Waffenhändler als Vater? Was an den Verschwörungstheorien über Carola Rackete Quatsch ist

Foto: dpa

Dieser Beitrag wurde am 02.07.2019 auf bento.de veröffentlicht.

Die Kapitänin Carola Rackete steht in Italien unter Hausarrest, weil sie mit dem Seenotrettungsschiff "Sea-Watch 3" und 40 Geflüchteten an Bord im italienischen Hafen von Lampedusa anlegte. 

Dass sie Menschenleben gerettet hat, macht Carola Rackete für die einen zur Heldin, andere sehen sie als Verbrecherin und verbreiten nun wilde Verschwörungstheorien über sie im Netz. 

Wir haben uns diese mal genauer angesehen.

Wird sie von der Rüstungsindustrie finanziert?

Die "Sea-Watch 3" war noch nicht in den Hafen von Lampedusa eingelaufen, da ließ sich der italienische Innenminister Matteo Salvini bereits über die Kapitänin Carola Rackete aus: Eine "kleine Angeberin" nannte er sie in einem Livestream auf Facebook. Sie mache Politik auf dem Buckel von Migranten und werde dafür von "wem auch immer" bezahlt, so Salvini. (SPIEGEL ONLINE)

Für einige rechte italienische Medien war schnell klar, woher das Geld der Seenotretterin stammen soll: Von Racketes angeblich wohlhabenden Vater, der in der Rüstungsindustrie reich geworden sei. Auf einem mittlerweile gelöschten Linkedin-Profil von Ekkehard Rackete war angegeben, er sei Berater bei dem Rüstungskonzern "Mehler Engineered Defense". 

Diese Meldungen verbreiteten sich auch auf deutschen Webseiten und Blogs. Auf "Watergate.tv", einem Portal für rechte Verschwörungstheoretiker, wird der Vater kurzerhand zum "Waffenhändler" erklärt und behauptet, die Militärindustrie profitiere von "illegaler Migration". 

Fakt ist: Ekkehard Rackete ist ehemaliger Oberstleutnant der Bundeswehr – und "Mehler Engineered Defense" kein Waffenexporteur. Das Unternehmen stellt laut eigener Beschreibung lediglich Schutzsysteme für den militärischen und zivilen Bereich her. 

Die österreichische Webseite "unzensuriert.at" stellt außerdem die Vermutung auf, dass Carola Racketes Tätigkeit in der Seenotrettung "maßgeblich vom Vater mitfinanziert" werde. Die Seite beruft sich dabei auf ein Interview der italienischen Zeitung "Corriere della Sera " mit Ekkehard Rackete. Im gleichen Interview sagte der Vater jedoch auch, dass seine Tochter selbst genug verdient habe, um ihre Freiwilligenarbeit zu finanzieren.

Hätte "Sea-Watch" die Geretteten nach Nordafrika zurückbringen müssen?

"Watergate.tv" schreibt, die "Sea-Watch 3" habe die 40 Geflüchteten "unmittelbar vor der Küste Libyens" aufgenommen, und suggeriert damit, sie hätten sich noch in libyschen Hoheitsgewässern befunden. Nach Angaben von "Sea-Watch" wurden die Migranten jedoch etwa 87 Kilometer vor der Küste aus dem Wasser gerettet, also in internationalen Gewässern. (stern.de )

Von verschiedenen rechten Medien kommt die Forderung, gerettete Migranten einfach in den nächsten Hafen zu bringen – also nach Libyen oder Tunesien. 

Rettungsorganisationen wie "Sea-Watch" weigern sich, diese Häfen anzufahren, und berufen sich dabei auf das Seerecht. Gemäß dem "Internationalen Übereinkommen von 1974 zum Schutz des menschlichen Lebens auf See" (IMO ) müssen Gerettete zu einem "sicheren Ort" gebracht werden. 

In Libyen herrscht Bürgerkrieg, Geflüchtete werden in Gefangenenlager gesteckt, wo ihnen Folter und Vergewaltigung droht (SPIEGEL ONLINE). Die Geretteten hierhin zurückzubringen wäre sogar rechtswidrig. Und auch in Tunesien sind laut NGOs Menschenrechtsverletzungen an der Tagesordnung, noch immer hat Deutschland Tunesien nicht als sicheres Herkunftsland eingestuft. 

Aus Sicht von "Sea-Watch" war der etwa 200 Kilometer entfernte Hafen von Lampedusa deshalb der nächste sichere Ort, an den man die geretteten Migranten bringen konnte. Nach der 16-tägigen Odysee im Mittelmeer, währenddessen sich kein Land dazu bereiterklärte, das Schiff an Land zu lassen, erklärte Carola Rackete schließlich den Seenotfall, setzte sich über die Anweisungen der italienischen Küstenwache hinweg und fuhr den Hafen von Lampedusa an.

Bringen Seenotretter wie Carola Rackete Menschen überhaupt erst dazu, die gefährliche Reise über das Mittelmeer zu wagen?

Auch diese These ist auf rechten Blogs weit verbreitet, doch erwiesen ist sie keineswegs. 

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In diesem Jahr gab es Zeiten, zu denen so gut wie keine Schiffe von privaten Seenotrettern auf dem Mittelmeer unterwegs waren – aufgrund des starken politischen Drucks durch die italienische Regierung, die auch mehrfach Schiffe beschlagnahmte. Mehr als 29.000 Menschen wagten in diesem Jahr dennoch die Überfahrt. Knapp 600 von ihnen überlebten sie nicht. (IOM )