Brief des Todesschützen Sniper will Schulkinder erschießen

Die Polizei greift auf der Jagd nach dem mysteriösen Scharfschützen zu verzweifelten Maßnahmen. Jetzt soll die Bevölkerung den Fahndern mit erhöhter Wachsamkeit helfen. Der "Sniper" drohte unterdessen Anschläge auf Schulen an und verlangte offenbar Geld.


Fahndung nach dem "Sniper": Ein Polizist untersucht einen verdächtigen Lieferwagen
AFP

Fahndung nach dem "Sniper": Ein Polizist untersucht einen verdächtigen Lieferwagen

Washington - Die Polizei hat die Bevölkerung im Großraum Washington nach dem vermutlich zehnten Mord des Heckenschützen zu besonderer Vorsicht aufgerufen. Zugleich berichteten US-Medien, der Serientäter habe mit weiteren Gewalttaten vor allem gegen Schulkinder gedroht und Geld verlangt.

Fahndungsleiter Charles Moose erklärte am Dienstag, es gebe noch keine Bestätigung, dass der Heckenschütze auch für den Tod eines Busfahrers am frühen Morgen verantwortlich sei. Der Serienmörder habe aber gezeigt, dass er seine Opfer unabhängig von Alter, Geschlecht, Rasse und Beruf aussuche. Deshalb sollten alle Menschen besonders aufmerksam sein.

Busfahrer war Vater von zwei Kindern

Moose bestätigte, dass es sich bei dem jüngsten Opfer um einen Busfahrer aus dem Bezirk Montgomery vor den Toren der US-Hauptstadt handelt. Der 35-jährige war ein Familienvater mit zwei Kindern. Sollte sich der Verdacht bestätigen, wäre es der 13. Anschlag des Snipers und der zehnte Tote. Nach der Tat am Dienstagmorgen habe es diesmal keine Hinweise auf ein Fluchtauto und auch keine Beschreibung des Täters gegeben, sagte Moose.

Der jüngste Mord ereignete sich am frühen Dienstagmorgen im Bezirk Montgomery, nördlich der US-Hauptstadt, wo die Verbrechensserie begonnen hatte. Dort wurden allein sechs Anschläge verübt. Der Busfahrer wurde in seinem stehenden Fahrzeug von einer Kugel in den Oberkörper getroffen. Nach Zeugenaussagen stand er auf der oberen Treppenstufe eines Stadtbusses, der zu einer üblichen Fahrt aufbrechen sollte, als er getroffen wurde. Er erlag wenige Stunden später im Krankenhaus seinen Verletzungen.

Polizei sichert den Tatort in Montgomery County, wo am Dienstag ein Busfahrer erschossen wurde
REUTERS

Polizei sichert den Tatort in Montgomery County, wo am Dienstag ein Busfahrer erschossen wurde

Erste Zeugenaussagen waren widersprüchlich. Ein Zeuge wollte drei Schüsse gehört haben, andere nur einen. Das würde dem Muster des zielsicheren Heckenschützen eher entsprechen, der seine Opfer stets mit einem einzigen Schuss niedergestreckt hatte. In der Nähe des Tatorts befinden sich Basketballplätze und ein bewaldetes Gebiet, in dem sich der Täter verborgen haben könnte.

Nach Medienberichten wurde an dem Tatort des letzten bestätigten Anschlags in der Nähe eines Steakrestaurants im Bundesstaat Virginia ein längeres handgeschriebenes Schreiben gefunden. Darin werde mit Anschläge auf Schulen gedroht, berichtete der Nachrichtensender CNN. Nach Informationen der "Washington Post" blieben zahlreiche Schulen im Bezirk Richmond in Virginia geschlossen. Sie seien damit einem "dringendem Rat" des FBI gefolgt. Richmond liegt südlich des Tatortes, wo die Botschaft gefunden wurde. Von dem Unterrichtsausfall waren mehr als 200.000 Schüler betroffen.

Todesschütze benutzte Stimmenverzerrer

Die Botschaft sei in schlechtem, fast gebrochenem Englisch verfasst worden, schrieb die "Los Angeles Times". Am 7. Oktober hatte der Unbekannte nach einem Anschlag auf einen 13 Jahre alten Schüler eine Tarot-Karte mit dem Bild des Todes und der Aufschrift "Dear Policeman, I am God" (Lieber Polizist, ich bin Gott) hinterlassen. Er soll auch an anderen Stellen Tarot-Karten zurückgelassen haben.

Der Unbekannte rief die Polizei an, benutzte dabei nach Angaben aus Polizeikreisen aber offenbar ein elektronisches Gerät zur Stimmverzerrung. Fahndungsleiter Charles Moose forderte den Heckenschützen auf, erneut anzurufen. "Die Person, die Sie angerufen haben, konnte nicht alles verstehen, was Sie gesagt haben. Die Akustik war gestört, und wir wollen es richtig machen. Rufen Sie uns noch einmal an, damit wir es klar verstehen können." Damit benutzte Moose wie schon in den vergangenen Tagen die Medien, um sich an den Heckenschützen zu wenden.

Rückschlag für Fahnder

Zuvor hatten die Fahnder auf der Jagd nach dem "Sniper" einen Rückschlag erlitten. Aus Kreisen des Justizministeriums verlautete, zwei in Gewahrsam genommene Verdächtige seien nicht in die Taten verwickelt. "Sie waren zur falschen Zeit am falschen Ort", sagte ein Gewährsmann in Washington. Der 24-jährige Mexikaner und der 34-jährige Guatemalteke sollten wegen Verstoßes gegen die Einwanderungsbestimmungen in ihre Heimat abgeschoben werden.

Der inhaftierte Serienmörder David Berkowitz rief den Heckenschützen unterdessen zur Kapitulation auf. "Er soll aufhören, unschuldige Menschen zu töten", schrieb der 49-Jährige in einem Brief aus seiner Zelle in der Haftanstalt Sullivan im US-Staat New York. Der dreiseitige Brief wurde am Montag in Auszügen im Fernsehsender Fox verlesen. Berkowitz brachte 1976 und 1977 in New York innerhalb von 13 Monaten sechs Menschen um und schoss auf sieben weitere. Er wurde in Anlehnung an eine von ihm an einem Tatort hinterlassene Botschaft als "Son of Sam" bekannt.



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