Calais Mehr als 30 Tote bei Bootsunglück im Ärmelkanal – Macron ruft zu europäischer Krisensitzung auf

Erneut ist ein Boot mit Geflüchteten im Ärmelkanal gekentert, mindestens 31 Menschen starben auf dem Weg nach Großbritannien. Frankreichs Präsident forderte Maßnahmen gegen Schleuser – auch von Deutschland.
Drei Rettungsschiffe und zwei Hubschrauber kamen im Ärmelkanal zum Einsatz

Drei Rettungsschiffe und zwei Hubschrauber kamen im Ärmelkanal zum Einsatz

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FRANCOIS LO PRESTI / AFP

Beim Untergang eines Bootes mit Geflüchteten sind 31 Menschen im Ärmelkanal vor der französischen Stadt Calais ertrunken. Darunter befanden sich fünf Frauen und ein kleines Mädchen, teilte Frankreichs Innenminister Gérald Darmanin am Mittwochabend in Calais mit. Zwei weitere Personen, die sich auf dem Boot befanden, konnten demnach gerettet werden, schwebten aber in Lebensgefahr. Die Menschen waren auf dem Weg nach Großbritannien.

Vier Schleuser, die möglicherweise an der gescheiterten Überfahrt von Frankreich aus beteiligt waren, seien festgenommen worden. Zuvor war die französische Polizei von mindestens 27 Toten ausgegangen.

Präsident Emmanuel Macron rief unterdessen zu einer Krisensitzung auf europäischem Niveau auf. Frankreich werde nicht zulassen, dass der Ärmelkanal sich in einen Friedhof verwandele und Schleuser Menschenleben in Gefahr brächten. Die Mittel der Grenzschutzagentur Frontex an den Außengrenzen der EU müssten unverzüglich erhöht werden. Gemeinsam mit Großbritannien, Belgien, den Niederlanden und Deutschland müsse verstärkt gegen kriminelle Schleusernetzwerke vorgegangen werden, verlangte Macron. Seit Jahresbeginn seien 1552 Schleuser an der französischen Küste gefasst worden.

Innenminister reist zum Unglücksort

Premierminister Jean Castex sprach von einer »Tragödie«. Es gebe große Betroffenheit angesichts des Dramas, sagte Frankreichs Innenminister Gérald Darmanin. Er werde zum Ort des Unglücks reisen. »Man kann nicht oft genug betonen, wie kriminell die Schlepper sind, die diese Überfahrten organisieren«, so Darmanin.

Der britische Premierminister Boris Johnson sagte, er sei »schockiert, entsetzt und zutiefst betrübt« nach dem Tod der Migranten, berichtete die Nachrichtenagentur PA. Als Reaktion berief er das nationale Sicherheitskabinett ein.

Wie die Maritime Präfektur während der noch laufenden Rettungsaktion mitteilte, habe ein Fischerboot den Notruf abgesetzt, dass sich mehrere Menschen in Seenot im Ärmelkanal befänden. Drei Rettungsschiffe und zwei Hubschrauber seien daraufhin zum Einsatz gekommen. Aus der Luft und per Boot werde im Meer nach möglichen weiteren Schiffbrüchigen gesucht.

Konflikt zwischen Frankreich und Großbritannien

Im laufenden Jahr haben bisher mehr als 24.700 Menschen illegal den Ärmelkanal überquert. Das sind fast dreimal so viele wie im gesamten Jahr 2020. Die britische Regierung wirft Frankreich vor, nicht genug gegen illegale Überfahrten zu unternehmen, Paris weist das zurück.

Erst im Juli hatten beide Seiten ein neues Kooperationsabkommen vereinbart, um die wachsende Zahl der Migranten, die mit kleinen Booten über den Ärmelkanal nach England kommen, in den Griff zu bekommen. London sagte dabei 62,7 Millionen Euro zu, um die französischen Behörden zu unterstützen.

ptz/ngo/dpa/AFP
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