"Brot und Spiele" in Trier Die Römer sind zurück

Im Amphitheater kämpfen die Gladiatoren wie einst, man kann Kettenhemden kaufen, Legionäre reisen stilecht in Tunika mit Ledersandalen an. In Trier läuft am Wochenende Deutschlands größtes Römer-Spektakel. Gut für die Gladiatoren: Das Publikum ist viel gnädiger als vor 2000 Jahren.


Trier - Gut zwei Jahrtausende nach ihrem ersten Einzug in Trier sind die Römer wieder da. In den Kaiserthermen haben Legionäre ihr Lager aufgeschlagen, Gladiatoren halten die Kampfarena des Amphitheaters besetzt. Und vor dem römischen Stadttor Porta Nigra marschieren römische Soldatentrupps mit Rüstung und Schwert auf und ab. Geschichte zum Anfassen bietet Deutschlands größtes Römerfestival "Brot und Spiele", bei dem sich am Wochenende rund 20.000 Besucher in den antiken Stätten Triers bei Honigwein und römischen Würstchen in alte Zeiten zurückversetzen lassen.

Mit "panem et circensis" (Brot und Zirkusspiele) hielten einst römische Kaiser ihr Volk bei Laune, organisierten Wagenrennen im Circus Maximus, Gladiatorenkämpfe und Tierhetzen in Amphitheatern. Nebenbei wurden die Zuschauer auch kostenlos verpflegt. Die Herrscher nutzten die Veranstaltungen auch für politische Zwecke, um Nachfolger zu präsentieren oder sich selbst feiern zu lassen. Der Ausdruck stammt vom römischen Schriftsteller Juvenal, der in Satiren die Sehnsucht der römischen Gesellschaft nach Unterhaltung kritisierte: Das Volk interessiere sich für nichts mehr außer für "panem et circensis". Politik spiele keine Rolle mehr.

Im Amphitheater nehmen die Gladiatoren ihre Zuschauer mit auf die Reise in die Vergangenheit. "Es ist ein Stück weit, wie es damals war", meinte der Organisator der Römerspiele, Ronald Frank, beim Gladiatoren-Spektakel "Schwert des Todes - Wasser des Lebens". Die Inszenierung beschäftigt sich mit einer alten Trierer Sage: dem tödlichen Konkurrenzkampf zwischen dem Erbauer des Amphitheaters und dem Erbauer des Aquädukts. Und wie einst bei den Römern entschieden die Zuschauer bei jedem Kampf über das Schicksal des Helden, wenn es "vitam aut mortem" ( lateinisch für Leben oder Tod) hieß: Mit erhobener Faust riefen sie "vita" oder mit nach unten gesenkter Hand "mors". Das Trierer Publikum neigt zur Gnade - meist dürfen die Verlierer am Leben bleiben.

"Es ist wie eine Kirche für uns"

Für die Gladiatoren vom Mailänder Institut Ars Dimicandi, die Fest-, Faust- und Ringkämpfe wissenschaftlich erforscht haben, ist jede Schlacht neu. "Es gibt keine Absprachen, jeder Kampf ist offen", sagte Dario Battaglia, 42. Für ihn war der Auftritt in Trier besonders, weil "man die Geschichte spüren kann": "Hier sind früher viele Gladiatoren gestorben. Es ist wie eine Kirche für uns", sagte Battaglia, hauptberuflich Gladiator und das ganze Jahr über zu Kämpfen unterwegs. Verletzungen seien bei seinem Job normal. Das bisher Schlimmste: Neun Stiche am Kopf. Auch in Trier traf es einen Gladiator. Er erlitt eine kleine Stichverletzung unter dem Arm, die genäht werde musste.

Auch der Schauspielerin Isabel Florido aus der Schweiz, die für die Show gebucht wurde, gefällt das antike Ambiente. "Wir sind hier nicht auf einer künstlichen Bühne, sondern auf einer, wo Geschichte geschrieben wurde", sagte die 37-Jährige.

Organisator Roland Frank beschreibt Trier als "eine der letzten Hochburgen im römischen Reich, in denen noch Kämpfe stattfanden". Anfang des vierten Jahrhunderts sei die Arena, in der bis zu 20.000 Zuschauer Platz hatten, noch renoviert worden. Trier wurde 16 v. Chr. von den Römern als Augusta Treverorum gegründet und war die größte römische Stadt nördlich der Alpen. Sie erhebt auch Anspruch auf den Titel "älteste Stadt Deutschlands", darüber streiten die Experten allerdings noch.

Nur Mut: Römischer Zahnarzt führt antike Geräte vor

Nicht nur die Zuschauer lassen sich gern in antike Zeiten zurückversetzen. Auch die angereisten Legionäre: "Es macht Spaß, dem Alltag zu entkommen und in die römische Zeit abzutauchen", sagt der Osnabrücker Jurist Moritz Gallenkamp in Tunika und Ledersandalen. Und "Centurio" Michael Bayer, im richtigen Leben Beamter bei der Stadt Augsburg, scheucht seine Soldatengruppe sichtlich vergnügt über die Wiese. "Wir machen Geschichte begreifbar", so der 40-Jährige von den "Populares Vindelicenses", einer historischen Römergruppe in Augsburg.

In der Zeltstadt lebt römisches Handwerk neu auf: Korbmacher, Knochenschnitzer, Pfeilemacher und Kettenhemd-Knüpfer weisen in ihre Künste ein. Zum ersten Mal dabei ist auch ein "römischer Zahnarzt", der antike Geräte an mutigen Patienten vorführte. Ebenfalls neu bei der siebten Auflage des Römerfestes: eine Gladiatorenschule und ein Legionärs-Camp für Kinder.

Ausschließlich römische Kost steht in der Taverne auf der Karte, etwa römische Würstchen mit Pinienkernen und Schinken in Feigensoße. "Wir kochen nach den Rezepten von Marcus Gavius Apicius aus dem ersten Jahrhundert", sagt Chefin Monika Gracher, sonst beim Trierer Restaurant "Zum Domstein". Römisch zu kochen sei gar nicht so leicht, weil viele der benutzen Kräuter - etwa Myrte - in Läden kaum zu finden sind: "Die bekommen wir nur in der Apotheke", sagte sie.

Birgit Reichert, dpa



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