Chaos auf den Autobahnen Verkehrsexperten fordern Kettenpflicht für Lkw

Rutschende Brummis und verkeilte Großlaster verursachen derzeit schwerste Unfälle und blockieren die Autobahnen. Im Westerwald ist die A3 wegen eines Lasterunfalls gesperrt. Jetzt fordern Verkehrsexperten mehr Kontrollen und strengere Strafen für Spediteure -  und eine Kettenpflicht.
Lkw-Unfall in Hessen: Verkehrspolitiker fordern Winterreifen- und Kettenpflicht

Lkw-Unfall in Hessen: Verkehrspolitiker fordern Winterreifen- und Kettenpflicht

Foto: dapd

Hamburg/ Montabaur - Den Deutschen in den Mittelgebirgen geht der Sprit aus, weil die Tankwagen nicht durchkommen und im Schnee steckenbleiben. Umgekippte Lastwagen blockieren teils für Stunden die Autobahnen.

Am Samstagmorgen sperrte die Polizei die A3 im Westerwald in Richtung Köln nach einem Lkw-Unfall. Mehrere Lastwagen hatten sich quer gestellt, zwischen Diez und Montabaur ist die Schnellstraße derzeit dicht. Im nachfolgenden Stau kam es zu einem weiteren Unfall. Im Tagesverlauf rechnet die Polizei mit weiteren starken Schneefällen und Behinderungen, vor allem auf den Autobahnen 3 und 48. Auch die A1 war nach einem Lastwagenunfall am frühen Morgen zwischen Cloppenburg und Vechta gesperrt. Bei Glatteis war der Lastwagen in die Mittelleitplanke geprallt, sagte ein Polizeisprecher. Seit 9 Uhr fließt der Verkehr wieder.

Vor dem Hintergrund der zahlreichen Lkw-Pannen und schwerer Unfälle auf glatten Straßen hat der Vorsitzende des Verkehrsausschusses im Bundestag, Winfried Hermann (Grüne), jetzt eine schärfere Winterreifenpflicht für Lastwagen und Busse gefordert. Auch Verkehrsexperten von Union und SPD sprachen sich in der "Neuen Osnabrücker Zeitung" für erweiterte Fahrverbote und eine Schneekettenpflicht für Lkw aus.

"Es reicht nicht aus, für Busse und Lkw Winterreifen nur auf der Antriebsachse vorzuschreiben", sagte Hermann. Jetzt räche sich, "dass der Bundesverkehrsminister dem Jammern der Spediteure über zusätzliche Kosten mit falschen Zugeständnissen nachgegeben hat". Ramsauer müsse seine Vorschriften dringend nachbessern. Nötig seien härtere Sanktionen, wenn Lkw ohne Winterreifen unterwegs seien. "Bußgelder von 40 bis 80 Euro sind angesichts des Gefährdungspotentials ein Witz."

Der verkehrspolitische Sprecher der Union, Dirk Fischer (CDU), forderte, für Spediteure müssten künftig schärfere Vorgaben und Sanktionen gelten als für andere Autofahrer. Dazu gehöre eine Winterreifenpflicht ohne Abstriche und bei Verstößen "Bußgelder im dreistelligen Eurobereich sowie schärfere Strafpunkteregeln". Außerdem müsse es erweiterte Fahrverbote für Lkw auf Autobahnen geben. Bei der gegenwärtigen Witterung seien die Laster im Zweifelsfall stunden- oder tageweise aus dem Verkehr zu ziehen.

Der SPD-Ausschussvertreter Uwe Beckmeyer forderte sogar eine Schneekettenpflicht für Lastwagen. Eine solche Kettenpflicht sei sinnvoll, sagte er der "Westdeutschen Allgemeinen". Es könne nicht sein, "dass liegengebliebene Lkw im Winter die Autobahnen verstopfen", so der SPD-Politiker.

Durch den harten Winter aus dem Vorjahr geschwächt, gehen die kommunalen Räumdienste durch den frühen Wintereinbruch bereits vor Weihnachten in die Knie. Das Streusalz ist knapp, die Kosten für Räumdienst und Straßenreparaturen schießen in die Höhe.

Die Kommunen befürchten wegen des Wintereinbruchs einen deutlichen Kostenanstieg für den Winterdienst. Das Räumen der rund 450.000 Kilometer Gemeindestraßen habe bereits im vergangenen Jahr mehr als 3,5 Milliarden Euro zusätzlich gekostet und bislang hätten längst nicht alle Schäden repariert werden können, sagte der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städte- und Gemeindebunds (DStGB), Gerd Landsberg, der Zeitung "Rheinpfalz am Sonntag".

Werde der gesamte Winter streng, sei mit weiteren Milliarden zusätzlicher Kosten zu rechnen. Der Finanzbedarf für den Ausbau und die Erhaltung kommunaler Straßen werde auf acht bis zehn Milliarden Euro geschätzt. Zu Verfügung stünden jedoch nur fünf Milliarden Euro.

Landsberg schloss nicht aus, dass auch in Deutschland, wie bereits in nordischen Ländern üblich, bei dauerhafter Schneelage künftig teilweise auf ein Räumen der Straßen verzichtet werde. Die Autofahrer müssten sich dann auf das Fahren auf einer festen Schneedecke gewöhnen.

Nach Erkenntnissen des Gemeindebunds wurden bereits im vorigen Winter teilweise doppelt bis dreimal so viel Streusalz und Streugut verwendet wie in früheren Jahren. Die Tagesproduktion liege derzeit bei rund 50.000 Tonnen und werde komplett aufgebraucht.

cht/dapd/dpa