinden mit insgesamt 100.000 Einwohnern völlig von der Außenwelt abgeschnitten. Unzählige Straßen und Brücken wurden von den Wassermassen und Erdrutschen zerstört. Das Landesministerium für Infrastruktur teilte mit, man werde für den Wiederaufbau mindestens knapp 100 Millionen Euro benötigen.

"Die Städte im Süden können nicht erreicht werden, es wird eine Weile dauern", sagte ein Militärsprecher, Oberstleutnant Jose Henrique Ruffo, dem Fernsehsender Globo TV. Die Armee verteilte nach eigenen Angaben tonnenweise Nahrung, Medikamente und Trinkwasser und brachte 500 Menschen in Sicherheit.

han/dpa/AFP/AP



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