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Freizeit »BRUMMEN WIE VERRÜCKT«

Gelockt von Erfolgsfilmen wie »Jurassic Park« und Filmtheatern mit modernem Komfort, getrieben von der Ödnis vieler TV-Programme stürmen junge Deutsche die Kinos. Die Lichtspielbranche verzeichnet Umsatzrekorde und rechnet bis Jahresende mit rund 115 Millionen Besuchern.
aus DER SPIEGEL 42/1993

Als die Stampede losbrach, stand das Telefon nicht mehr still, und Nina Becker kam sich verhöhnt vor. Immer wieder verlangten die Anrufer nach »Jurassic Park«, obwohl der in ihrem kleinen Münchner Arena-Kino gar nicht lief.

Und während die Saurierhorden Deutschland überrannten, geriet die Kinobesitzerin ins Grübeln über das Wesen des Kinogängers: Was half es, daß sie immer versucht hatte, ihr Publikum zu erziehen? Daß sie aufregende kleine Filme gefördert und mißachtete Meisterwerke ans Licht gebracht hatte? Offenbar nichts. »Die Leute«, sagt Nina Becker, »sind irgendwie verrückt geworden.«

Ähnliches empfand Willy Henning in Stralsund. Menschen harrten vor den »Sund-Lichtspielen« auf den Erstschlag der Dinos wie auf eine Bananenfuhre zu Zeiten des Sozialismus. »Seit 1952 arbeite ich in diesem Kino«, sagt er, »aber so etwas hab' ich noch nicht erlebt.«

Die Deutschen erlagen dem Angriff der computeranimierten Urviecher ohne den geringsten Versuch des Widerstands: Mit einem Schlag verdoppelte sich die Zahl der Kinogänger, 359 Häuser meldeten Besucherrekorde.

Seither schwelgt die Branche im Goldrausch: »Jurassic Park« soll nur der Auftakt gewesen sein zu einem fulminanten Herbst an den Kinokassen. Der Hamburger Kinomulti Hans-Joachim Flebbe und der Verleih Warner Deutschland erwarten bis Jahresende ein Besucherplus von rund 20 Prozent. Oliver Fock, der für die Lübecker Kieft-Gruppe Lichtspieltheater in Mecklenburg-Vorpommern leitet, prophezeit für kleinere Städte im Osten gar Steigerungen um die Hälfte. »Dieses Kinojahr«, sagt er, »ist ein Geschenk des Himmels.«

Die Wende beim Eintrittskartenverkauf kam im Sommer mit Spitzenergebnissen für »Cliffhanger« (1,9 Millionen Zuschauer) und »Dennis« (3,3 Millionen). Flebbe rechnet allein für die westdeutschen Kinos bis Jahresende mit 115 Millionen Gästen, das wäre ein Andrang, wie es ihn zuletzt 1983 gab.

Auf den Startplätzen der deutschen Verleiher drängen sich so viele Erfolgsstreifen wie selten zuvor: »Auf der Flucht«, »Die zweite Chance«, »Aladdin« - jeder hat in den USA mehr als hundert Millionen Dollar eingespielt.

Hollywood blickt bereits auf den erfolgreichsten Sommer seiner Geschichte zurück. Der Kampf an den deutschen Kinokassen wird allein unter den großen amerikanischen Produktionen ausgetragen, die inzwischen 86 Prozent des Marktes beherrschen. Nur »Das Piano«, der einzige unabhängig produzierte Erfolgsfilm des Sommers, spielte mit im Konzert der Riesen.

Was ist in das Publikum gefahren, diesen »wirklichen Feind« des Regisseurs (Francois Truffaut), dessen Passivität angeblich so schwer zu überwinden ist? Findet es neue Visionen im Kino, ästhetische Revolutionen, dramaturgische Qualitätssprünge, große Entwürfe?

Mitnichten. Selbst die Zeitschrift steady cam, Sprachrohr der intellektuellen Apologeten Hollywoods, überzieht das aktuelle Programm mit vernichtenden Verrissen: »Jurassic Park« eine »Super-Enttäuschung«, der Bergkäse »Cliffhanger« nur »löchrig, lächerlich, lätschert«. Innovationen kämen allenfalls aus den Computern der Effektspezialisten, in den Köpfen der Regisseure herrsche Stagnation.

Der Wandel findet woanders statt. Noch 1986 kam die Soziologin Monika Lerch-Stumpf zu dem Schluß, der »mangelnde Unternehmergeist der Filmtheaterbesitzer« sei Schuld am Niedergang des Kinos. In Bayern hatte sie 922 von ihnen befragt und herausgefunden, daß den meisten der Service und Komfort ihres Kinos völlig gleichgültig war.

Seit aber an den Stadträndern die ersten modernen Großkinos ("Multiplexe") entstanden, buhlen auch Filmtheater in den Stadtzentren mit besserer Technik und mehr Komfort um die Gunst der Besucher. »Besonders im Osten«, sagt der Geschäftsführer des Hauptverbandes Deutscher Filmtheater, Wolf-Dietrich von Verschuer, »wurden viele Kinos wunderschön renoviert. Kaum sind sie wiedereröffnet, brummen sie wie verrückt.« Allein im ersten Quartal 1993 gaben die Kinounternehmen rund 80 Millionen Mark für Neubauten und Modernisierung aus: Der Kakerlak wohnt hier nicht mehr.

Geradezu phantastische Marktchancen habe das Kino der Zukunft, wenn es sich zum »Unterhaltungssupermarkt« entwickle, schrieb der amerikanische Sozialforscher Ernest Dichter - und forderte Filmpaläste mit Restaurants, perfektem Service, großen Sälen, bequemen Sitzen. Seine Analyse für die Berliner Filmförderungsanstalt (FFA) stammt allerdings von 1969. »Damals wurde er ausgelacht«, erinnert sich wehmütig Robert Backheuer, der seinerzeit im FFA-Vorstand saß, »heute verwirklichen die Multiplex-Center seine Ideen bis ins Detail. Was nur einen bitteren Schluß zuläßt: Wir haben über 20 Jahre vergeudet.«

Am stärksten verändert hat sich der Ton. Als sich ein Architekturkritiker der Süddeutschen Zeitung im August in ein Multiplex-Kino wagte, sah er sich unversehens von einem »akustischen Vergewaltigungssystem« attackiert: Kevin Costner tanzte mit dem Wolf, und Indianerpfeile surrten »mit der Wucht einer Trägerrakete«. Zu den »sadistischen« Tonanlagen Dolby-SR und THX kommt nun noch das digitale System DTS, zeitgleich mit dem Start von »Jurassic Park« in vielen Kinos per Demo-Trailer eingeführt. »Bei uns gab es Szenenapplaus für diesen Sound«, frohlockt Theaterleiter Oliver Fock aus Rostock, »das war praktisch Stadtgespräch.«

Was die Ostdeutschen fasziniert, nennt der Filmwissenschaftler Helmut Korte die »verstärkte Realitätsillusion des Kinos«, die in den neuen High-Tech-Häusern wirke wie nie zuvor. Der Bamberger Filmfan und Soziologe Gerhard Schulze, Autor des Standardwerks »Die Erlebnisgesellschaft«, sieht im Kino-Boom das immer weiter perfektionierte Produkt einer Lebensphilosophie, die nicht Güter, sondern Gefühle fordert. »Wir werden im Kino ständig auf einem hohen Adrenalinlevel gehalten« - ein Zustand, den der moderne Mensch von Popmusik, MTV und Computerspielen gewohnt sei. »Wir werden psychophysisch gefesselt, ohne daß wir viel dazu tun müssen.«

Der Fortschritt auf der Leinwand gehe einher mit dem »Niedergang des Fernsehens«, sagt Schulze. »Die Vielzahl der Programme wird von den Leuten als schwierig und unangenehm empfunden. Das Kino entlastet uns von Entscheidungsproblemen.« Außerdem widerstehe der Film der »Einebnung der Bildwelten, die seit Reality-TV das Fernsehen heimsucht«, fügt der Psychoanalytiker Bernd Nitzschke hinzu. Nur im Kino habe man noch die tröstliche Gewißheit, »Fiktionen und Realität schlössen einander aus«.

Mehr als 13 000 Spielfilme strahlen deutsche TV-Sender jährlich aus - und machen sich damit gegenseitig das Leben schwer. »Der einzelne Film im Fernsehen hat seinen Ereignischarakter verloren«, sagt Klaus Lackschewitz, Leiter der ARD-Spielfilmredaktion.

Im Fernsehen, sagt der Münchner Eckhard Vollmar, 26, für viele, könne er sich keine Filme mehr ansehen: »Dauernd zappe ich weg, bei Videos spule ich vor, sogar bei Kubrick, den ich für einen der besten Regisseure halte.« Nur im Kino habe er »noch die Ruhe, einen Film ganz anzuschauen«.

»Vielleicht sind wir tatsächlich an einem Wendepunkt in der Entwicklung des Kinos«, sagt der Berliner Wirtschaftsforscher Gerhard Neckermann. In einer Studie hatte er noch vor zwei Jahren einen Rückgang der Besucherzahlen prophezeit - ausgelöst vor allem durch die stärkere Konkurrenz von Fernsehen und Video. An diese These mag er nun selbst nicht mehr glauben.

Eine bessere Nase für Trends hat offenbar der Freizeitforscher Horst W. Opaschowski. In seiner neuesten Untersuchung sagt er dem Kino bis zum Jahre 2001 einen Besucherzuwachs von 50 Prozent voraus - und weder die konjunkturelle Lage noch die Qualität der Filme spiele dabei eine große Rolle. »Die aktuellen Konsumtrends sind Shopping, Kino, Essengehen«, sagt Opaschowski. »Besonders gilt das für die 20- bis 30jährigen, die vielumworbene Wohlstandsgeneration.« Eine repräsentative Erhebung der Gesellschaft für Konsumforschung bestätigt Opaschowski. Danach ist die Zahl der 20- bis 29jährigen Kinogänger im ersten Halbjahr 1993 um die Hälfte gestiegen - sie kaufen jetzt so viele Eintrittskarten wie alle anderen Altersschichten zusammen.

Opaschowski hält die Filmwirtschaft außerdem für führend in einer Kunst, die er »Marketing von Erlebniswelten« nennt. Manchmal fragt er sich sogar, ob nicht eine allumfassende, weltweite Verschwörung am Werk ist: »Vor dem Start von ,Jurassic Park' wurden plötzlich so viele Sauriereier gefunden, daß man denken mußte, sie wären vorher heimlich verbuddelt worden.«

Das wohl kaum. Aber daß den Fossilienfunden soviel Aufmerksamkeit zuteil wurde, hat indirekt schon mit der internationalen Marketingmaschinerie Hollywoods zu tun. Ihr Funktionsprinzip gleicht dem der Atombombe: Sobald eine kritische Aufmerksamkeitsmasse erreicht ist, folgt die Medienexplosion von allein.

Opaschowski hält deshalb die Einführung eines neuen Streßmodells für dringend geboten. »Früher fürchtete man, im Beruf zu versagen.« Heute komme »die Angst dazu, in der Freizeit etwas zu verpassen«. Y

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