Bürgerkrieg in Indonesien Das Kalkül der Islamisten

Nach der Naturkatastrophe bricht auch der alte Konflikt zwischen Militär und Rebellen wieder auf. Beide Seiten beschuldigen sich, die vereinbarte Waffenruhe zu brechen. Ein neues Aufflammen der Kämpfe hätte dramatische Folgen. Schon wittern obskure radikal-islamistische Hilfsgruppen ihre Chance und heizen die Stimmung an.

Aus Banda Aceh berichtet


Banda Aceh - Militär ist auf den Straßen der Region Aceh und seiner Provinzhauptstadt in diesen Tagen nichts Ungewöhnliches. Schon vor der verheerenden Flut am Sonntag vor zwei Wochen waren Uniformierte überall in der Krisenregion stationiert. An jeder Straße gab es Checkpoints. Nach dem Erdbeben schickte die Zentralregierung in Jakarta noch mehr Soldaten an die Nordspitze Indonesiens. Leichen sollten sie bergen, aufräumen und die Sicherheit gewährleisten, so die Darstellung in der fernen Hauptstadt Jakarta. In großen Camps rund um das Fußballstadion schlugen die Truppen ihre Zelte auf. Fast freundlich wirken diese meist unbewaffneten Männer. Freundlich winken sie von den Trucks und helfen, wo sie können.

Indonesische Soldaten (in Aceh): Checkpoints an jeder Straße
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Indonesische Soldaten (in Aceh): Checkpoints an jeder Straße

Doch zwei Wochen nach der Flut reißt der Strom an Soldaten in die Region keineswegs ab. Und beim zweimaligen Hinschauen sind es keineswegs mehr normale Truppen in grünen Uniformen, die von Medan aus entlang der Ostküste anrollen. Mehr und mehr nehmen die schwarz verklebten Kleinlaster der Spezialkommandos in und um Banda Aceh Positionen ein, errichten befestigte Stellungen in der Stadt. An den langsam wieder frei geräumten Straßen entlang der Küsten haben sie bereits die ersten Kontrollpunkte errichtet. Die Männer sehen verwegen aus. Komplett in Schwarz und meist mit verspiegelten Sonnenbrillen lehnen sie an den Kleinlastern. Ein scharfes Schnellfeuergewehr baumelt stets im Anschlag über der Schulter. Am Gürtel tragen sie zusätzliche Munition.

Die Anwesenheit der Spezialtruppen ist kein gutes Zeichen für die von der Flut geschüttelte Region Aceh. Mehr und mehr scheint es in den letzten Tagen, das die Hoffnung der internationalen Staatengemeinschaft nicht aufgeht. Die gewaltige Katastrophe hätte theoretisch eine Chance geboten, den alten Konflikt zwischen den Freiheitskämpfern der GAM und der Zentralregierung zu entschärfen. Im Angesicht der Not und der überwältigen Hilfsbereitschaft der internationalen Gemeinschaft, hoffte man zu Beginn der Krise in Washington, anderen westlichen Hauptstädten und auch im Auswärtigen Amt in Berlin, könnten beide Seiten zumindest vorübergehen einen Frieden schließen. Diplomatisch im Ton machte man der Regierung in Jakarta deutlich, dass dies durchaus eine Voraussetzung für die immense Aufbauhilfe sei.

Kleine Scharmützel jede Nacht

Die letzten Tage haben diese Hoffnung zwar nicht zerstört, ihr aber auch keine neue Nahrung gegeben. Noch sind es kleine Zusammenstöße zwischen den Truppen und angeblichen Rebellen. Fast jede Nacht hört man irgendwo um Banda Aceh kurze Feuergefechte. Am nächsten Tag teilt das Militär dann mit, mehrere Rebellen seien nach einer Attacke auf die Truppen getötet worden. Auch wenn keine dieser Meldungen solide verifiziert werden kann, da beide Seiten den anderen beschuldigen, wächst unter den Beobachtern und vor allem auch unter den internationalen Helfern die Angst vor einem Aufflammen des alten Konflikts. Dieser könnte die so oder so schon schwierige Hilfe für Hunderttausende Flutopfer schnell stoppen. Dies würde eine zweite Katastrophe nach der tödlichen Flut unausweichlich werden lassen.

Hilfslieferungen (in Banda Aceh): Merkwürdig viele Spezialtruppen
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Hilfslieferungen (in Banda Aceh): Merkwürdig viele Spezialtruppen

Der Konflikt zwischen Zentralregierung in der GAM tobt seit Jahrzehnten. Während die islamistisch geprägte Rebellenbewegung eine Loslösung der Region aus dem fragilen Gebilde Indonesiens und eine noch striktere Auslegung des Islam anstrebt, fürchtet die Regierung das Abhandenkommen einer an Erdöl und natürlichen Gas reichen Region. Zudem könnte eine vollständige Souveränität für Jakarta eine Kettenreaktion bedeuten, in deren Verlauf das Land komplett auseinander bricht. Aus diesem Grund führt die Regierung seit Jahren einen blutigen und rücksichtlosen Krieg gegen die GAM. Über die Opferzahlen gibt es von beiden Seiten in die jeweilige Richtung übertriebene Zahlen. Tausende sind es jedoch in jedem Fall. Der Krieg gegen die GAM bringt der Regierung zudem reichlich Kritik aus dem Ausland ein.

Besonders blutig wurde der Konflikt in den ersten Jahren des neuen Jahrhunderts. Massiv gingen Regierungs-Soldaten gegen die Rebellen vor, Tausende starben. 2002 schließlich gestand Jakarta der abtrünnigen Nordprovinz eine Art Halbautonomie zu, gestattete die Einführung der Scharia für das Gebiet Indonesiens, in dem der Islam historisch zum ersten Mal Fuß fasste. Gleichwohl blieben die Militärs weiterhin massiv präsent und jagten die Rebellen immer wieder in die Berge. Durch die ermüdende Dauerflucht ist die GAM geschwächt und doch nicht geschlagen. Immer wieder gelangen ihr kleinere Anschläge - auch, weil sie in der meist moslemischen Bevölkerung eine weit reichende Sympathie für ihren Unabhängigkeitskampf genießt.

Auch die Kontrollmechanismen wurden weg gespült

Nach der Flut haben die Militärs ihren starken Griff zum Teil verloren. Zum einen mussten sich die Uniformierten erst einmal um die Folgen der Katastrophe kümmern, zum anderen fielen den Rebellen durch die Massenpanik vermutlich neue Waffen aus Militärlagern in die Hände. Vor allem aber ist ein bis dahin fast perfekt funktionierendes Kontrollsystem von der Flut weggespült worden. Nach ihrer Großoffensive hatten die Behörden allen Menschen in den Städten und Dörfern Personalausweise aufgezwungen, die bei den allgegenwärtigen Straßensperren strikt kontrolliert wurden. Nun sind viele diese Ausweise in den Fluten verschwunden und die alte Fahndung nach potentiellen GAM-Anhängern ist dahin. Diese neue Lage ermöglicht der GAM zumindest theoretisch, wieder in die Städte einzusickern.

US-Außenminister Powell: Fast perfekt inszenierter PR-Feldzug
REUTERS

US-Außenminister Powell: Fast perfekt inszenierter PR-Feldzug

Dort finden die Rebellen nach der Flut eine fruchtbare Basis. Schon jetzt kocht die Gerüchteküche, die Regierung in Jakarta habe viel zu lange mit den Hilfsmaßnahmen gewartet. Auch dass die Machthaber gerade die Amerikaner, die sich in den Jahren zuvor selbst als gut zahlende Touristen kaum nach Aceh trauen konnten, ins Land gelassen haben und dann noch mit Soldaten, lässt wilde Verschwörungstheorien sprießen. Kleine Lücken im perfekt inszenierten PR-Feldzug der USA tun ihr Übriges. Als Außenminister Colin Powell nach Banda Aceh kam, war der Flughafen ganze vier Stunden für Hilfstransporte gesperrt. "Der Minister ist wohl wichtiger als wir", schimpften die Menschen damals.

Abgesehen von der Stimmung in der Region ist die Lage mehr als undurchschaubar. In der Theorie sicherten beide Seiten schon einen Tag nach Flut eine vorübergehende Waffenruhe zu. Seitdem beschuldigen sie sich gegenseitig, diese zu brechen. Die Rebellen berichten indonesischen Zeitungen per Satellitentelefon, das Militär operiere im Chaos der Flut massiv aus der Luft und am Boden gegen sie. Das Militär wiederum verbreitet fast jeden Tag neue Meldungen von Angriffen der GAM auf Hilfstransporte oder Flüchtlinge. Zumindest eins hat sich an dem Konflikt auch der Katastrophe nicht geändert: Keiner der beiden Seiten kann man trauen, keiner der Berichte ist unabhängig zu bestätigen oder als Propaganda zu geißeln.

"Der Krieg ist nicht vorbei"

Das Militär gibt sich unschuldig. "Seit der Tsunami-Welle sind wir ausschließlich damit beschäftigt, Hilfe zu leisten", sagt zum Beispiel der Militärsprecher Ahmad Jani Basuki, wenn man ihn nach der Militärpräsenz fragt. Was allerdings die Hunderten Spezialtruppen in Aceh machen, kann auch er nicht erklären. Jetzt würden die Militärs nur gegen die Rebellen vorgehen, wenn diese die Hilfe stören. Dass es für solche Angriffe auf Laster oder Flüchtlingslager gar keinen logischen Grund gibt, will er nicht sehen. "Dies ist kein Kampf, der über Argumente geführt wird", sagt er. Ein anderer General, offiziell zuständig für die Katastrophenhilfe, drückt es deutlicher aus. "Der Krieg ist nicht vorbei", sagt er, während der am Flughafen einen internationalen Gast nach dem anderen begrüßt hat. Danach bittet er höflich, mit diesen Worten doch lieber nicht zitiert zu werden.

Es sind aber nicht nur die Rebellen, die der Regierung Sorgen machen. Mit der Welle der internationalen Hilfe haben sich in Banda Aceh nicht nur Hilfsorganisationen aufgestellt, die Jakarta recht sind. Mit den gleichen Waffen wie die Internationalen, ersten Notunterkünften und Nahrung führen sie ihren ganz eigenen Feldzug um die "Hearts and Minds".Immer mehr Organisationen mit islamischen und manchmal auch radikal-islamistischem Hintergrund richten ihre Basen in der bis zur Flut komplett abgeriegelten Region auf. Von ihnen könnte in naher Zukunft und in einer Stimmung der Angst und der Hoffnungslosigkeit eine Radikalisierung der Region ausgehen, die der Zentralmacht gar nicht recht ist.

Ausgerechnet am Flughafen, wo im Minutentakt und medienträchtig organisiert amerikanische Hubschrauber mit Verletzten aus noch immer zugänglichen Gebieten landen, steht ein so ein Lager. Nur wenige Meter davon entfernt tun die Amerikaner alles für gute Schlagzeilen. An den Kameras vorbei werden Verletzte in Zelte geschleppt, für kleine Kinder legen die US-Soldaten noch einen Teddy auf den Bauch. Fast könnte man meinen, der Spontan-Einsatz sei eher von der Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit als aus dem Militär-Budget bezahlt worden. Wer es noch immer noch nicht begriffen hatte, musste noch die Zitate von Colin Powell anhören. "Die amerikanische Armee zeigt hier, dass sie muslimischen Ländern nicht feindlich gegenüber steht", lautete seine Message in Banda Aceh.

"Die Amerikaner machen doch nur eine Show"

Die gänzlich andere Hilfsgruppe am Rande des Medienzirkus nennt sich unverblümt "Mudschahedin"-Hilfe. Ein großes Holzschild mit dem Untertitel "Islamic Law Enforcement" vor den Dutzenden Zelten verweist auf ihre Mission. Die jungen Männer vor dem Zelt sind nicht gerade auskunftsfreudig. Aus dem Gebiet Java würden sie kommen, sagen sie nach vielen unbeantworteten Fragen. Wer sie hierher gebracht habe und wer sie bezahle, dürften sie nicht sagen. Das angekündigte Interview mit ihrem Chef findet allerdings nie statt.

Indonesische Soldaten: Auf der Jagd nach Rebellen
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Indonesische Soldaten: Auf der Jagd nach Rebellen

Einzig bei der Frage nach den Amerikanern werden sie deutlicher. "Die USA und Bush machen doch hier nur eine Show für die Welt", sagt der schmächtige Junge. In seinem weißen T-Shirt, Khaki-Hose und Flip-Flop-Sandalen entspricht er bis auf eine alte chinesische Kalaschnikow ziemlich genau dem Klischee eines schlecht ausgerüsteten Islam-Hobby-Kämpfers. "Wir werden uns auch noch in mehreren Wochen, zur Not auch in Monaten oder Jahren um die Menschen hier kümmern", sagt er und grinst.

In der Stadt selber finden sich Dutzende anderer solcher Gruppen ein. Aus dem Jemen, dem Iran und auch aus Saudi-Arabien sind sie angereist. Vordergründig helfen sie den Menschen und geben darüber auch gern Interviews. Bei Fragen nach dem langfristigen Hintergrund ihrer Missionen oder der Finanzierung jedoch sind sie zurückhaltend. "Es ist doch nichts Schlechtes, wenn wir abends alle zusammen beten", sagt ein junger Mann aus dem Jemen, der den weiten Weg nach Aceh angetreten hat. Auch er glaubt, dass die USA hier schneller wieder verschwinden werden, als die Trümmer aus den Straßen. Dann aber seien sie immer noch für die Menschen da.

Die Flut als eine Strafe Gottes

Nicht nur der Einfluss die Fremdorganisationen lassen befürchten, dass die Flut in Aceh radikalen Islamisten mehr Kundschaft ins Haus spülen könnte, als Jakarta aber auch der restlichen Welt lieb sein kann. Auch in den Moscheen haben die Predigten einen eindeutigen Inhalt. "Warum hat uns Allah so sehr gestraft", predigte einer der einflussreichsten Kleriker beim traditionellen Gebet vergangenen Freitag, "liegt es vielleicht daran, dass viele in Aceh das Beten verlernt haben oder die Jungen zu nah bei den Jungen sitzen?"

In indonesischen Zeitungen werden solche Theorien von einer Strafe Gottes noch deutlicher kommentiert. "Wir müssen zurück auf den richtigen Weg", schreibt zum Beispiel ein radikaler Kommentator, "und dieser führt nur über eine Rückkehr auf den Weg Allahs."



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