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Enthüllungen Bürzelträger in den Knast

Harte Zeiten für Donald, Dagobert und den Rest: Juristen prüfen den »Fall Entenhausen«.
aus DER SPIEGEL 2/1995

Die Liste der Anklagepunkte ist lang, und sie ist erschreckend: Menschenraub, Verstöße gegen das Kriegswaffenkontrollgesetz, schwerer Wucher, um nur die schlimmsten Vorwürfe zu nennen.

Nahezu unfaßbar allerdings, daß diese Taten seit über 60 Jahren weltweit vor den Augen der Öffentlichkeit begangen werden; noch dazu dient die Zurschaustellung der Missetaten vor allem Kindern und Jugendlichen als unterhaltsamer Zeitvertreib.

Denn während Pädagogen, Medienexperten und Politiker um die Brutalität von Computerspielen und TV-Serien wie »Power Rangers« streiten, zersetzen andere Bösewichte unzensiert die fragilen Seelen der Kleinen - und werden dafür sogar noch im Feuilleton gefeiert: die Familienmitglieder der Donald-Duck-Entenbrut. Gleiches Strafrecht für Bürzelträger: Unter dieser Devise haben sich nun erstmals Juristen darangemacht, den »Wust schwerster Straftaten« aufzulisten, der in jeder Ausgabe der »lustigen Geschichten« um Donald Duck, Dagobert und Co. ungeniert präsentiert wird.

Das unter dem Namen Botho Bremer schreibende Autorenteam legt mit seiner Untersuchung »Der Fall Entenhausen"* eindeutiges Beweismaterial vor, wodurch, so die Ankläger, »ein Einschreiten der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften angezeigt sein dürfte«.

Allein die Verbrechen von Dagobert Duck, dem steinreichen Onkel der Sippe, _(* Botho Bremer: »Der Fall Entenhausen«. ) _(Eichborn Verlag, Frankfurt am Main; 112 ) _(Seiten; 16,80 Mark. ) sollten nach Meinung der Autoren für mehrere Jahre Entenhausener Knast ausreichen. Betrachtet man die ebenso lange wie ertragreiche Vita des Alten, so die Verfasser, könne man nur zu der »trostlosen Feststellung« kommen, »daß dieser von Habgier und Geiz geprägte Mann den allergrößten Teil seines Geldes auf unrechtmäßige Weise erlangt haben muß«.

Neben den bereits aufgeführten Straftaten moniert das Kollektiv »Bremer« auch Dagoberts Verstöße gegen das Kartellgesetz (Paragraph 26 GWB: Schädigung der Volkswirtschaft durch einen rüden, auf Vernichtung anderer zielenden Verdrängungswettbewerb) sowie die von ihm verursachten gefährlichen Körperverletzungen (Paragraph 223a StGB) bei der Verteidigung seines Geldspeichers.

Auch die übrigen Familienmitglieder sollen nicht ungestraft davonkommen. So weist die nur vordergründig harmlose Jugendgruppe »Fähnlein Fieselschweif« der drei Neffen Tick, Trick und Track alle Anzeichen einer - logisch gesetzeswidrigen - paramilitärischen Organisation auf.

Von richterlicher Strenge sieht sich auch der geniale Erfinder Daniel Düsentrieb bedroht: Zumindest nach Paragraph 311 StGB (Strafbare Herbeiführung einer Sprengstoffexplosion) und Paragraph 39 Gentechnikgesetz (für die Erschaffung seiner halb-organischen Maschine »Helferlein").

Exhibitionismus allerdings kann den Ducks nicht angelastet werden. Ihr unablässiges Vorzeigen des entblößten Unterleibs erfüllt nicht den Tatbestand des einschlägigen Paragraphen 183 StGB: Dafür muß sich irgend jemand von dieser Zurschaustellung sexuell berührt oder bedrängt fühlen - dieses, so »Botho Bremer«, sei nicht der Fall.

Dennoch muß »Der Fall Entenhausen« als bislang dritter und - wegen seiner strafrechtlichen Relevanz - weitaus bedrohlichster Generalangriff auf die gestrichelte Bande der Walt Disney Company gelten. Schon in den sechziger Jahren hatten Pädagogen sich wegen der stilbildenden Stümmelsprache ("Ächz, stöhn, seufz") der Ducks öffentlich um die Kommunikationsentwicklung von Kindern, Jugendlichen und degenerierten Erwachsenen gesorgt.

Die kritischen Geister des 68er-Aufbruchs entlarvten dann die systemerhaltende »Funktion der Ente im Spätkapitalismus«, so ein offenkundig unter Pseudonym schreibender »Grobian Gans«. Donald Duck, der »Liebling der Linken«, sei in Wahrheit ein »autoritärer, latent faschistischer Kleinbürger mit verkrüppelter Sexualität«, bei den Ganoven der Panzerknacker AG, so Gans, handle es sich um »kleinbürgerliche Kriminelle, die sich in blindem Aktionismus austoben«.

Doch außer Aufregung unter den fanatischen Anhängern der nun enttarnten kriminellen Enten-Vereinigung, die sich »Donaldisten« nennen, blieben die Vorwürfe gegen den Duck-Clan bisher folgenlos. Dies könnte sich nun mit dem »Fall Entenhausen« ändern.

Die Stadt repräsentiere eine »unheile Scheinwelt«, kommentiert »Botho Bremer«. Nach sorgfältiger Prüfung aller Vorwürfe dürfte die Mindeststrafe für Dagobert, Donald und den Rest bereits feststehen: die Freigabe ihrer Abenteuer erst ab 18 Jahren. Y

* Botho Bremer: »Der Fall Entenhausen«. Eichborn Verlag, Frankfurtam Main; 112 Seiten; 16,80 Mark.

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