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Reportage aus dem brennenden Australien An der Feuerfront

Seit Monaten brennt Australien. Wer durch das Feuer reist, sieht ein zerstörtes, verunsichertes Land und trifft Menschen, die glauben, dass sie sich im Krieg befinden.
aus DER SPIEGEL 5/2020
Das massive Dunns Road Fire am Mount Adrah

Das massive Dunns Road Fire am Mount Adrah

Foto: Jeremy Piper/Oculi

Vor der Apfelstadt Batlow hält Jeremy Piper an, um ein Pferd zu tränken, das über die graslose Erde läuft, sein Fell angesengt von der Hitze. In Batlow sind alle Läden geschlossen, nur die Kneipe ist geöffnet. Es ist noch nicht Mittag, aber die Leute hier sitzen schon da, trinkend, verkatert, misstrauisch gegenüber den Fremden. Die Stadt ist für ihre Äpfel bekannt, die verbrannten Reste hängen an den Bäumen vor dem Ortsschild und rasseln im Wind. Die Kneipe war geöffnet, als das Feuer hier durchzog, erklärt uns der Wirt, seltsam stolz auf seine Öffnungszeiten. Trinkend starrten die Einheimischen auf die Flammen, die die alte Dosenfabrik zu einem Gerippe schmolz, die Tankstelle in die Luft jagte, über den Friedhof raste, mehr als 20 Häuser zerstörte. Die Feuerwehr hatte Batlow schon aufgegeben, die meisten hatten die Stadt verlassen, aber irgendwie haben sie überlebt, und die Kneipe ist nun Teil einer Heldensage geworden.

Hinter der Stadt, 460 Kilometer südlich von Sydney, ist die Straße abgesperrt. Neue Feuer sind ausgebrochen, der Wind hat zugenommen, hier im Wald von Bago soll man sich in Sicherheit bringen, heißt es über Funk und in den Warnhinweisen der Mobiltelefone. Jeremy Piper zeigt seinen Ausweis an der Straßensperre. Er fotografiert seit 25 Jahren Buschfeuer, die Feuerwehr hat ihn für diese Arbeit trainiert. Wir tragen flammhemmende, gelbe Hosen, Schutzbrillen gegen Glutstücke, die der Wind heranträgt. Wir haben Atemmasken dabei gegen den Rauch, und Schuhe, die nicht sofort schmelzen. "Ich lasse den Autoschlüssel immer stecken", hatte Piper erklärt, "wenn das Feuer kommt und ich nicht da bin, fährst du weg."

Fotostrecke

Der Feuerjäger

Foto: DARREN PATEMAN/ AAPIMAGE

Wir sind auf der Suche nach einem Brandherd weiter südlich, bei Tumbarumba, an den Westhängen der Snowy Mountains, des höchsten Gebirges Australiens, eigentlich ein Skigebiet. Die Einwohner dort haben mit Schneekanonen gegen das Feuer gekämpft. Piper hat den Wetterbericht studiert, er hört den Funk der Feuerwehr ab, es kann nicht mehr weit sein. Wir fahren eine Weile. Auf einer Anhöhe halten wir an. Normalerweise ist Asche schwarz, nur bei sehr heißem Feuer wird sie weiß. Hier ist die Asche weiß. Der Rest ist schwarz.

Ohne etwas zu sagen, steigen wir aus. Erst hier lässt sich ermessen, wie weit sich das Feuer erstreckt, kilometerweit bis zum nächsten Hügel, zum übernächsten, zum dritten und immer weiter bis zum Horizont. Eine Landschaft, so zerstört, als war es aus Absicht und mit großer Wut geschehen. So sahen die Schlachtfelder des Ersten Weltkriegs aus, die "Zone rouge", baumlos, von Granattrichtern und Schützengräben durchzogen, der Wald bei Ypern, der 1917 nach dem Artilleriebombardements nur noch aus Baumstümpfen und toter Erde bestand.

Der Fotograf Piper fotografiert ein Reh auf der anderen Seite der Straße, die Augen wie zu Kohlenstücken erstarrt, in einem geschwärzten Flammenwald. Unsere Füße versinken im Sand. Das Holz zerbröselt unter den Fingern wie altes Papier. Die Baumstümpfe schwelen noch, Piper geht vorsichtig durch die Asche, um nicht durch Hohlräume in die Glut darunter zu fallen. Krähen krächzen, sonst ist es hier still. Vor zwei Tagen trafen wir eine Frau, den Körper tätowiert, eine Harley-Davidson in der Garage, die den ganzen Tag aufgelesene Vögel, deren Kröpfe und Federn versengt waren, mit einer Pipette fütterte. "Wo sind eigentlich die guten Geschichten geblieben?", fragte sie. Wir stolpern durch die Öde von Bago, die hier einmal ein Wald war, etwas ratlos, nicht wissend, was wir eigentlich suchen. Schließlich bleibt Piper stehen, lässt die Kamera sinken und schüttelt den Kopf. "Das kann ich nicht fotografieren", sagt er, "das ist zu groß für ein Bild."

Familienvater Ryan vor seinem Haus: "Vielleicht dreht der Wind noch mal"

Familienvater Ryan vor seinem Haus: "Vielleicht dreht der Wind noch mal"

Foto: JEREMY PIPER / DER SPIEGEL

Es beginnt und endet immer mit einem Bild. Vom Golfkrieg 1991 bleibt das Fadenkreuz auf den Fernsehbildschirmen, das Flimmern, nachdem man den Flug einer lasergesteuerten Bombe auf ihren letzten Metern vor dem Einschlag verfolgen konnte.

Die Feuer in Australien kamen auch nach Deutschland als Storys auf Instagram und Facebook. Fotos, die aussehen, als wären sie gelbstichige Polaroids, im Retrodesign aufgenommen. Eine Geschichte von der anderen Seite der Erde, die uns wenig anging, in deren Schein man sich aber gruseln konnte wie in einem Zombiefilm. "Leute", schrieb einer auf Twitter, als ob er daran erinnern wollte, dass es uns vielleicht doch etwas anginge, "das ist kein dystopischer Sciene-Fiction-Film. Das ist Australien. Jetzt."

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