Burma nach dem Wirbelsturm Helfer wieder ausgewiesen

Die Junta bleibt hart: Die ersten Helfer sind bereits wieder ausgewiesen worden - dabei brauchen rund 1,5 Millionen Menschen nach dem Wirbelsturm in Burma dringend Hilfe. Die USA bemühen sich um eine Luftbrücke ins Katastrophengebiet.


Rangun - Die Menschen leiden - aber die Militärregierung gibt nicht nach: Die Junta in Burma will nach der Wirbelsturm-Katastrophe weiter keine ausländischen Helfer ins Land lassen. Stattdessen wurden die ersten Helfer bereits wieder ausgewiesen. Man sei zwar dankbar für Versorgungsgüter aus dem Ausland, wolle diese aber selbst verteilen, erklärte das Außenministerium am Freitag. Das Ministerium erwähnte in der Mitteilung, dass am Donnerstag in Rangun ein Flugzeug mit Rettungskräften gelandet sei, die keine Einreisegenehmigung gehabt hätten. Die Maschine sei zurückgeschickt worden.

Das Außenministerium in Rangun erklärte, Burma sei "nicht bereit" für Such- und Hilfsmannschaften aus dem Ausland. Die Erklärung wurde in einer staatlichen Zeitung veröffentlicht.

Wegen der Behinderungen durch die Militärjunta kommt die internationale Katastrophenhilfe für die Opfer des Zyklons deshalb nur langsam in Gang. Am Donnerstag landeten die ersten Flugzeuge des Roten Kreuzes und des Welternährungsprogramms (WFP) mit Versorgungsgütern in Burma.

Die USA bemühen sich unterdessen um die Zustimmung der burmesischen Militärjunta für eine Luftbrücke ins Katastrophengebiet. Das Abwerfen von Hilfsgütern ohne Erlaubnis halte er für unwahrscheinlich, erklärte Verteidigungsminister Robert Gates am Donnerstag in Washington. Der Stabschef der Streitkräfte, Admiral Mike Mullen, fügte hinzu, ein solches Vorgehen wäre eine Verletzung des burmesischen Luftraums, was nicht sehr hilfreich wäre. Zuvor hatte der Leiter des US-Büros für Katastrophenhilfe, Ky Luu, eine etwaige Versorgung der Opfer aus der Luft angekündigt, sollten amerikanische Militärflugzeuge mit Hilfsgütern auch weiterhin abgewiesen werden. Allerdings sei es insbesondere in Sumpfgebieten sehr schwierig, solche Güter zielgerecht von Flugzeugen abzuwerfen. Besser wäre eine Verteilung vor Ort, sagte Luu.

Die US-Regierung und Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon hatten die birmanische Militärregierung zuvor gedrängt, das Land für Hilfslieferungen zu öffnen. Japan stellte Burma zehn Millionen Dollar (6,5 Millionen Euro) in Aussicht. Das Geld solle unter anderem über das Uno-Welternährungsprogramm zur Verfügung gestellt werden, erklärte das Außenministerium in Tokio.

Der für humanitäre Hilfe zuständige Uno-Untergeneralsekretär John Holmes warnte vor einer dramatischen Verschlechterung der Lage, sollten nicht bald weitere Hilfsgüter in Burma eintreffen. Die Uno gingen von 1,5 Millionen Menschen aus, die dringend unterstützt werden müssten.

Im Katastrophengebiet drohte derweil Seuchengefahr. Nach Schätzungen des Weltkinderhilfswerks UNICEF leiden bereits 20 Prozent der Kinder in den am schwersten verwüsteten Regionen an Durchfallerkrankungen. Ferner seien Fälle von Malaria gemeldet worden. Gesundheitsexperten bemühten sich nun darum, eine größere Ausbreitung zu verhindern, erklärte der Unicef-Chef in Rangun, Osamu Kunii. Laut Unicef sollen am Freitag drei Millionen Tabletten zur Wasseraufbereitung von Thailand nach Birma gebracht werden.

Der Zyklon "Nargis" könnte nach Einschätzung einer US-Diplomatin 100.000 Menschen das Leben gekostet haben. Die staatlichen burmesischen Medien bezifferten die Opferzahl auf knapp 23.000, mehr als 42.000 Menschen galten demnach als vermisst. Rund 1,5 Millionen wurden obdachlos. Auch das Haus von Oppositionsführerin Aung San Suu Kyi wurde schwer beschädigt. Der Sturm war am Freitagabend am Delta des Irrawaddy-Flusses auf das südostasiatische Land getroffen und hatte auf seinem Weg nach Osten eine Schneise der Zerstörung hinterlassen.

"Niemand ist zu uns gekommen"

"Niemand ist zu uns gekommen", sagt der Reisbauer Kyi Aye aus einem Dorf südlich der Stadt Maubin im Irrawaddy-Delta. Er steht seit der Nacht zum vergangenen Samstag, als der Zyklon "Nargis" über dem Süden Burmas wütete, vor den Trümmern seiner kärglichen Existenz. "Sehr große Angst" hatten er und seine Familie, als "Nargis" wie ein wütendes Monster aus Sturm und Regen übers Land kam, die Flüsse aus ihren Betten drückte, die Ernte niederwalzte und mit salzigem Meerwasser bedeckte.

Hilfe gibt es kaum. Die Armee lässt sich nicht blicken, die internationalen Organisationen werden nicht ins Delta vorgelassen. "Wir werden das alles wohl selbst wieder aufbauen müssen", sagt Kyi Aye dem Korrespondenten des britischen "Independent", Andrew Buncombe.

"Die großen Reisflächen, die das Delta einst zu einer der ertragreichsten Reisanbauregionen der Welt machten, sind jetzt eine große Wanne, aus der langsam das Salzwasser abfließt", schreibt Buncombe - einer der wenigen Journalisten, die überhaupt über die Situation vor Ort berichten können. "Was man hier sieht, ist eine Katastrophe, deren Ausmaß noch zu spüren sein wird, lange, nachdem die ersten Schäden beseitigt sind."

Den Überlebenden droht Tod durch Seuchen, Durst, Hunger

Was sich zurzeit in Burma abspielt, ist an Zynismus nicht zu überbieten: Die internationale Hilfsmaschinerie, deren Organisationen über eine ausgefeilte und erprobte Katastrophen-Choreografie verfügen, darf nicht starten - offenbar wegen der Volksabstimmung am Samstag will das Regime nicht zu viele Ausländer einreisen lassen.

Während also frustrierte Helfer jenseits der Grenzen sitzen und auf Visa warten, während Flieger, mit Tonnen von Hilfsgütern bepackt, nicht Richtung Burma abheben dürfen, droht den Überlebenden des Zyklons der Tod durch Seuchen, drohen Durst und Hunger.

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