Fragwürdiges Bauprojekt Wie es zwei Senioren ergeht, die in Bulgarien ihren Lebensabend verbringen wollen

Die Rentner Peter und Kitty Fromm sind nach Bulgarien gezogen - ein Seniorendorf versprach Altern in Würde, für schmales Geld. Nun müssen sie bangen: Wird ihr Haus je gebaut?

SPIEGEL TV

Von Ralph Quinke


Eigentlich ist es ein attraktives Angebot für Ruheständler, die hierzulande nicht über die Runden kommen, weil die Rente schon am 20. des Monats aufgebraucht ist: Ein Dorf im Nordosten Bulgariens, nicht weit vom Strand, nur für Deutsche, Schweizer, Österreicher.

Eine deutschsprachige Enklave für 170 Einwohner, mit Restaurant, Supermarkt, Pool, Carsharing und ärztlicher Versorgung rund um die Uhr, selbstverständlich behindertengerecht. Ein Haupthaus, 27 Bungalows, 80 Quadratmeter für 88.000 Euro oder, alternativ, 300 Euro Monatsmiete. Bei 800 Euro Rente bleiben noch 500 zum Leben. Und das ist nicht wenig in Bulgarien.

Auch Peter Fromm, 84, interessiert sich für das Seniorendorf. Elf Jahre hat er mit seiner Frau Kitty, 79, in einer Mietwohnung im badischen Weinort Ihringen gelebt. Dann kommt die Kündigung. Eigenbedarf. Die Fromms sehen sich um nach einer vergleichbaren Wohnung, zu einem vergleichbaren Preis. Erfolglos.

Das spanische Vorbild - unauffindbar

Ein Bekannter erzählt ihnen von der geplanten Rentnerresidenz im bulgarischen Ezerets. Peter Fromm ist sofort Feuer und Flamme: Eine echte Alternative zu Deutschland! Zwar ist das Dorf noch nicht fertiggestellt, aber der Bauherr verspricht: Im Herbst 2018 können die Fromms in ihren Bungalow einziehen.

Ingo Holke, 64, deutscher Investor mit Wohnsitz Spanien, hat das Projekt geplant. SPIEGEL TV trifft ihn im März 2018 und lässt sich das Gelände von ihm zeigen. Die ersten Häuser, sagt Holke vor laufender Kamera, könnten "im nächsten Herbst" bezogen werden, die gesamte Anlage soll im März 2020 fertig sein.

Ein vergleichbares Dorf will Holke in Spanien realisiert haben. Doch wer nachfragt, wo genau das liegt, wie es heißt, wer dort lebt, und ob man es im Internet anschauen kann, erhält keine oder eine ausweichende Antwort.

März 2018: Kitty und Peter Fromm ziehen aus. In ihrem betagten Peugeot 207 Kombi brechen sie auf Richtung Bulgarien. 2228 Kilometer in drei Tagen, über Österreich, Ungarn, Rumänien, ohne Navi. Weil das Seniorendorf noch nicht fertig ist, hat Bauunternehmer Holke den Fromms ein Übergangsdomizil vermittelt: Ein Haus am Hang im Küstenort Balchik, Meerblick, 300 Euro Miete.

Das dreistöckige Gebäude ist alles andere als eine gute Dauerlösung: Den beiden fällt das Gehen schwer, sehr schwer: Peter Fromm hat Krebs, die Treppen machen ihm heftig zu schaffen. Kitty Fromm leidet unter Arthrose und Osteoporose, zwei Wirbel sind gebrochen, der Rücken schmerzt unaufhörlich, jeder Schritt eine Qual.

Ingo Holke, Bauunternehmer
SPIEGEL TV/ Ralph Quinke

Ingo Holke, Bauunternehmer

Doch Peter Fromm ficht das nicht an. Obwohl im März erst eins von 28 Häusern steht, geht er fest davon aus, im Herbst seinen Bungalow zu beziehen.

August 2018. Die Fromms besuchen Ezerets, den Ort des geplanten Seniorendorfs. Ein zweites Haus ist fertig. Aber es gibt keinen Strom, kein Wasser, keine Straße. Und offensichtlich ruhen die Bauarbeiten schon seit Wochen. Auf dem Grundstück wuchert das Unkraut, Bauschutt und Gerüste liegen herum.

Wo ist Ingo Holke?

Wie es scheint, ist Investor Holke das Geld ausgegangen. In Bulgarien hat er sich schon länger nicht mehr blicken lassen. Auf Anfragen von SPIEGEL TV reagiert er nicht mehr.

Doch Peter Fromm bleibt optimistisch. Bestimmt im nächsten Frühjahr könnten er und seine Frau in ihren Bungalow ziehen, sagt Fromm. Einen Plan B bräuchten sie nicht. Nur gut, dass sie sich nicht für einen Kauf entschieden haben, solange sie nicht einziehen, entstehen ihnen keine Mietkosten.

Kitty und Peter Fromm, Rentner
SPIEGEL TV/ Ralph Quinke

Kitty und Peter Fromm, Rentner

Januar 2019. Es ist kalt geworden in Bulgarien. Der Zustand von Kitty Fromm hat sich weiter verschlechtert. Ihr Schlafzimmer im ersten Stock des Hauses verlässt sie nur noch selten. Die Schmerzen bekämpft sie mit Medikamenten, Ibuprofen 800. Die empfohlene Tagesdosis: zwei bis drei. Kitty Fromm nimmt manchmal sechs.

Dringend müssten die Fromms raus aus dem dreistöckigen Haus, in ein ebenerdiges, behindertengerechtes Gebäude. In den Bungalow in Ezerets.

Doch auf dem Gelände des Seniorendorfs hat sich seit dem Sommer nichts getan: Zwei Häuser, null Infrastruktur. Es braucht reichlich Phantasie, sich vorzustellen, dass in Ezerets in wenigen Monaten deutsche Senioren leben werden. Aber Peter Fromm ist sich ganz sicher: Spätestens im April werden sie umziehen.

Mehr dazu in der SPIEGEL-TV-Reportage am Dienstag, 29.01.2019, 23:10 Uhr auf Sat.1: "Rentnerparadies Bulgarien? Wenn der Traum zum Albtraum wird"
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insgesamt 20 Beiträge
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Seite 1
rohanseat 29.01.2019
1. für mich ein riesen rätsel
Ich lebe seit17 jahen in Rumänien.-bin zwar durch meine arbeit hierher gekommen aber als rentner geblieben.--Ich begreife nicht wie schnell menschen zu so etwas überredet werden können.Auch wenn die rente nicht berauschend ist so kann doch nicht der verstand abgeschaltet werden.-Ich habe den film vor einiger zeit gesehen.-Bei ankunft hätten die "jungen" abenteuerer doch merken müssen das da etwas nicht stimmt.-Ich denke da wird nie etwa entstehen denn ohne einen investor kann keine infrastruktur entstehen. So wie auch in Rumänien kommt von der regierung / veraltung nur selten etwas.Ich habe lange gesucht bis ich "mein" dorf gefunden hatte.-Mit "annehmbaren wegen" und relativ guter versorgung. Dazu das problem mit der sprache.--Ein beispiel ist mein ehemaliger kollege der es mir nach gemacht hat.-Er bereut es zutiefst nicht wieder nach Dutschland gegangen zu sein- Ob ein jeder so einfach in einem fremden land leben kann wage ich zu bezweifeln.-Wenn ich gefragt werde so ist meine antwort "ich kann hier leben!!" ob andere ? Es tut mir leid wegen der alten leute die da reingelegt wurden. Ich hoffe aber das der film und bericht ein weckruf sind nicht "in jede masche von betrügern zu fallen."
reinerotto 29.01.2019
2. Lebe sehr gerne in BG
Bin seit fast einem Jahr in BG, an der Kueste. Es gibt hier eine immer groesser werdende Gruppe von deutschen Rentnern, die, so wie ich, hier wesentlich besser von ihren Einkunften leben koennen als in D. Das Beste ist, hier zunaechst mal auf Erkundungstour zu gehen, bevor man ganz auswandert. Die lokalen Gruppen von Deutschen hier sind gerne hilfreich dabei.
spon_3501918 29.01.2019
3. Wie kann man im Alter mit Gesundheitsproblemen in den Ostblock ziehen?
Bekannte hatten auch alles in D verkauft. Schon vor 25 Jahren. Haben sich ein Haus in GR gekauft und sind dorthin gezogen. Dann 5 Jahre später kamen die Gesundheitsprobleme und 2 Jahre später war in GR wieder verkauft und sie wieder in D da hier einfach die Gesundheitsvorsorge doch ein ganz anderes Niveau hat. Ich denke das wird in BG auch nicht viel anders sein.
xysvenxy 29.01.2019
4. Ich verstehe da was nicht...
Bulgarien. Da kann es doch nicht so schwer sein in dem Land eine bezahlbare Wohnung zu finden (eben im Rahmen von 300€/Monat) die sich nicht über 3 Stockwerke erstreckt sonder halbwegs seniorengerecht ist.
totalausfall 29.01.2019
5. Finde die Idee gut
und sehe dort auch einiges an Potential, unser Rentenproblem teilweise zu lösen. Für die 1800€ aufwärts, die hier für ne Unterkunft im Heim ohne Pflegestufe fällig werden, kann man im wunderschönen Bulgarien (beispielsweise) auch 4* superior residieren, mit gutem essen, netten Pflegern und ärztlicher Versorgung. Dann braucht man auch die Fachkräfte aus den Ländern nicht abzuziehen und hier her zu locken, man könnte dort einen ganzen "Rentner - Wirtschaftszweig" aufbauen. Win-Win für alle. Natürlich müsste das ganze seriöser laufen als bei diesem gescheiterten Projekt. Am besten mit Beteiligung vom Staat, der das auch offiziell als "Renten Option" übernimmt. Ist doch ein besseres Angebot als der andere Vorsorge-Unsinn.
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