Bundeswehr im Flut-Einsatz Operation Sandsack

Es ist der größte humanitäre Einsatz der Bundeswehr innerhalb Deutschlands: Bis zu 19.000 Soldaten helfen beim Kampf gegen das Hochwasser. Zuweilen ist diese Militärpräsenz gespenstisch - doch die Leute in den Flutgebieten haben ihre Armee schätzen gelernt.

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Von Rainer Leurs, Osterholz


Es fällt leicht, bei einer Fahrt durch Sachsen-Anhalt an ein Kriegsgebiet zu denken. An den Ortseingängen haben sie die Sandsäcke zu kleinen Mauern aufgeschichtet, wie Stellungen im Häuserkampf. Immer wieder brausen Armee-Geländewagen über die schnurgeraden Landstraßen, donnern Konvois aus Lastern, Transportpanzern und Mannschaftsbussen durchs Land. Und dann knattern da, je näher man der Elbe kommt, die Militärhubschrauber am Himmel. Ihr Dröhnen bis tief in die Nacht gehört für die Leute in Stendal, Wittenberge oder Tangermünde längst zum Alltag.

Das ist die andere Seite der Flutkatastrophe dieses Sommers: Natürlich helfen Tausende Freiwillige beim Sandschippen und Säckeschleppen, natürlich arbeiten Feuerwehr, Polizei und Technisches Hilfswerk bis zum Umfallen. Aber es sind eben auch die bis zu 19.000 Soldaten, die sich zu Spitzenzeiten bundesweit an den Hilfsaktionen beteiligen. Nach eigenen Angaben ist es der größte humanitäre Inlandseinsatz in der Geschichte der Bundeswehr. Die Armee, die zuletzt vornehmlich mit dem gescheiterten Drohnenprojekt von sich reden machte, produziert nun positive Schlagzeilen - und erkämpft sich damit die Zuneigung der Leute.

Tatsächlich scheinen die Bewohner Sachsen-Anhalts kein Problem mit der Militärpräsenz vor ihrer Haustür zu haben. Die gemeinsame Arbeit an den Deichen, sie hat die Menschen zusammengeschweißt. "Was wir alleine nicht schaffen, das schaffen wir dann zusammen", singt Xavier Naidoo in einer schmalzig-schönen Klangcollage, die der örtliche Radiosender SAW regelmäßig spielt: Ergriffen vor Rührung bedanken sich darin von der Flut getroffene Menschen bei den Helfern, gerade bei jenen der Armee. "Danke Bundeswehr!", solche selbstgemalten Schilder hängen an vielen Stellen entlang der Straßen.

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Hochwasser in Sachsen-Anhalt: Letzte Rettung Luftbrücke
Blechkuchen für die Soldaten

Auf breiter Front durchgesetzt hat sich inzwischen auch die Versorgung der Truppe mit selbstgebackenem Blechkuchen. "Wir waren ja auch erst da, um Sandsäcke zu füllen", sagt Liane Gieschler aus Iden. "Aber da war es zu voll, da haben wir uns nur die Schippen an den Kopf gehauen." Stattdessen hat sie sich das Catering der Soldaten zur Mission gemacht; gemeinsam mit ihrer Tochter ist sie heute auf dem Deich in Osterholz unterwegs: Einige Dutzend Soldaten ackern dort oben in durchgeschwitzten Unterhemden; unter höflichem Gejohle nehmen sie die Kuchenstücke und Kaffee aus Pumpkannen entgegen.

"So ein positives Verhältnis zur Zivilbevölkerung habe ich noch nie erlebt", sagt Bundeswehrsprecher André Sabzog. "So viel Pizza und Kuchen, wie uns die Leute hier bringen, können wir gar nicht essen." Dass die Hochwasserkatastrophe für die Truppe auch eine einmalige Gelegenheit ist, ihr Image aufzupolieren, bestreitet er vehement: "Wir tun hier nicht bewusst etwas, um gut auszusehen", sagt er. "Wie tun hier was Gutes, und deshalb kommen wir bei den Leuten gut an. So wird ein Schuh draus."

Doch die enorme Wirkung, die von den Bildern bis zur Erschöpfung arbeitender Soldaten ausgeht, ist in Wahrheit natürlich auch der Armee bewusst. "Eigentlich sollten wir hier ein Karrierecenter aufmachen", witzelt Holger Peterat, Oberstleutnant und verantwortlich für alle Bundeswehrkräfte am Westufer der Elbe im Landkreis Stendal. "Für die jungen Burschen ist das natürlich toll, was wir hier machen." Und dann muss er sich auch schon ins Gras ducken und seine Sonnenbrille festhalten, denn gerade donnert ein mächtiger Transporthubschrauber über die Köpfe der Männer; er soll einen prall mit Sand gefüllten Bigbag an der kritischen Stelle im Deich von Osterholz absetzen.

Ein Riss im Deich

Osterholz, das ist eine winzige Ansiedlung direkt am Elbufer, einige Kilometer nördlich von Stendal: ein verlassener Hof, viel Matsch, dazwischen Wohnhäuser und eine einzige Straße, die "Dorfstraße" heißt. Im Deich, der hier verläuft, haben sie gestern Nachmittag einen Riss entdeckt. Seitdem fahren die Helfer in Osterholz alles auf, was geht: 500 Soldaten sind vor Ort, dazu 300 Feuerwehrleute und das THW. Endlos stehen an der Zufahrtstraße Feuerwehrfahrzeuge Stoßstange an Stoßstange; matt zerren sich ausgepumpte Helfer die Stiefel von den nassen Strümpfen.

Und alle Minute bollert ein weiterer Hubschrauber mit Sandbeutel am Haken über die Flutwiesen: Die kaputte Stelle im Deich ist über Land kaum noch zu erreichen, deshalb müssen jetzt die Helikopter ran. Bis knapp über die Köpfe der Männer gehen sie runter, viele Meter weit stieben Wassertröpfchen aus der trüben Elbe. Barfuß stehen zwei Soldaten unten an der Basis des Deiches und weisen den Piloten ein, der nach dem Absetzen des tonnenschweren Pakets gleich durchstartet, um neuen Sand zu holen.

Thies Knudsen war bis gestern Leiter der Truppen in Wittenberge, etwas weiter nördlich an der Elbquerung. Weil sein Bataillon abgelöst wurde, ist auch er inzwischen in Osterholz gelandet. "Die waren dort fast traurig, dass wir abgezogen sind", sagt Knudsen über die Menschen in Wittenberge. "Jeden Tag um die gleiche Uhrzeit kamen zwei Frauen mit Bollerwagen und brachten Kuchen." Solche Erfahrungen haben sie fast alle in den Flutgebieten gemacht. Ein Oberleutnant berichtet, in der provisorischen Unterkunft seiner Truppe gebe es täglich ein Abendessen, das die Bevölkerung organisiere: Dinner in der Turnhalle, jeden Tag sei eine andere Straße dran mit Kochen. Abgesprochen werde das wohl über Facebook, schätzt er.

Die Bundeswehr gewinnt die Herzen

Getragen von einer Flutwelle, so scheint es, hat die Armee in Sachsen-Anhalt die Herzen der Leute erkämpft. Da ist es dann auch verschmerzbar, dass man alle paar Kilometer von der Straße runter muss, weil ein Konvoi vorbeirollt. Dass Uniformierte und Panzerwagen zum Straßenbild gehören. Und dass man nachts vom Rotorenlärm nicht schlafen kann.

"Klar, die vielen Hubschrauber machen die Leute ein bisschen verrückt", sagt Andreas Bethge von der Freiwilligen Feuerwehr in Schwarzholz. Auch er hilft mit, beim Absichern am Deich. "Aber wir kennen das ja schon, vom Hochwasser 2002. Und die Zusammenarbeit mit der Bundeswehr ist absolut einwandfrei." Dann nimmt Bethge seine Frau in den Arm, die er heute zum Einsatz mitgebracht hat. Sie ist im neunten Monat schwanger, mit dickem Babybauch steht sie am Biertisch und verteilt Kuchen, Kaffee, Saft. Verpflegung für die Helfer.

insgesamt 105 Beiträge
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Seite 1
shardan 11.06.2013
1. Ist doch gut.
Diese Form des "Einsatzes im Inneren" kann ich absolut billigen. Besser als stumpfsinniger Drill allemal. Ob dabei nun gewollt oder ungewollt ein besseres Bild der BW herauskommt, ist eine Marginalie, nicht der Erwähnung wert.
fotograf-ffm 11.06.2013
2.
"Danke Bundeswehr!", solche selbstgemalten Schilder hängen an vielen Stellen entlang der Straßen. Genau das Foto fehlt leider....
jnhmsbn 11.06.2013
3. ????????
Wunder sich da tatsächlich jemand, dass die Bevölkerung dankbar ist, wenn Ihre Häuser vor dem Hochwasser gerettet werden?
d3v1l 11.06.2013
4. Wusste...
... gar nicht das Jagdpanzer unterwegs sind. Oder viel besagte Schwimmpanzer - der nicht (mehr) schwimmen kann, weil er Transportpanzer heißt? Ein wenig mehr Recherche kann helfen!
rddr 11.06.2013
5.
Wir alle sind der Bundeswehr und jedem einzelnen Soldaten zu Dank verpflichtet und ich bin sicher, jedes Flutopfer, dem die Bundeswehr in diesen Tagen irgendwie geholfen hat, wird unsere Soldaten in guter Erinnerung behalten. Vergesst das nicht, wenn irgendwann mal wieder, aus welchen Gründen auch immer, auf die Armee eingedroschen wird. Auffallend ruhig sind zur Zeit alle die, die so gerne die Bundeswehr in den Dreck ziehen und am liebsten von heute auf morgen abschaffen würden.
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