Strandgut in der Bretagne Das Rätsel der Garfield-Telefone

An den Stränden der Bretagne sammeln Umweltschützer seit vielen Jahren Plastiktelefone im Garfield-Look ein. Für Kinder ein Vergnügen. Aber auch ein deutliches Zeichen der weltweiten Plastikmüllflut.

C.Simonin - Ar Viltansoù

Von , Paris


Die Gegend ist Krimilesern wohlbekannt. "Zu uns kommen viele deutsche Touristen auf den Spuren von Kommissar Dupin", sagt die Rechtsanwältin Claire Simonin aus dem bretonischen 2000-Einwohner-Dorf Le Conquet an der Westspitze Frankreichs.

Kommissar Dupin ist der Held des deutschen Schriftstellers Jörg Bong alias Jean-Luc Bannalec, dessen Bretagne-Krimis in Deutschland beliebt sind. Nun spielt eine Geschichte in Le Conquet, die manche vor Ort ebenfalls in ihren Bann zieht. "Meine Kinder empfinden es wie eine Schatzsuche", sagt Simonin dem SPIEGEL.

Die Schatzsuche an den Stränden von Le Conquet dauert schon über 20 Jahre. Sie gilt einer international bekannten Comicfigur: dem Kater Garfield, genauer gesagt alten Telefonen in Garfield-Optik. Die Apparate sind Simonin zufolge erstaunlich gut erhalten.

"Wir haben den ersten Garfield in den Neunzigerjahren gefunden. Und dann immer wieder einen hier, einen dort. Es kommen immer neue Garfields an. Inzwischen haben wir Hunderte gesammelt", sagte der Strandtouristik-Unternehmer Claude Le Guitton aus Plougonvelin, dem Nachbardorf von Le Conquet, dem französischen Fernsehsender FR3.

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Bretagne: Plastikkater am Strand

Für Hobby-Naturschützerin Simonin war die Fernsehsendung von FR3 ein Erfolg - die Garfield-Telefone machen die Vermüllung der Meere auf prägnante Weise sichtbar. Und sie sind bei Kindern als Fundstücke beliebt. Simonins Nachwuchs im Alter von fünf und zwei Jahren sucht bei jedem Strandspaziergang nach Garfield. Sie kennen ihn nur als Plastiktelefon.

Strandgut aus dem Schiffscontainer?

"Wir vermuten, dass vor 30 Jahren ein Schiffscontainer mit Garfield-Telefonen vor unserer Küste untergegangen ist", sagt Simonin. Das Meer vor der Region ist stark befahren - rund 40.000 Schiffe passieren die Route pro Jahr. Das Unternehmen Paws hält die Rechte an der Marke Garfield. Ein Sprecher sagte dem Sender France Info, er habe keine Kenntnis von einem Schiffbruch mit Garfield-Fracht. Das Gerät wird seit Jahrzehnten nicht mehr hergestellt.

Einmal im Monat verabredet sich Simonin mit den zwei Dutzend Mitgliedern des lokalen Naturschutzvereins, der den bretonischen Namen Viltansoù (zu deutsch: Wichtelmänner) trägt, zum Strandspaziergang. Die Erwachsenen sammeln Plastikmüll ein, die Kinder laufen vorweg und suchen Teile der Garfield-Telefone. 200 davon haben sie allein im Jahr 2018 gefunden, während die Erwachsenen das Jahr über insgesamt zwei Tonnen Plastikmüll einsammelten. "Wie lustig", befand ein Reporter von FR3. Simonin aber findet das gar nicht lustig.

Für sie hat die allmonatliche Schatzsuche einen sehr ernsten Hintergrund. "Mir erscheinen die Garfields auf unserem Strand heute wie verletzte Tiere im Wald, die man nicht einfach liegen lässt", sagt Simonin. Sie erzählt, wie es sich die Mitglieder ihres Vereins zur Gewohnheit machten, auf dem Strand kein Plastik mehr liegenzulassen. "Wir können nicht mehr daran vorbeigehen, es wäre eine unterlassene Hilfeleistung an der Natur", sagt Simonin.

Umweltschützer führen Buch über Plastikmüll

Die zwei Tonnen Plastikmüll, die die selbsternannten Wichtelmänner von Le Conquet aufsammeln, erscheinen winzig im Vergleich zu der Menge, die weltweit im Meer schwimmt. Laut Greenpeace sind das nach UN-Schätzungen bereits über 150 Millionen Tonnen, und jedes Jahr kommen demnach 8 Millionen Tonnen dazu. "Das ist so viel, als wenn jede Minute ein Lkw voll Plastikmüll ins Meer gekippt wird", sagt Manfred Santen, Chemie-Experte von Greenpeace Deutschland.

In Le Conquet führen die Umweltschützer selbst Buch darüber, wie viele Kilogramm Plastikmüll sie bei jeder Aktion finden und wer dafür verantwortlich ist. "Beach cleaning with brand auditing", heißt das bei Greenpeace, frei übersetzt: "Strandsäuberung mit Produzenten-Feststellung".

Nein, sagt Manfred Santen, in Deutschland wisse er nicht von ähnlichen Initiativen. Aber weltweit nehme Greenpeace an einer Koalition von Nichtregierungsorganisationen mit dem Namen "Break Free From Plastic" teil, für die er selbst vor zwei Jahren Strände auf den Philippinen gesäubert habe. Offenbar ein mühsames Unterfangen.

Das schreckt Simonin und ihre Mitstreiter nicht ab. Außer Garfield-Telefonen hat sie eine Sammlung von Plastikrasierern aus dem Meer angelegt. Und sie sammelt Ölkanister - in Erinnerung an die Ölkatastrophe des havarierten Tankers "Amoco Cadiz" im März 1978 unweit von Le Conquet.

Zuletzt fand Simonin eine Menge kleiner, gelber Spielenten. Weitere Exemplare, denkt sie, könnten für die Kinder Ziel der nächsten Schatzsuche sein.



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