Chaos am Rhein "Das ist wie im Wilden Westen"

Die Havarie der "Excelsior" auf dem Rhein hat den Schiffsverkehr lahm gelegt: Kapitäne nutzen die Zwangspause für Schönheitsreparaturen, bauen Mini-Boote - und schimpfen über die hohen Verluste.

Von Sandra Fomferek, Köln


Köln - Seine letzte Tour mit dem Frachtschiff hatte sich Giel Verkamman anders vorgestellt: Seit Sonntag hängt der 59-jährige Niederländer gemeinsam mit seiner Frau Nellie im Niehler Hafen fest. Die Bergung der Container, die der Frachter "Excelsior" nach seiner Havarie verloren hatte, geht nur schleppend voran, solange bleibt der Rhein auf mehreren Kilometern gesperrt.

Die Becken im Kölner Norden, dem zweitgrößten deutschen Binnenhafen, gleichen einem Schiffsparkplatz: Neben Verkammans "Indus" schwanken noch rund 60 weitere Boote im Wasser auf und ab. In Dreierreihen warten sie darauf, endlich weiter fahren zu dürfen. Bis es soweit ist, schlagen die Schiffer die Zeit tot: An einem Boot putzen und schrubben Matrosen bis es blitzt und blinkt, auf einem anderen lackiert ein Mann die Außenwand neu.

"Ich kann mich hier schon mal ans Nichtstun gewöhnen", witzelt Verkamman als zukünftiger Rentner. Langweilig wird ihm aber nicht: In einer Bastelecke in seiner Kajüte fertigt er Schiffsmodelle im Maßstab 1:150. Als Erinnerung baut er sich gerade die "Indus" nach. Das 105 Meter lange Original hat er schon verkauft. Nur noch einmal wollte er eine Ladung von Rotterdam nach Neckarwestheim transportieren: 17.000 Tonnen Kohle für ein Kraftwerk. Mittwoch hätte er die Kohle abliefern sollen. "Ich wollte noch Gipssteine mit zurücknehmen", erzählt er: "Daraus wird jetzt nichts mehr."

Vermutlich wäre das Ehepaar sogar vor dem Unglück an Köln vorbei gekommen, wenn sie nicht den Samstag freigenommen und für einen Ausflug in die Kölner City genutzt hätten. Doch auf seiner allerletzten Fahrt, möchte sich der Kapitän darüber nicht ärgern. Von Kindsbeinen an, seit 48 Jahren, ist er auf Booten zu Hause. Gesperrte Strecken durch Havarie oder Hochwasser hat er schon oft erlebt, aber dabei noch nie so lange festgesessen.

Das Warten ist für ihn nicht billig: Ein paar 1000 Euro Verlust macht er täglich. "Das Geld bekomme ich von niemanden zurück, das muss ich aus eigener Tasche zahlen", betont er. Während er erzählt, meldet sich über Funk eine genervte Männerstimme, Verkamman und seine Frau lauschen gespannt. Doch Neuigkeiten gibt es keine, nur um mehr Geduld wird gebeten. "Eine Autobahn wäre in einer Dreiviertelstunde geräumt", schimpft der 59-Jährige. "In einer Stunde", korrigiert seine Frau.

"Auf solche Pannen muss Deutschland besser vorbereitet sein"

Wieso die Bergung so lange dauert, können beide nicht nachvollziehen. "Man hätte die Container zumindest, bevor sie abgetrieben sind, mit Bojen markieren können, dann müsste man sie jetzt nicht lange suchen", meint die Niederländerin. Beide hoffen, dass in Kürze der Rhein zumindest abwechselnd in die eine und in die andere Richtung befahrbar sein wird. Schnell weitergehen wird es auch danach nicht, ist sich der Kapitän sicher: "Es sind so viele Schiffe unterwegs, dass es sich an jedem Knotenpunkt aufs Neue staut."

Überall entlang des Rheins warten Frachter auf die Weiterfahrt. Kees Heuvermann hat es mit seinem Boot "Amethyst" noch in den jetzt gesperrten Rhein-Bereich geschafft, bis ihn die Wasserpolizei ans Ufer lotste. Unterwegs von Antwerpen hätte er am Dienstag seine Kohle-Ladung nach Mannheim bringen sollen. Jetzt parkt sein Riesenfrachter knapp vor der Mülheimer Brücke und wurde zum Hausboot umfunktioniert: Stühle stehen in der Sonne auf dem Deck, das Auto parkt startklar vor dem Schiff - ein Luxus, auf den die Kapitäne im Niehler Hafen verzichten müssen. "Ich fahre immer bis an die Sperrung ran", sagt Heuvermann und grinst. Er hat seine Gründe: Wenn es endlich weiter geht, gehört ihm die "Pole-Position".

Bis dahin gibt er Interviews: Einer Gruppe Schulkinder löchert ihn über die Reling hinweg mit Fragen. Seine Matrosen kümmern sich derweil ums Lackieren, Saubermachen und den Ölwechsel. "Alles, wozu man sonst nicht kommt", sagt der 39-Jährige. Auf die Behörden, die ihm die Zwangspause verordnen, ist er gar nicht gut zu sprechen. "Sperrungen bei Hochwasser sind nicht zu vermeiden, die muss man hinnehmen, aber das hier ist wirklich schlecht organisiert", schimpft er. "Das ist eine wichtige Strecke, auf solche Pannen muss Deutschland besser vorbereitet sein."

Jeder Tag an der Mülheimer Brücke kostet ihn 4000 Euro netto. Vorgesorgt hat er für diesen Fall nicht: "So eine Versicherung ist extrem teuer und wird in der Regel nicht gebraucht." Wenn die Sperrung aufgehoben wird, droht auf dem Rhein das große Chaos, ist Heuvermann überzeugt. Er hat schon ähnliche Situationen bei Hochwasser erlebt: "Das ist wie im Wilden Westen." Jeder wolle so schnell wie möglich weiter, um nicht noch mehr Verluste zu machen. "Was dann über Funk abgeht, ist unvorstellbar."



© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.