DER SPIEGEL

Flüchtlingscamps in Griechenland "Hier können wir nicht leben"

Nach dem Brand von Moria sollte alles besser werden. Doch Regen, Corona, Dreck und Krätze sind nur einige der Probleme, die den Menschen in den griechischen Camps gerade zu schaffen machen.

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"Der einzige Unterschied zu Moria sind die neuen Zelte. Mehr nicht. In der Nacht des Brandes waren manche von uns froh. Als würde die Ursache unseres Elends brennen. Aber unser Elend kam zurück wie ein Geist, der uns heimsucht." 

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"Das neue Lager ist schrecklich. Hier können wir nicht leben. In diesem Lager gibt es keine sanitären Einrichtungen, kein Wasser. Wir waschen uns und unsere Kleider im Meerwasser. Die Menschen hier haben psychische Probleme, insbesondere wir Frauen."  

Innerhalb weniger Tage ließ die griechische Regierung nach dem Feuer in Moria im September das neue Camp "Kara Tepe" errichten. Weil das Gelände militärisches Sperrgebiet ist, dürfen Journalisten es nicht betreten, filmen ist verboten. Luftaufnahmen, die die Regierung kurz nach dem Aufbau veröffentlicht hat, zeigen eine scheinbar idyllische Zeltstadt. Doch ein starker Regenschauer reicht, um das Camp unter Wasser zu setzen. Nach der Feuer-Katastrophe in Moria sollte alles besser werden als zuvor, doch die Hilfsorganisation "Ärzte ohne Grenzen" schlägt jetzt Alarm. 

Stephan Oberreit / "Ärzte ohne Grenzen", Landeskoordinator Griechenland 

"Ärzte ohne Grenzen hatte nach dem Brand dazu geraten, alle Flüchtlinge von Lesbos zu evakuieren. Diese Menschen haben so viele verschiedene Traumata erlebt, dass es an der Zeit gewesen wäre, zu sagen: Genug ist genug. Bringen Sie diese Menschen an einen sicheren Ort auf dem Kontinent unter, statt an einem provisorischen Platz, der viele Probleme mit sich bringt. Die sanitären Einrichtungen sind noch schlimmer als in Moria, wenn das überhaupt möglich ist. Menschen waschen sich im Meer und wir wissen, wie salzig das Mittelmeerwasser ist. Menschen mit Krätze bekommen schlimme Wunden auf der Haut. Wir sind weiterhin weit davon entfernt, eine angemessen menschliche Unterbringung für diese tausenden Menschen, Kinder, Frauen, Männer zu haben."  

Die Corona-Pandemie erschwert die Lage zusätzlich. Im Flüchtlingslager "Vathy" auf der griechischen Insel Samos werden Geflüchtete mit einem positiven Corona-Test von den anderen Bewohnern isoliert. Mittlerweile gibt es mehr als 100 Infizierte in diesem EU-Hotspot, die unter katastrophalen Bedingungen in Quarantäne sitzen. 

Mirjam Molenaar / "Ärzte ohne Grenzen" 

"Menschen mit einem positiven Corona-Test werden in Isolations-Containern untergebracht. Wir wissen von unseren Patienten, dass die Bedingungen in diesen Containern schlimm sind. Es sind Löcher im Boden, es gibt Kakerlaken und Ratten, das Essen ist ungenießbar. Darüber hinaus leben Patienten mit verschiedenen gesundheitlichen Problemen zusammen: Labile Menschen, einzelne Männer und Frauen im selben Container, dazu Frauen mit neugeborenen Kindern, Familien, aber auch ältere Menschen. Das muss aufhören. Wir brauchen hier auf Samos einen angemessenen Umgang mit Corona." 

Für die rund 4.500 Bewohner dieses Lagers auf Samos gibt es nur zwei Militärärzte und drei Krankenpfleger. Die Mediziner von "Ärzte ohne Grenzen" behandeln Patienten außerhalb des Camps. Unter ihnen befinden sich Schwangere, Opfer sexueller Gewalt und Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen, die unter den Zuständen besonders leiden.  

Stephan Oberreit / "Ärzte ohne Grenzen" 

"Wir hatten gehofft, dass das Feuer von Moria und die Zerstörung dieses schrecklichen Flüchtlingscamps, zu einem Weckruf wird. Ein Weckruf für die griechische Regierung, die EU-Mitgliedsstaaten und die EU-Kommission. In gewisser Weise ist etwas passiert, weil so viele Politiker gesagt haben: Wir wollen keine Morias mehr.  Aber in der Tat gibt es jetzt andere Morias, zum Beispiel auf Samos und den ganzen anderen Hot-Spot-Inseln. Lesbos ist nicht das einzige Camp. Menschen in solchen schrecklichen Verhältnissen festzuhalten ist unwürdig für Europa und passt nicht zu den europäischen Werten und dazu, wofür Europa steht.

Direkt nach dem Großbrand in Moria hatte Griechenland etwa 400 Minderjährige, die ohne Begleitung ihrer Eltern unterwegs waren auf das Festland gebracht. Für einige zurückgebliebenen Eltern mit Kindern war das eine schwierige Situation.

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"Meine Botschaft an die europäischen Staats- und Regierungschefs ist: Wenn Ihr den unbegleiteten Minderjährigen helfen wollt, dann bedenkt, dass einige Familien auch Kinder haben. Ich bin als Mutter der Grund dafür, dass meine Kinder zurückgelassen werden. Ich dachte schon an Selbstmord.

In Vorbereitung auf den Winter haben die Behörden jetzt angekündigt, die Zelte auf Lesbos mit einem festen Boden zu versehen. Für die tausenden zurückgebliebenen Menschen auf den griechischen Inseln geht die Tortur weiter. Sie kämpfen um Obdach, Gesundheit und eine Zukunft. 

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