Burma Helfer müssen Medikamente auf Schleichwegen schmuggeln

Die Spendengelder gehen ihnen aus, und der Geheimdienst lässt sie nicht ins Katastrophengebiet: Ausländische Helfer in Burma müssen tricksen, um die Überlebenden der Zyklon-Katastrophe zu versorgen. Ein deutscher Krankenpfleger hält durch - er muss sich auch über kleine Erfolge freuen.

Aus Rangun berichtet Ulrike Demmer


Rangun - Leise Jazzmusik erfüllt die Lobby. Junge Burmesinnen in langen Seidenkleidern tänzeln zwischen den großen, mit Brokat bezogenen Sesseln und servieren mal Cocktails, mal Tee mit Gebäck.

Doch der Mann in der hintersten Ecke dieser prunkvollen Säulenhalle interessiert sich nicht für Tee mit Gebäck. Hans Musswessels, ein Mann in Treckingsandalen, mit Fünftagebart, spricht über Not und Elend knapp 200 Kilometer von hier entfernt.

Helfer Musswessels mit Kollegen bei einer Besprechung: "Alles ist möglich"
Arche Nova

Helfer Musswessels mit Kollegen bei einer Besprechung: "Alles ist möglich"

Musswessels ist in die burmesische Hauptstadt Rangun gekommen, um den Opfern des Zyklons Nargis zu helfen. "LandsAid" steht auf dem Rücken seiner Arbeitsweste geschrieben. "Aid" - Hilfe, das ist in diesen Tagen ein gefährliches Wort. Denn Hilfe ist in Burma nicht erwünscht. Hilfsgüter soll das Ausland zwar liefern. Verteilen will das Militärregime diese aber selbst. Soldaten, Polizisten und Geheimdienstler versperren Helfern wie Musswessels den Weg in den Süden des Landes, in das vom Sturm verwüstete Irrawaddy-Delta.

Sogar die LandsAid-Kiste mit Medikamenten für rund 10.000 Menschen muss hier undercover reisen, beklebt mit den Aufklebern des World Food Programms, weil sie als Ladung der Vereinten Nationen größere Chancen hat.

So etwas hat Musswessels noch nicht erlebt. Der gelernte Krankenpfleger hat sich mit den arabischen Reitermilizen in Darfur arrangiert, er hat im Libanon-Krieg und bei den jüngsten Unruhen in Kenia unzählige Menschen verarztet. Nicht ungefährlich. Aber irgendeinen Weg gab es immer. So muss es auch in Burma einen Weg geben, eine Weg für sein Ärzteteam und die Kisten mit Medikamenten für 10.000 Leute. "Alles ist möglich", sagt Musswessels. Alles ist möglich, das ist das Mantra des Katastrophenhelfers.

Helfen sei wie ein Rausch, erklären Katastrophenhelfer, wenn sie erzählen sollen, warum sie auf Familie, Doppelhaushälfte und Jahresurlaub verzichten, um in den Krisengebieten dieser Welt monatelang Latrinen zu bauen, die Cholera zu bekämpfen und Brunnen zu bohren. Es sei wie ein Rausch, weil die Katastrophe alle bürokratischen Hürden gleich mit wegfegt, weil der Helfer nach der Katastrophe die schnellen Erfolge seiner Hilfe sieht. In Burma bleibt der Rausch aus.

Nur noch Einheimische können die Polizeisperren passieren. Das Militärregime hat den Burmesen verboten, Ausländer ins Krisengebiet zu transportieren. Und mit dem Regime legt sich hier niemand gerne an.

Langsam gehen die Spenden aus

So sind in diesen Tagen die Lobbys der großen Hotels in Rangun zu Schaltzentralen der Katastrophenmanager geworden. An kleinen Couchtischen auf dicken Teppichen tauschen sich internationale Helfer mit Einheimischen aus und beraten, wie die Burmesen Hilfsgüter auf Schleichwegen ins überflutete Irrawaddy-Delta schmuggeln können.

Im "Traders Hotel", einem Betonkasten mit 22 Stockwerken im Zentrum der Stadt, hat sich Musswessels mit Kollegen von der Hilfsorganisation arche nova zusammengetan. Gemeinsam sitzen sie zwischen acht Burmesen. Der Wortführer, ein kleiner lächelnder Mann, 38, trägt den traditionellen Wickelrock, den "Longyi", ein vor dem Bauch geknotetes kariertes Tuch. Er hat Listen mitgebracht, Listen mit Namen von Flüchtlingen. 209 Erwachsene und 182 Kinder warten in zwei Flüchtlingslagern am Rande der Stadt dringend auf Wasser, Reis und Medikamente, Zahnpasta, Handtücher und Seife.

18,5 Millionen Kyat würde das alles kosten, hat der Burmese ausgerechnet, rund 17.000 Dollar. Musswessels kann einige seiner Medikamente aus der Kiste beisteuern. Den Rest wollen sie gemeinsam mit dem Burmesen in den nächsten Tagen auf den Straßenmärkten in Rangun kaufen. Die Burmesen sollen sie dann ins Lager bringen.

Ein erster Erfolg. Doch inzwischen haben die hilflosen Helfer noch ein ganz anderes Problem. Weil in Deutschland niemand sieht, wo die Hilfe ankommt, weil Gerüchte die Runde machen, das Militär nutze die Hilfsgüter nur für sich, gehen ihnen langsam die Spenden aus. So wirbt Musswessels an diesem Abend zum ersten Mal in seinem Internet-Tagebuch aktiv um Spenden. "Den Opfern ist schließlich egal was auf der Kiste steht und von wem sie kommt."

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