Casting für ZDF-Film Stunde der Molligen

Ein molliges Mädchen - wer will das schon sein? In Berlin haben sich Hunderte Teenager zum Übergewicht bekannt - denn dort sucht eine Filmproduktion eine pummelige Darstellerin. Beim Casting schlichen sich dann allerdings auch die Damen mit Barbie-Maßen ein.

Von Christiane Wolters


Casting-Teilnehmerinnen Judith, Conny, Jenny, Marlene: Eine Art Zauberformel zum Glück
DER SPIEGEL

Casting-Teilnehmerinnen Judith, Conny, Jenny, Marlene: Eine Art Zauberformel zum Glück

Berlin - Manchmal ist der Film schon zu Ende, bevor überhaupt der Vorspann begonnen hat. Das zierliche Mädchen mit den platinblonden Haaren und den sorgfältig schwarz getuschten Wimpern versteht die Welt nicht mehr. "Sie sind viel zu dünn", hat die Filmproduzentin nach einem flüchtigen, aber prüfenden Blick gesagt. Ein kurzes nervöses Kichern, doch nach einer Schrecksekunde gefriert das strahlende Mädchenlächeln: Die Produzentin meint es ernst. "Wir suchen jemanden, der pummelig ist", erklärt Meike Kordes von der Kordes Film GmbH resolut. Jetzt dämmert auch der feenhaften Blondine, dass das Ganze kein schlechter Scherz ist. "Na toll, das kann ich doch nicht wissen. Meine Mutter hat mich hier hingeschickt", nölt sie, wirft die langen Haare über die Schulter und rauscht davon.

Sie ist nicht die einzige, die das Kleingedruckte offenbar nicht so genau gelesen hat: Das Kriterium "pummelig" könnte Christian Bulwien durch gezielte Kalorienzufuhr möglicherweise noch erfüllen, aber dem Bekannten, der ihm von dem Casting erzählt hat, ist ein weiteres, nicht minder wichtiges Detail entgangen: "Wir suchen ein hübsches, junges und pummeliges Mädchen mit Schauspieltalent", lautete der Anzeigentext. "Mit Ihrem Bart kommen Sie hier nicht durch", sagt Kordes lachend. Dem 27 Jahre alten Schauspieler ist der Irrtum sichtbar unangenehm, und er sieht zu, dass er schnell aus der Schar der dicken Mädchen verschwindet.

Die "Zauberformel" zum Glück

Dass so viele hoffnungsvolle Nachwuchsdarstellerinnen zu dem Casting ins Filmhaus an der Potsdamer Straße strömen, überrascht auch Meike Kordes. Denn die Anzeige war lediglich an drei Tagen, insgesamt 120 Mal im "Berliner Fenster", den Werbemonitoren, in den rund 1100 U-Bahnen der Stadt zu sehen. Obwohl keine Telefonnummer angegeben war, seien die Telefone bei ihnen daraufhin heißgelaufen, berichtet Denise Klaudat vom "Berliner Fenster". "Gewundert hat mich das nicht", sagt sie. "Ein Casting wird heute ja als eine Art Zauberformel angesehen."

Die Zauberformel, die den einen Traum wahr machen soll, den Millionen von Mädchen überall auf der Welt träumen: entdeckt werden! Berühmt werden! Ein Filmstar sein! Der Traum vom Diven-Dasein rückt beim Casting in greifbare Nähe.

Pfundsweib statt "Strich in der Landschaft"

Pummel-Kandidatinnen: "Wirklich furchtbare Speckröllchen"
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Pummel-Kandidatinnen: "Wirklich furchtbare Speckröllchen"

Besonders das "pummelig" habe sie angesprochen, sagt die 18-jährige Judith, die schon eher die geforderten körperlichen Voraussetzungen für das Casting mitbringt. "Die Frauen, die sonst im Fernsehen so auftreten, sind ja eher Striche in der Landschaft." Sie wolle auf jeden Fall Schauspielerin werden, sagt Judith mit glänzenden Augen. Mehrmals stand sie schon in Jugendtheaterprojekten auf der Bühne, nach ihrem Abitur im nächsten Jahr will sie sich an verschiedenen Schauspielschulen bewerben. Mit ihrem Auftritt vor der Casting-Crew ist sie allerdings nicht zufrieden. "Eher peinlich" sei das gewesen, sagt sie betreten: "Irgendwie habe ich meinen Mund nicht aufbekommen. Sonst bin ich nicht so."

Nur wenige Minuten haben die Mädchen Zeit, um zu zeigen, ob "sie ein Licht anmachen können", wie Kordes das gewisse Etwas, eben die Portion Ausstrahlung beschreibt, die die Filmcrew überzeugt. "Das Gesicht muss lebendig sein", sagt Regisseurin Katinka Feistl. Sie sucht die Hauptdarstellerin für ihren Abschlussfilm an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (DFFB).

In "Schöne Tiffany" - der Film soll im kommenden Jahr in der ZDF-Reihe "Kleines Fernsehspiel" laufen - geht es um eine junge, mollige Kosmetikerin, die mit ihren Pfunden selbstbewusst durchs Leben geht. Doch wie das so ist: Als sie ihren Traummann trifft, ist es mit dem Selbstbewusstsein plötzlich vorbei. Nach mehreren Missverständnissen zwischen den beiden Verliebten entschließt Tiffany sich zu einem radikalen Schritt und lässt sich Fett absaugen. Ob das der richtige Weg war, wird - man ahnt es schon - der Film freilich zeigen.

Alle möchten zunehmen - "zehn Kilo schaff' ich"

Screenshot der Casting-Anzeige: "Zehn Kilo ohne Probleme"

Screenshot der Casting-Anzeige: "Zehn Kilo ohne Probleme"

Doch die passende Tiffany zu finden, ist gar nicht so einfach. "Die meisten professionellen Schauspielerinnen sind leider nicht pummelig", sagt Kordes. Daher auch der Casting-Aufruf in den U-Bahnen. Mit dem Ergebnis, dass sich an die 350 Mädchen zwischen 17 und 27 Jahren auf dem Flur der DFFB drängeln. Manche wippen beruhigend den Kinderwagen, in dem sie ihren Nachwuchs mitgebracht haben, andere haben ihren Freund oder Hund zwecks moralischer Unterstützung dabei. Rasch ist die Luft stickig - argwöhnisch werden die Hinzukommenden begutachtet. Die eine oder andere schnüffelt verstohlen an ihrem Oberteil: Nicht auszudenken, wenn man bei all der Fülle und Aufregung plötzlich unangenehm ausdünsten würde.

Die Konfektionsgrößen sind vielfältig: Größe 40, 48 oder noch mehr - hier sind alle vertreten. Allerdings haben sich auch einige Vertreterinnen der "30er-Liga" eingeschlichen. Immer wieder sagt Kordes: "Sie müssten aber zunehmen." Um eine Filmdiva zu werden, nimmt man das Gewichtzulegen, das Renée Zellweger in "Bridget Jones" so schön vorgemacht hat, offenbar gerne in Kauf. "Sie glauben gar nicht, wie schnell das geht", sagt die 20-jährige Cornelia, etwa 1,65 Meter groß und 58 Kilogramm schwer, mit all ihrer Überzeugungskraft. "Zehn Kilo könnte ich ohne Probleme schaffen."

"Schon lustig, wer sich alles pummelig findet", sagt die rundliche Jenny kopfschüttelnd. Die 23-jährige Studentin wurde von ihrem Freund auf das Casting aufmerksam gemacht und ist "ganz spontan" vorbei gekommen. Nun hofft sie auf ein "Erfolgserlebnis". Im Fernsehen seien Dicke generell immer noch unterrepräsentiert. Noch mehr zunehmen will Jenny allerdings nicht, selbst wenn das verlangt würde. "Wenn ich abnehmen müsste - da hätte ich nichts gegen", sagt sie lachend.

Das Glück ist mit den Molligen

Screenshot der Casting-Anzeige: "In der dritten Klasse schon mal bei einem Theaterstück mitgespielt"

Screenshot der Casting-Anzeige: "In der dritten Klasse schon mal bei einem Theaterstück mitgespielt"

Wer von den Mädchen als Glückliche mit dabei sein darf, wenn im August die Dreharbeiten beginnen, steht noch nicht fest. "Wir treffen hier erstmal eine Vorauswahl", sagt Kordes. Daher muss auch niemand etwas vorspielen, die Mädchen sollen sich lediglich in kurzen Worten vorstellen. Einige sind ausgebildete Schauspielerinnen oder Schauspielschülerinnen, andere haben eher bescheidene Bühnen- und Kameraerfahrung: "In der dritten Klasse habe ich mal bei einem Theaterstück mitgespielt", erinnert sich Sandra. Nicole war sogar schon mal bei einem Videodreh dabei, wurde aber "leider nachher rausgeschnitten".

Wahrlich keine leichte Aufgabe für die Filmcrew, bei all den Bewerberinnen den Überblick zu behalten - und den Mädchen den Unterschied zwischen subjektiver und objektiver Wahrnehmung klar zu machen. "Sie sollten mich mal im Bikini sehen. Ich habe wirklich furchtbare Speckröllchen", empört sich eine Wartende, die von Kordes als zu dünn eingeordnet wird und nach Hause gehen soll. Da können sich die echten Pummeligen ein schadenfrohes Grinsen hinter vorgehaltener Hand nicht verkneifen.



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