Brustkrebs-Beautybloggerin "Ich wollte eine fröhliche Erscheinung sein"

Laura Cannon erfuhr mit 22 Jahren, dass sie an Brustkrebs erkrankt war. Weil die Britin sämtliche Literatur zum Thema deprimierend fand, startete sie ein eigenes Blog. Hauptmerkmale: gute Laune, Ehrlichkeit und Pink.

Laura Cannon

Ein Interview von Gesa Mayr


Hamburg - An einem grauen Tag im November 2012 erfuhr Laura Cannon von dem Knoten in ihrer linken Brust. Brustkrebs mit 22, es dauerte eine Weile bis sie das fassen konnte. Schließlich gab sie ihrem Krebsknoten den Namen Kenneth, unterzog sich einer doppelten Brustamputation, begann mit der ersten von sechs Chemotherapien und startete einen Blog: Laura Louise and her naughty disease - Laura Louise und ihre fiese Krankheit.

Fast ein Jahr nach der Diagnose, der Operation, den Chemotherapien sind immer noch einige Krebszellen in Cannons Körper. Sie muss weiterhin zur Bestrahlung und Medikamente nehmen, aber das Schlimmste hat sie überwunden.

"Ich habe mir geschworen, meinen Kampf gegen das große K so spaßig wie möglich zu machen", schreibt Cannon auf ihrem Blog. Also bloggt die mittlerweile 23-jährige Britin aus Devon über ihre Lieblings-Nagellackfarbe, erklärt, wie man fahle Haut nach einer Chemotherapie überschminkt und wie man so ganz allgemein einen guten Auftritt hinlegt.

SPIEGEL ONLINE: Miss Cannon, wie bleibt man denn glamourös während einer Chemotherapie?

Laura Cannon: Ich versuche, meine Klamotten und mein Make-Up in den Fokus zu rücken. Zum Beispiel trage ich auffallende Schuhe und knalligen Lippenstift oder einen coolen Schal und große Ohrringe - alles, was mir gute Laune macht. Ich habe so einen knallpinken Lippenstift, der ist super. Pink ist ohnehin meine Lieblingsfarbe und ein wiederkehrendes Thema in meinen Outfits.

SPIEGEL ONLINE: Warum sind Ihnen Mode und Make-Up so wichtig?

Cannon: Ich wollte eine fröhliche Erscheinung sein und nicht krank aussehen. Ich wollte in meinem Freundeskreis nicht als das Mädchen herausstechen, dem es offensichtlich schlecht geht. Außerdem war das etwas, auf das ich mich konzentrieren konnte, als ich im Krankenhaus lag.

SPIEGEL ONLINE: Was waren die größten Herausforderungen für ihren Chemo-Chic, wie Sie es nennen?

Cannon: Am schlimmsten war, dass ich keine Wimpern mehr hatte. Es ist unmöglich, künstliche zu benutzen - sie bleiben nicht kleben. Ich habe dann Lidschatten und Eyeliner benutzt. Von weitem sah es dann tatsächlich so aus, als hätte ich noch Wimpern. Außerdem wurde meine Haut von der Chemotherapie sehr trocken, ich habe ganz viel Wasser getrunken und mich viel eingecremt.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie einen Geheimtipp?

Cannon: Rouge macht immer einen Riesenunterschied. Und Nagellack. Ich habe mittlerweile über 50 verschiedene Farbtöne.

SPIEGEL ONLINE: 50?

Cannon: Ja, meine Nägel sahen ganz schlimm aus, sie wurden schwarz. Ich habe sie ständig lackiert in leuchtenden Farben und verrückten Designs. Als ich eine Transfusions-Nadel in der Hand stecken hatte, war es ein gutes Gefühl, dass ich auch auf etwas Schönes schauen konnte.

SPIEGEL ONLINE: Sie reden sehr offen über Ihre Krankheit, rücken Aspekte wie Aussehen in den Vordergrund. Gibt es auch Leute, die sagen: Wenn man Krebs hat, muss man sich über andere Dinge Gedanken machen als Nagellack?

Cannon: Ich hatte bislang Glück und habe nur positive Rückmeldungen bekommen. Mode und Beauty sind zwar ein Teil meines Blogs - aber eben nicht nur. Ich habe auch Bilder von mir auf der Seite, auf denen ich nicht glamourös aussehe. Ich versuche, ehrlich über die Nebenwirkungen und die Probleme zu reden.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind erst 23 Jahre alt. Wie haben Sie herausgefunden, dass Sie Brustkrebs haben?

Cannon: Ich hatte diesen widerkehrenden Schmerz im Rücken und hatte dauernd irgendeine Infektion. Im Fernsehen habe ich eine Sendung zum Thema Krebs gesehen. Und da war eine Frau, die hatte dieselben Symptome wie ich. Irgendwann bin ich dann zum Arzt gegangen. Im Krankenhaus ging keiner davon aus, dass der Knoten in meiner Brust wirklich Krebs war. Aber eine Biopsie hat meinen Verdacht dann bestätigt.

SPIEGEL ONLINE: Brustkrebs in diesem Alter - ist das nicht ziemlich ungewöhnlich?

Cannon: Ja! Trotzdem: Es gibt mehr junge Frauen unter 30 als man denkt, die betroffen sind. Ich hätte nie gedacht, dass ich mit 22 Jahren an Brustkrebs erkranken könnte. Ich finde es sehr wichtig, andere Frauen darauf aufmerksam zu machen.

SPIEGEL ONLINE: Glauben Sie, das Bewusstsein dafür ist da?

Cannon: Angelina Jolie hat zwei Wochen bevor ich meine Mastektomie hatte, erzählt, dass sie sich die Brüste hat abnehmen lassen. Ich fand das sehr, sehr ermutigend. Es zeigt, dass es jeden treffen kann. Ich habe mir gedacht: Wenn Angelina das schafft, dann schaff ich das auch. Und ich habe viel gelacht. Das wichtigste ist, dass man sein Lachen behält.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben viel gelacht?

Cannon: Ich habe versucht, einen gewissen Witz in Dingen zu sehen, die andere vielleicht traurig finden. Es war so einfacher mit schwierigen Dingen umzugehen. Ich wusste zum Beispiel immer, dass meine Haare irgendwann ausfallen würden. Als es dann soweit war, bin ich mit einer Freundin zum Friseur gegangen und habe es in viele verschiedene, verrückte Frisuren rasieren lassen. Wir haben ganz viele Fotos gemacht, ich habe Tausend Grimassen gezogen. Ich wollte eine gute Erinnerung an diesen Tag.

SPIEGEL ONLINE: Sie nennen Ihren Brustkrebs Kenneth…

Cannon: Das Wort "Krebs" hat mir am Anfang wirklich Angst gemacht. Ihm einen Namen zu geben, hat es persönlicher gemacht. Ich konnte Sachen sagen wie: "Oh man, Kenneth, du hast heute echt meinen Tag ruiniert" oder "Kenneth! Du deprimierst mich, deswegen muss ich jetzt online shoppen". Es ist albern, aber es brachte mich zum Lachen, deswegen habe ich ihn ausgewählt. Ich hoffe, es fühlt sich kein Kenneth beleidigt.

SPIEGEL ONLINE: Wann hatten Sie die Idee zum Blog?

Cannon: Nach meiner ersten Chemotherapie habe ich nach Lesestoff zu meiner Situation gegoogelt und festgestellt: Es gibt fast nichts und wenn, ist es sehr deprimierend. Ich wollte wirklich etwas Positives und Fröhliches schreiben, das den Leuten Hoffnung gibt. Und Vielen scheint das zu gefallen, ich habe viele Komplimente für den Blog gekriegt, sogar aus Italien, Litauen und Brasilien.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben auch gerade einen Preis für Ihren Blog gewonnen. Vielleicht sollten Sie das Schreiben zu Ihrem Beruf machen und nicht ihr Biologiestudium.

Cannon: Da habe ich wirklich eine Leidenschaft entdeckt, von der ich noch nichts wusste. Ich würde wahnsinnig gerne ein Buch schreiben oder bei einem Frauenmagazin arbeiten. Und ich würde gerne nach London ziehen und reisen. Momentan geht das aber leider noch nicht. Wegen der Behandlungen bin ich noch an das Krankenhaus gebunden.

SPIEGEL ONLINE: Werden Sie den Blog denn weiterführen, wenn Ihre letzten ärztlichen Behandlungen beendet ist?

Cannon: Ja! So lange Leute meinen Blog lesen, so lange werde ich schreiben.

Das Interview führte Gesa Mayr

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insgesamt 3 Beiträge
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Seite 1
spaceview2001 20.10.2013
1. Super...
Wau! Die Frau gefällt mir. Hat eine tolle Einstellung zum Leben.
zahnluecke 20.10.2013
2. optional
Ja, aber sie hat den Krebs auch nicht an der Bauchspeicheldrüse. Ich frage mich, ob die Menschheit jemals was effektives gegen diese heimtückische Krankheit findet.
Johnny Königsmann 21.10.2013
3. Hyperthermie und Insulin potenzierte Chemotherapie sowie B17 (Amygdalin) kann vielleicht helfen.
Ich wünsche Ihnen alles Gute und dass Sie bald wieder gesund werden!
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