Trend-Getränk Teenie-Hype Bubble Tea

In quietschbunter Flüssigkeit schweben Kügelchen, das Gemisch schmeckt nach Mango, Lychee, Joghurt - und ist der letzte Schrei. In immer mehr deutschen Städten eröffnen Bubble Tea Bars. Die Kundschaft ist meist jung, und mit dem Konzept verdienen die Besitzer gutes Geld.
Von Alexandra Duong

In Yusuf Beyaz' Friseursalon kamen die Männer nicht nur für die Glattrasur. Meist saßen Beyaz' Freunde in den abgewetzten Sesseln und diskutierten über Fußball und Politik. Dabei schlürften sie üblicherweise Tee, den starken türkischen. Doch die Zeiten ändern sich. Heute sieht es auf den 50 Quadratmetern aus wie in einem Manga-Comic.

In dem schmalen Laden in Berlin-Kreuzberg stehen heute die 13-jährige Nurit und ihre Freundinnen vor einer pink leuchtenden Theke. Die drei müssen sich entscheiden: Strawberry- oder Peach-Geschmack? Mango- oder Lychee-Popping Bobas? Warm oder kalt? Mit extra Zucker?

Mit Tee hat Bubble Tea auf den ersten Blick nicht viel zu tun. Für 3,50 Euro bekommt man einen Plastikbecher in Größe M, verschweißt, mit Strohhalm. Der Becher ist gefüllt mit einer leuchtenden Flüssigkeit, in der kleine, weiche Kugeln treiben. Vor allem Teenager sind dem neuen Erfrischungsgetränk verfallen.

Bis vor kurzem war Bubble Tea in Deutschland fast unbekannt. Mittlerweile sprechen Eltern von einer "epidemieartigen Ausbreitung", fühlen sich "umstellt": In Deutschland gibt es bereits über hundert, allein in Berlin mindestens 40 sogenannte Bubble-Tea-Bars - Tendenz rasant steigend.

Die Kugeln schmecken wie Gummibärchen ohne Aroma

Bubble Tea kommt aus Taiwan und ist dort extrem beliebt. Um Erfinder und Erfindung ranken sich Mythen. Wahrscheinlich wurde Bubble Tea zuerst in einem Teehaus in Taichung getrunken, einer Stadt an der Westküste der Insel. Dort soll Ende der achtziger Jahre zum ersten Mal gekühlter Tee mit einem Schuss Milch, Zucker und einer Handvoll Tapiokakugeln angeboten worden sein. Die schwarzen Kugeln bestehen aus gekochter Maniokstärke und sind so groß wie ein Cent-Stück.

Man kann sie durch den Strohhalm saugen und kauen; sie haben die Konsistenz von Gummibärchen, aber kein Aroma. Von Taiwan aus verbreitete sich Bubble Tea in Südostasien und weiter, der Trend setzte sich in den Chinatowns Nordamerikas und Australiens fort. Auf dieser Reise wurde das Getränk süßer und bunter. Das Getränk wurde mit Sirupe aufgepeppt oder gleich durch Fruchtmilch ersetzt. Molekularköche kreierten "Popping Bobas", dünnhäutige, mit Saft gefüllte Bällchen. Für die westlichen Teenies eine Alternative zu den Tapiokakugeln.

Die Bubble-Tea-Kette BoboQ führt den Markt an, der erste Laden wurde 2010 in Berlin eröffnet. Dahinter steckt die taiwanische Firma Possmei. Sie produziert und vertreibt all das, was man in einer Bubble-Tea-Bar braucht: Sirupe und Kugeln, Verschweißmaschinen und Shaker.

Der Verkauf des Getränks lief zunächst schleppend. Doch dann kamen die Asiaten, die Bubble Tea kannten, und die Jugendlichen, für die Bubble Tea etwas Exotisches war. 2011 ging es aufwärts, weitere Filialen öffneten. In enger Zusammenarbeit mit Possmei verkauft BoboQ seitdem Lizenzen an Kleinunternehmer. Mit etwa 60.000 Euro ist man dabei. Possmei liefert alles: Zutaten, Tresen und Maschinen für perfekt abgestimmte Arbeitsabläufe, Schulungen für Chef und Personal, Rezepte und Menükarten.

Tarkan Beyaz, der Sohn von Friseur Yusuf, folgte dem Trend. Der 35-Jährige hatte das Geschäft seines Vaters übernommen, aber irgendwann war ihm die Lust am Rasieren und Härchen trimmen vergangen. Er verwandelte den Salon in eine Bubble-Tea-Bar. Beyaz bezieht auch alles von Possmei, gründete aber seine eigene Kette: Bubble O.

Innerhalb weniger Wochen verschwanden Spiegel und Waschbecken, stattdessen sitzen jetzt Nurit und ihre Freundinnen an blanken Tischen und nuckeln an ihren Bubble-Tea-Bechern. Die drei haben ihre Lieblingsmischungen: Green Apple Green Tea mit Mango-Popping Bobas und Yogurt Honeydew mit Lychee-Popping Bobas. Es spritzt und klebt so schön, wenn man die Kugeln durch den Strohhalm schießt. Von ihrem Taschengeld kann Nurit nur ein- bis zweimal im Monat Bubble Tea trinken gehen, das Getränk ist teuer. Sie käme natürlich gern öfter.

Lifestyleprodukt mit hohem Gewinnanteil

An guten, heißen Tagen gehen im BoboQ-Stammgeschäft in der Nähe vom Ku'damm bis zu tausend Becher über die Theke. Auf Nachfrage des SPIEGEL wollen sich Possmei und BoboQ nicht zum Umsatz äußern. Nur so viel: "Simple things make big business". Der Rest sei vertraulich.

Firmengründer Jacky Wang sagte dem Regierungsblatt "Taiwan Today", Possmei wolle der Kaffeehaus-Kette Starbucks Konkurrenz machen. In Taiwan ist Bubble Tea allerdings ein günstiges Getränk zum Mitnehmen, in Deutschland ein Lifestyleprodukt mit hohem Gewinnanteil. Ein Becher, Größe L, mit Tapiokakugeln und extra Popping Bobas kostet etwa vier Euro.

Mitverantwortlich für den Erfolg des Getränks sei "die ungewohnte Sensorik im Mund", sagt Frank Piller. Er ist Professor für Technologie- und Innovationsmanagement an der RWTH Aachen. Piller kennt Bubble Tea seit zehn Jahren, aus seiner Zeit als Gastprofessor in Hong Kong.

Bubble Tea passt es in einen Konsumtrend namens "Mass Customization": Der Kunde stellt beim Kauf verschiedene Teile nach seinem Geschmack zusammen und hat am Ende ein individualisiertes Produkt. Das Unternehmen spart teure Marktforschung. Kann Bubble Tea so mit Starbucks und Co. konkurrieren? "Um sich durchzusetzen, muss ein Trendprodukt ein normales Nahrungsmittel werden", sagt Piller.

Sollte die Bubble-Tea-Blase platzen, ist Tarkan Beyaz vorbereitet. Seine Scheren und Spiegel hat er sorgfältig in einem Hinterraum der Bubble-Tea-Bar verstaut: "Wenn's nicht läuft, kann ich ganz schnell umbauen." Dann würde sich Bubble O zurückverwandeln in einen Friseursalon. Dann gäbe es wieder türkischen Tee, und zwar umsonst.