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Flut in Burma: Land unter im Irrawaddy-Delta

Foto: Verena Hoelzl

Monsun in Burma Die schleichende Katastrophe im Irrawaddy-Delta

Mehr als eine Million Menschen sind vom Hochwasser in Burma betroffen. Bis die Folgen der Flut beseitigt sind, können Jahre vergehen. Viele Bauern fürchten um ihre Existenz.
Von Verena Hölzl

Obszön schön glitzert die braune Brühe im Licht. Zwischen den dicken grauen Monsunwolken schieben sich ein paar einzelne Sonnenstrahlen hervor, sie verleihen der Szenerie etwas Unwirkliches. Wo Bauern vor der Flut Reisfelder bewirtschafteten, wo ihr Vieh graste und sie mit ihren Familien Bambushütten bewohnten, steht nun das Wasser meterhoch.

Eine Fahrt im Irrawaddy-Delta von Burma. Wasser, soweit das Auge reicht. Verlassene Hütten und Baumwipfel ragen wie verstreute Inseln heraus. Dazwischen treiben in großen Fetzen dichte Knäuel dunkelgrüner Pflanzen.

Fast zwei Stunden knattert das Boot über das Wasser, ehe in einer entlegenen Gegend nördlich der Stadt Bassein ein kleines Dorf auftaucht. Hier wohnt Ma Phyu Wine, 33 Jahre alt, im achten Monat schwanger.

Erst vor Kurzem konnte sie mit ihrer Familie in ihre Stelzen-Hütte zurückkehren. Das Wasser stand drinnen einen halben Meter hoch. Nun schlagen die Wellen nur noch von unten gegen den Boden aus Brettern und Bambusrohren. Staatliche Hilfe ist hier bisher nicht angekommen, die Vorräte werden knapp. Einen halben Sack Reis und sechs Flaschen Wasser habe sie noch, sagt Ma Phyu Wine.

Burma leidet unter einer der gravierendsten Naturkatastrophen seiner Geschichte. Nachdem es im Juli besonders heftig regnete und die Ausläufer eines Zyklons den bitterarmen Staat trafen, kämpfen weite Teile des Landes mit Überflutungen und Erdrutschen. In vielen Gegenden ist das Wasser inzwischen zurückgegangen, und die Aufräumarbeiten haben begonnen. Doch überstanden ist die Katastrophe noch lange nicht - schon gar nicht im Dorf von Ma Phyu Wine.

"Massive Krise"

In den Fluten treiben Wasserpflanzen

In den Fluten treiben Wasserpflanzen

Foto: Verena Hoelzl

Im Irrawaddy-Delta sind sie zwar auf Überflutungen eingestellt, aber dieses Mal steht das Schlimmste womöglich noch bevor. Hier laufen die Wassermassen aus mehreren Flüssen des Landes zusammen, ein Ende des Regens ist nicht in Sicht. Etwa neun Monate werde es dauern, bis das Wasser hier zurückgegangen ist und die Schäden einigermaßen behoben sind, schätzen Anwohner im Dorf von Ma Phyu Wine.

In manchen Gegenden könne es sogar drei Jahre dauern, bis die Lebensumstände wieder so seien wie früher, sagt Nicolas Louis. Er ist Leiter der Generaldirektion für humanitäre Hilfe und Katastrophenschutz der EU-Kommission (ECHO) in der ehemaligen Hauptstadt Rangun. "Es handelt sich um eine massive Krise, und die internationale Gemeinschaft unterschätzt die noch nicht sichtbaren Konsequenzen dieser Flut, die vor allem die ärmsten Gegenden des Landes traf", sagt Louis.

Fast 120 Menschen sind bisher gestorben. Sie ertranken, wurden nach Erdrutschen von Häuserteilen erschlagen oder starben an Schlangenbissen. Schulden, Unterernährung, zerstörtes Ackerland, verendetes Vieh und eine schlechte hygienische Situation dürften die Opferzahl noch weiter nach oben schrauben, warnt Nicolas Louis. Das bekommen aber deutlich weniger Menschen mit. "Für das Echo in der Öffentlichkeit zählt eben leider immer nur die Zahl der imminenten Todesopfer."

Louis rechnet vor, dass auf jeden der geschätzt 1,6 Millionen betroffenen Burmesen nur rund 30 Dollar Hilfsgelder kommen. Umso wichtiger sei der außergewöhnliche Einsatz der burmesischen Zivilgesellschaft. Im Bus, in Restaurants, an Straßenkreuzungen, bei Benefizkonzerten und in den sozialen Netzwerken: Überall wird dieser Tage in Rangun für die Flutopfer gesammelt. Auf die Regierung allein scheint man sich nicht verlassen zu wollen.

Als 2008 wegen Zyklon Nargis mehr als 100.000 Menschen starben, ließ die überforderte Militärjunta zunächst keine internationalen Hilfsorganisationen ins Land. Das hat sich geändert. Die Uno lobte die Regierung kürzlich für ihr Katastrophenmanagement. Die Regierung gebe ihr Bestes. Und doch kann sie nicht überall helfen.

Nur ein Huhn ist noch da

Ein einziges Huhn ist dem Bauern geblieben

Ein einziges Huhn ist dem Bauern geblieben

Foto: Verena Hoelzl

Im Dorf von Ma Phyu Wine hat der Reisbauer Mo Kaing seine Familie zu seiner Schwiegermutter in Sicherheit gebracht. Ihr Haus liegt höher als seines. Nur ein Huhn ist noch da, das aufgeregt zwischen dem Giebel und einer Baumkrone, die aus dem Wasser ragt, hin- und herspringt.

Er habe Schulden, erzählt Mo Kaing. Er müsse trockenes Brennholz vom Festland abbezahlen und das Boot, das er kaufte, um sich in den Fluten fortbewegen zu können. Gleichzeitig könne er kein Geld verdienen, weil sein Feld unter Wasser stehe.

Mo Kaing ernährt sich und seine Familie von selbstgefangenem Fisch. "Das machen alle so. Vielleicht gibt's deshalb bald keinen Fisch mehr", sagt er und freut sich über seinen Scherz.

Die Zukunft sieht für den Reisbauer ganz und gar nicht rosig aus, aber er stimmt kein Klagelied an. "Wer weiß", sagt er, "vielleicht ist der Schlamm, den die Wassermassen auf meinem Feld hinterlassen werden, ja guter Dünger."

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