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11. Dezember 2018, 21:21 Uhr

Junger Brieftaubenzüchter

Er darf "mein Täubchen" sagen

Von , Kamen

Brieftauben gelten als Rentnerhobby, die Zucht wird von Tierschützern kritisiert. Und doch kann sich der 26-jährige Marcel Krause nichts Schöneres vorstellen.

Heute steht ein Menü aus Reiskleien, Hanfsamen und Sonnenblumenkernen auf Marcel Krauses Tageskarte, zu Beginn der Woche neigt er gern mal zu etwas mit Erbsen, Käse oder Erdnüssen, morgen, das weiß er schon, wird es würzig: Chili und Kurkuma. Klingt nach Zutaten für Superfood-Bowls. Nach Berlin-Mitte. Liegt aber in Kamen rum. Im Pott.

Krause, 26, ist nicht nur Koch. Er ist auch Reinigungskraft, Krankenpfleger und Coach (neben seinem eigentlichen Beruf als Lehrer): Krause züchtet Brieftauben.

"Kein Hunger, Mädels?", sagt er, nachdem er das Futter im Trog verteilt hat. Die Männchen im Raum nebenan sind schon satt, sie haben gemeinsam und schnell gefressen, eher wie die Geier. Nur Kasimir, der hat allein unter der Tränke gefuttert, wie so oft.

Die Taube Kasimir ist eine Ausnahme, nicht nur, weil sie in dem drei mal zwei Meter großen Raum in Krauses Taubenschlag allein frisst statt mit den 18 Mitbewohnern, sondern weil sie Kasimir heißt. Krauses Freundin hat sie so getauft.

Für Krause heißen die Tauben sonst wie ihre Ringnummern. Das klingt dann so: 235 hat eben erst 2056, laut flatternd und gurrend, von seinem Stammplatz gemobbt, wie es sich für ein Alphatier gehört. Und 1331 hat zugeschaut, ohne mit dem Flügel zu zucken.

Im April wurde das Brieftaubenwesen in Nordrhein-Westfalen als immaterielles Kulturerbe ausgewählt. Der Verband Deutscher Brieftaubenzüchter hatte es geschafft, die Hoffnung groß. Jetzt hat die deutsche Unesco-Kommission allerdings entschieden: Auf Bundesebene wird das erst mal nichts. Der Brieftaubensport ist, anders als etwa die Oberpfälzer Zoiglkultur, nicht unter den 18 Neuaufnahmen in Deutschlands immaterielles Kulturerbe.

Das Verhältnis des Menschen zur Taube kennt kaum Graustufen: Sinnbild des Friedens einerseits, "Ratte der Lüfte" andererseits. In den Weltkriegen überbrachten die Tiere lebensrettende Botschaften, Brieftauben wie Cher Ami oder G.I. Joe gelten bis heute als Kriegshelden. In jüngster Zeit machen Tauben mehr durch ihre Notdurft als durch Nothilfe von sich reden. "Die Dächer sind ja teilweise echt beschissen", sagt Marcel Krause. "Aber wenn man mal in die Stadt schaut: Brieftauben laufen da nicht rum."

Wer Brieftauben züchtet, muss nicht nur gewappnet sein gegen Taubenschiss und Taubenhass, sondern braucht schlicht Zeit und Geld.

"Wie im Fußball mit Neymar und Co."

Denn Brieftaubenzucht ist teuer. Im Jahr gibt Krause einen vierstelligen Betrag für sein Hobby aus, am teuersten sei das Futter. Einmal, als Student, hat er 410 Euro für eine Taube zusammengespart. Und während die Zahl deutscher Brieftaubenzüchter sinkt, steigen die Preise, die etwa chinesische Superreiche für die Tiere zahlen: sechsstellige Beträge für eine Taube. "Das ist Wahnsinn", sagt Krause. "Wie im Fußball mit Neymar und Co."

Und Brieftaubenzucht ist zeitaufwendig. Im Sommer steht Krause vor sechs Uhr auf. Derzeit kümmert er sich um knapp 150 Tiere, im Schnitt drei Stunden am Tag. Dazu leitet er noch den Jugendarbeitskreis des Verbandes Deutscher Brieftaubenzüchter, allein der Name klingt, als stehe er in einem ausrangierten Geschichtsbuch.

Wieso macht Krause das?

"Ruhrgebiet ohne Brieftauben ist wie Dortmund ohne Borussia", sagt er. "Ich bin ein Ruhrpottkind."

Einer, der Ruhrpottkultur atmet

In seinem Zimmer stehen Pokale mit eingravierten Taubenumrissen, an einer Wand hängt ein Poster der einstigen Pokalsieger, Krauses Bettwäsche ist schwarz-gelb. Wer Krauses Zimmer in seinem Elternhaus betritt, sieht gleich, dass hier einer lebt, der Ruhrpottkultur atmet. Für Krause heißt der Schlag im Garten seiner Eltern auch nicht Schlag. Er heißt Schlach.

Bis vor Kurzem war Krause selbst noch Leistungssportler, ein Sprinter. Spricht er von seinen Tauben, fallen Wörter wie "Kampfgeist", "Kampfwille" oder "Leistungsfähigkeit". Doch es ist nicht solch ein Begriff, den Krause in den Gesprächen am häufigsten wiederholt, sondern ein Satz: "Es geht um das Wohl der Tiere."

Im Kern des Sports stehen sogenannte Reisen, Wettflüge. Vereine organisieren die Reisen, nur heißen die unter Brieftaubenzüchtern nicht Vereine, sondern Reisevereinigungen. Wer einem Brieftaubenzüchter länger zuhört, entdeckt Sprachschätze: "Schicken", so nennen die Züchter es, wenn sie ihre Brieftauben bei den Flügen antreten lassen. Die geschickten Tauben starten dann von "Auflassorten" aus.

Die Heimkehr der Tauben ist auch rätselhaft

Zuvor sind die Tiere elektronisch erfasst worden, mithilfe eines Rings, den sie am Bein tragen, und ein LKW hat sie zum Auflassort gefahren. Passt das Wetter - die Temperatur, die Thermik, der Wind, die Sichtweiten - gibt der Flugleiter dem LKW-Fahrer das Signal: Klappen auf. Die Tauben orientieren sich nun am Sonnenstand und offenbar am Magnetfeld der Erde; wie genau, ist unklar. Die Heimkehr der Tauben, sie ist auch das: rätselhaft.

Kommt eine Taube wieder an ihrem Schlag an, speichert ein Computer Ankunftszeit und Ringnummer. Die Taube mit der höchsten Fluggeschwindigkeit gewinnt. Die Zahlen zu seinen Siegern hat Krause immer sofort parat: 115 hat mal den ersten Platz gemacht. 380 Kilometer in drei Stunden. Im Schnitt 127 Stundenkilometer. 2000 Meter die Minute. Und 235, "mein schneller Vogel", flog 51 Preise in fünf Jahren. Während Krause die Zahlen nennt, lächelt er ein kleines Lächeln, Stolz kann sehr bescheiden aussehen.

"Springt ein Pferd automatisch über diese Dinger?"

Tierschützer werfen Brieftaubenzüchtern vor, dass es bei den Wettkämpfen jährlich zu Verlusten von Hunderttausenden Tieren komme. Das sei "aus den Hüten gezaubert", sagt Krause, da nicht berücksichtigt werde, dass die Zahl der Tauben auf den Flügen nach und nach auch sinke, weil Züchter währenddessen "wegen gesundheitlicher Probleme, wegen Urlaub, wegen Familie" aufhörten oder weil sie bei späteren Flügen nur noch ihre besten Tauben schickten, so argumentiert er. 2018 kam eine von Krauses Tauben nicht zurück, Grund: "der Geier", wahrscheinlich.

Ein weiterer Vorwurf lautet, dass viele Züchter ihre gestrandeten Tauben nicht zurückholten, weil die "nicht die geforderte Leistung erbracht und damit (…...) keinen Wert mehr hätten", wie es beim Tierschutzbund heißt. Gelangten sie zurück in den Besitz, würden sie häufig als nutzlos betrachtet und getötet. "Es gibt diese schwarzen Schafe", sagt Krause. "Aber die werden vom Verband juristisch verfolgt." 2018 verlief sich eine von Krauses Tauben, als sie durch ein Regengebiet geflogen war, und landete im Stall eines Hühnerzüchters. Krause fuhr nach Bayern und holte 108 heim.

Ist es nicht an sich unnatürlich, Tauben an fremde Orte zu fahren und von dort aus fliegen zu lassen? Krause antwortet mit einer Gegenfrage: "Springt ein Pferd automatisch über diese Dinger? Ich weiß es nich."

"Rennpferde des kleinen Mannes"

Krause ist nicht der Erste in seiner Familie, der Brieftauben züchtet. Schräg gegenüber des Schlags wohnt sein Großvater, Krause sagt: Oppa. Manfred Ludewig, 79, sitzt in einem Sessel, auf dem Tisch vor ihm liegt die Zeitschrift "Tauben Markt", an der Wand hinter ihm hängt ein Preis für seine Lieblingstaube, 154, "Beste Taube 1966".

Ludewig stammt aus Schlesien, 1945 wurde er aus seiner Heimat vertrieben. Er kam erst nach Niedersachsen, wo er für den Bergbau im Ruhrgebiet angeworben wurde, Ludewig sagt: Berchbau. In Kamen fand er dann über seinen Schwiegervater zu den Tauben. Im 19. Jahrhundert waren es Kumpel im Ruhrgebiet gewesen, die Brieftauben zu ihren Sportlern erklärt hatten, zu "Rennpferden des kleines Mannes".

Was hat ihm an den Tieren gefallen? "Die Heimkehr", sagt Ludewig.

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